Bayern 2


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Die '68er Das Knastcamp von Ebrach

Im Juli 1969 stellt die APO ein bayerisches Dorf auf den Kopf. Mit Demos und Diskussionen soll für die Freilassung eines Studenten gekämpft werden, der im fränkischen Ebrach im Gefängnis sitzt. Doch das Knastcamp gerät zum Fiasko.

Von: Daniel Guthmann und Joachim Palutzki (Produktion: DLF/BR 2018)

Stand: 07.04.2018 | Archiv

"Ich heiße Reinhard Wetter. Der Knast soll uns fertig machen, indem er uns isoliert, herausreißt aus unserer sozialen Gruppe. Aber das Knastcamp bedeutet: wir lassen unsere Genossen nicht allein. Auch im Knast nicht."

(Reinhard Wetter, 1969 in der JVA Ebrach inhaftierter Student aus München)

Subversive aus München und Berlin versammelten sich in Ebrach

Fritz Teufel auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts (1967)

Reinhard Wetter verbüßte wegen Schwarzfahrens, unerlaubten Tragens einer Polizeiuniform und diversen Demonstrationsdelikten eine Jugendstrafe von acht Monaten in der Justizvollzugsanstalt Ebrach.

Die Münchner "Wacker-Einstein-Kommune" um Fritz Teufel veranlasste, dass sich Subversive aus München und Berlin in der fränkischen Provinz zu einem Knastcamp versammelten, um auf Wetters Fall aufmerksam zu machen und dessen Freilassung zu fordern.

"Der Marktgemeinde Ebrach steht wieder einmal ungebetener Besuch bevor. Studentengruppen der APO planen ab 15. Juli im Raume von Ebrach im Rahmen ihrer Justizkampagne ein so genanntes Knastcamp durchzuführen."

(Zeitungsartikel, 'Fränkischer Tag', 10. Juli 1969)

"In Ebrach die APO – das war DIE Sensation! Und ich kann mich erinnern, wie die die Anstaltsstraße runtergegangen sind, eingehakt Arm in Arm, und gerufen haben: 'Wetter raus, Wetter raus, Wetter raus!'"

(Guntram Bauer, ehemaliger Beamter der JVA Ebrach)

Ebrach im Ausnahmezustand

Franz Josef Strauß bezeichnet die Demonstranten als "Tiere"

Die schon äußerlich aus einer anderen Welt stammenden Demonstranten stoßen auf das komplette Unverständnis der Landbevölkerung und der lokalen Behörden. Der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß bezeichnet die ungebetenen Besucher als "Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist".

Franz Josef Strauß (1969)

"Die Außergesetzlichen haben in gröbster Weise die öffentliche Ruhe und Ordnung gestört, das Landratsamt in Bamberg besetzt und sich bei ihrer Festnahme in übelster Form aufgeführt."

(Franz Josef Strauß, Telegramm an Alfons Goppel)

Das Knastcamp schlägt in der Presse überregional Wellen

Durch die Erstürmung des Bamberger Landratsamtes schlägt das Knastcamp in der Presse überregional Wellen. Der CSU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß sieht sich veranlasst, in einem Telegramm an den bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel auf ein hartes Durchgreifen zu drängen.

"In der Stadt gingen gestern wilde Gerüchte um. Die APO solle gedroht haben, wenn Fritz Teufel am Nachmittag nicht auf freien Fuß gesetzt werde, wolle man in den Dom eindringen und Kunstwerke mit Farbe beschmieren. In einigen Kreisen wurde völlig ernsthaft die Bildung einer Bürgerwehr zur Debatte gestellt."

(Zeitungsartikel, 'Volksblatt')

Einige der Demonstranten gingen später in den terroristischen Untergrund

Dieter Kunzelmann bei einem Konzert von Jimmy Hendrix (Berlin, 1969)

Am Ende muss die Polizei die Studenten auf ihrer Zeltwiese vor nächtlichen Attacken einer selbsternannten Bürgerwehr schützen. Unter den Teilnehmern sind Gudrun Ensslin, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Irmgard Möller und viele andere, die unmittelbar danach als Linksterroristen in den Untergrund gehen.

In Begegnungen mit Reinhard Wetter, dem damals inhaftierten Studenten, um dessen Freilassung es ging, und dem Filmemacher Gerd Conradt, der 1969 vor Ort war und mit seiner Kamera das Geschehen festhielt, rekonstruiert das Feature das legendäre "Knastcamp von Ebrach". Hinzu kommen Interviews mit weiteren Zeitzeugen, sowohl aus den Reihen der APO als auch der fränkischen Landbevölkerung.


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