Bayern 2


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Kommentar Lockerungen für Geimpfte und Genesene kommen zu früh

Beim Impfen geht es stetig voran, die Inzidenzzahlen sinken nach und nach. Wäre es da nicht Zeit, um wenigstens Geimpften und Genesenen Lockerungen zu ermöglichen? Noch nicht, meint Christian Orth. Für ihn ist das auch eine Frage der Solidarität. Ein Kommentar.

Von: Christian Orth

Stand: 07.05.2021

Spritzen mit Comirnaty-Impfstoff des Herstellers Biontech/Pfizer liegen in einer Praxis einer Hausärztin zum Verimpfen bereit.  | Bild: picture-alliance/dpa

Lockerungen für Geimpfte und Genesene sind zum jetzigen Zeitpunkt die falsche Entscheidung.

ABER könnte man sagen: Die Inzidenzzahlen sinken doch – endlich. Und es sind ja schon 14 Monate Pandemie. 14 Monate Grundrechtseinschränkungen, de facto 14 Monate Ausnahmezustand. Und wenn der Anlass für die Grundrechtsbeschränkungen wegfällt, dann sollte jeder auch die Grundrechte zurückbekommen – und zwar sofort.

Ja. ABER würde ich jetzt sagen: das betrifft doch aktuell nur einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung. Doppelt geimpft sind nur eine Million Menschen in Bayern. Rund 550.000 gelten als genesen. Das ist nur jeder Zehnte. Und wir sind mit den Risikogruppen noch gar nicht durch.

Wie will man das eigentlich kontrollieren?

Heißt es in Zukunft bei Gruppentreffen oder nachts um 3: Den Impfausweis bitte! Oder den negativen PCR-Test-Nachweis – aber nur den von vor fünfeinhalb Monaten bitte – denn der vor sieben Monaten oder 14 Tagen gilt ja nicht. Und wer kontrolliert das eigentlich? Die Polizei? Das Ordnungsamt? Zudem: meinen labbrigen gelben Impfausweis - muss ich den jetzt immer dabei haben? Denn den digitalen Impfpass soll es ja erst ab Juni geben.

Und nur so als Gedanke: Wenn genesen zu sein jetzt mit Anreizen verbunden ist – dann könnte das bei Coronaleugnern oder Impfgegnern jetzt erst recht dazu führen, sich mit Corona zu infizieren – in der Erwartung, es werde schon nicht so schlimm werden – um dann wieder frei zu sein. Stichwort: Masernparties.

Schlag ins Gesicht der Jungen

Aber von all dem mal abgesehen: wo bleibt denn die vielbeklatschte Solidarität? Was ist mit den Jungen oder den vielen Eltern zum Beispiel? Ihnen wurde unheimliches abverlangt, viele haben sich in einer verdammt wichtigen Zeit im Leben zurückgenommen, um vor allem Ältere und Vulnerable zu schützen. Dann haben sie beim Impfstoff gewartet und sie warten immer noch. Denn sie können ja nichts dafür, dass erst zu wenig Impfstoff bestellt wurde – und weiter an der Impfreihenfolge festgehalten wird. Dass es jetzt keine Solidarität mit ihnen gibt, ist mal wieder ein Schlag ins Gesicht – aber sagt gleichzeitig auch so viel Grundsätzlicheres aus über die Politik in diesem Land.

Schauen wir – mal wieder – nach Israel, zum Impfweltmeister. Dort wird gefeiert, weil die Pandemie für viele vorbei ist. Das Land hat aber erst gelockert, als ein relevanter Teil der Bevölkerung geimpft wurde. In Bayern ist das noch nicht der Fall – und solange es nicht so ist, kommen Lockerungen viel zu früh.


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