Bayern 2


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Kommentar Grundeinkommen ist zutiefst ungerecht

Wenn alle das Gleiche bekommen, sind noch lange nicht alle gleich. Gerecht ist in meinen Augen, wenn der einzelne Mensch mit seinen speziellen Bedürfnissen und Talenten berücksichtigt wird und wenn ihm die Freiheit ermöglicht wird, das zu tun, was er kann, was er will und womit er der Gesellschaft etwas zurückgibt.

Von: Christine Bergmann

Stand: 09.11.2018

Buchstabenwuerfel formen das Wort Grundeinkommen auf Geldscheinen | Bild: picture alliance/Bildagentur-online

Ein bedingungsloses Grundeinkommen soll uns vom Erwerbszwang befreien und unsere Kreativität beflügeln. Wenn das funktionieren soll, müssen wir als Staat aber jedem auch eine Summe zahlen, die ihm das ermöglicht. Da reichen keine 1.000 Euro. Jedenfalls nicht, wenn wir nicht gleichzeitig den Wohnungsmarkt verstaatlichen, die medizinische Versorgung kostenfrei anbieten, genauso Alters- und Pflegeheime. Denn mit 1.000 Euro kommt man selbst in strukturschwachen Gebieten, wo Wohnungen billig sind, kaum über die Runden. Ganz zu schweigen von den Großstädten. Und was machen die Menschen, die eine besondere Betreuung brauchen? Es gibt nichts zu den 1.000 Euro dazu, keine Erstattung für bestimmte medizinische Hilfsmittel, keine Zuschüsse für Jugendhilfe und auch keine Unterstützung bei der Jobsuche. Ist es gerecht, Menschen, die mehr Hilfe als andere brauchen, allein mit ihrem Problem zu lassen?

Schere zwischen Arm und Reich bleibt weit offen

Und ist es gerecht, jemandem, der einen tollen Job hat, viel Geld verdient, das gleiche Grundeinkommen zu zahlen, obwohl er es gar nicht braucht? Nein, das entspricht so gar nicht meinem Gerechtigkeitsgefühl. Manche meinen, wenn das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird, wenn alle das Gleiche bekommen, dann werden Armut und Ungleichheit verschwinden. Das aber ist - entschuldigen Sie die Deutlichkeit - Unfug. Denn es wird ja weiterhin Menschen geben, die mit Arbeit zusätzlich Geld verdienen, die brauchen wir ja auch, um Steuern für das Grundeinkommen einzunehmen. Die werden in Zukunft vermutlich sogar immer mehr verdienen, weil sich die Arbeit auf weniger Spezialisten konzentrieren wird, und dafür werden sie auch ordentlich zur Kasse gebeten. Ein anderer Teil muss sich mit den 1.000 Euro begnügen - da wird die Schere zwischen Arm und Reich eher noch weiter aufgehen. Ein Ende des Stigmas „Hartz IV“ ist auch nicht in Sicht, es heißt dann halt nur anders.

Nicht finanzierbar und nicht umsetzbar

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Der Grundgedanke, dass jeder Mensch, unabhängig davon, ob er einen Job hat oder nicht, abgesichert ist und ein ordentliches Leben führen kann, ist verlockend, und ich glaube auch, dass sich da so manche kreative Idee umsetzen lässt, oder auch einige dann endlich Zeit haben, sich um gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu kümmern. Aber ich halte es für nicht machbar: Es ist nicht finanzierbar und in der Praxis nicht umsetzbar. Mal ganz abgesehen davon, dass Arbeit auch eine wichtige soziale Funktion erfüllt. Im besten Fall uns selbst erfüllt. Manche von uns schaffen das, andere nicht. Und denen muss man helfen, mit individueller Unterstützung, nicht mit der Gießkanne. Also ich bleibe dabei: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist zutiefst ungerecht.


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