Bayern 2


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Bartgeier-Auswilderung in Bayerns Bergen Knochenfresser und Flugkünstler

Aufregende Wochen liegen hinter Naturfreunden, Vogelexperten und Wildbiologen, jetzt ist es so weit: Mehr als hundert Jahre nach ihrer Ausrottung werden im Nationalpark Berchtesgaden zwei junge Bartgeier in freier Natur ausgesetzt.

Von: Georg Bayerle

Stand: 10.06.2021

Bartgeier im Flug | Bild: LBV / Hansruedi Weyrich

Einer der Jungvögel hätte eigentlich von einem Brutpaar aus dem Nürnberger Zoo stammen sollen, aber aus den Eiern ist kein Küken geschlüpft. Da das Bartgeier-Projekt europaweit arbeitet, kam Ersatz aus Spanien. Für die noch flugunfähigen Jungvögel, die schon fast die Größe der erwachsenen Vögel haben, wird das Ereignis mit vielen Menschen, Presse sowie Umweltminister und Landwirtschaftsministerin ziemlich stressig. Sie werden in Holzkisten zu einer Felsnische in alpinem Steilgelände getragen, wo sie geschützt sind und noch gefüttert werden, damit sie sich an ihre künftige Heimat gewöhnen. Mehr als hundert Jahre nach der Ausrottung werden erstmals wieder zwei der großen Aasfresser in den bayerischen Alpen ausgewildert.

In der Nahrungskette sind Bartgeier die Letzten

Mitte Januar legen die Bartgeierweibchen ihre Eier. Der Zeitpunkt im Winter ist auf den Höhepunkt des Nahrungsangebots in der Natur abgestimmt. Wenn Lawinen in den Bergen Opfer unter Gämsen und Rehwild fordern, ist der Tisch für die Aufzucht von Jungtieren besonders reich gedeckt. In der natürlichen Nahrungskette sind die Bartgeier die Letzten: Ihre Hauptmahlzeit sind Knochen, die sie je nach Größe aus der Luft auf Felsen fallen lassen, damit sie in kleinere Teile brechen, die sie dann am Stück hinunterschlingen. Wegen dieser besonderen Nahrungsweise an den so genannten Knochenschmieden tragen die Bartgeier in Spanien den Namen "Quebrantahuesos", zu Deutsch "Knochenbrecher". In der natürlichen Umwelt nimmt dieser majestätische Gleiter so einen besonderen Platz als Sauberkeitspolizist der Wildnis ein.

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Knochen für den Bartgeier (Doku) | Reportage für Kinder | Anna und die wilden Tiere | Bild: Annas und Pias Tiere (via YouTube)

Knochen für den Bartgeier (Doku) | Reportage für Kinder | Anna und die wilden Tiere

Alpenweit war der Bartgeier schon verschwunden

Weil diese spezialisierten Aasfresser einst als "Lämmergeier" verschrien waren, die angeblich Jagd auf Schafe machen, wurde der Bartgeier zum Ziel von Jägern. Bis er Anfang des 20. Jahrhunderts alpenweit ausgerottet war. 1986 startete dann eines der großen Wiederansiedlungsprojekte ausgestorbener Tierarten in den Alpen mit ersten Auswilderungen von in Gefangenschaft aufgezogenen Jungvögeln. An besonderen Plätzen von den französischen Alpen bis in die Hohen Tauern wurden seither über 200 Jungvögel ausgewildert. 1997 wurde die erste erfolgreiche Aufzucht in freier Wildbahn beobachtet. Rund ein Viertel des heutigen Bestands von gut 300 Tieren in den Alpen stammt aus natürlicher Nachzucht. Zum ersten Mal soll jetzt die Auswilderung dreier Jungtiere in den Berchtesgadener Alpen gelingen.

Die Chance, Bartgeier zu sehen, ist gar nicht so schlecht

Dafür wurde ein Platz in einem abgelegenen Bergtal vorbereitet, an dem die zunächst flugunfähigen Jungtiere ausgesetzt werden. Hier sollen sie sich an die natürliche Umgebung gewöhnen und werden solange mit Aas gefüttert, bis sie ausfliegen. Die Chance, Bartgeier zu beobachten, war bereits in den vergangenen Jahren auch in den Bayerischen Alpen groß: Besonders in den Berchtesgadener Alpen und im Allgäu wurden regelmäßig Beobachtungen von Bartgeiern gemeldet. In den Lechtaler Alpen in Tirol gab es zuletzt auch Brutversuche eines Bartgeierpaares. Weil mehrere der ausgesetzten Vögel besendert wurden, konnten im Zuge des Projekts auch die Flugbewegungen dokumentiert werden. Tagesreisen von mehr als 500 Kilometern sind keine Seltenheit. Mit bis zu 2,9 Metern Spannweite zählt der Bartgeier zu den besten Gleitern, ohne Flügelschlag legt er mühelos große Strecken zurück. In oft spielerischen Revierkämpfen mit anderen Vögeln wie zum Beispiel Raben, zeigen Bartgeier aber auch eine überraschende Wendigkeit.

Der Vogel färbt sein Brustgefieder rötlich ein

Seinen deutschen und lateinischen Namen hat der "Gypaetus Barbatus" von den borstenartigen schwarzen Federn, die ihm über den Schnabel hängen. Die Augen sind von einem roten Skleralring umgeben, der umso intensiver erscheint, je mehr sich das Tier erregt. Das weiße Brustgefieder färbt der Vogel rötlich ein, indem er Hals und Brust in Wasserstellen badet, in denen eisenoxidhaltiger Schlamm vorkommt. Die Hintergründe dieses Verhaltens sind bisher unbekannt. Typischer Lebensraum des Bartgeiers ist die Region über der Baumgrenze in Höhenlagen zwischen 1500 und 3000 Meter in den Alpen. Er bevorzugt Standorte in schroffen Tälern mit großen Höhenunterschieden, wo sich gute thermische Bedingungen ausbilden und Aufwinde auftreten, die er für seine Streifzüge nutzt.

Die Hoffnung ist, dass der Bartgeier wieder dauerhaft bleibt

Paare beanspruchen ein Revier von bis zu 400 Quadratkilometern, was ebenfalls zeigt, wie groß der normale Bewegungsradius des größten Alpenvogels ist. Das extreme Profil des Nationalparks Berchtesgaden entspricht dem bevorzugten Lebensraum der Bartgeier genau. Wenn die in die freie Natur ausgesetzten Jungvögel flügge sind, werden sie allerdings ihre Heimat zunächst zu weiten Erkundungsflügen verlassen. Die Hoffnung ist aber, dass sie zurückkehren und so wie bisher zum Beispiel in den Hohen Tauern auch in den bayerischen Alpen wieder dauerhaft ansässig werden.


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