Bayern 2


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Ein Indianer kennt keinen Scherz Kleine Philosophie des Lachens

Man kann sich vor Lachen biegen, Tränen lachen, sich sogar totlachen. Aber warum eigentlich? Ist das Lachen eine Form des Erschreckens über einen Regelverstoß? Ein Ausdruck der Schadenfreude? Ein komischer Krampfanfall? Ein "Orgasmus der Seele"? Darüber lässt sich trefflich räsonieren – auch in Gestalt eines nicht gänzlich humorfreien Hörstücks. Hören Sie, lächeln Sie!

Von: Thomas Kernert

Stand: 02.02.2019 | Archiv

zur Sendung WRDLBRMPFD! HUMOR AUF BAYERISCH

Bayern ist das Land des Kabaretts, der Karikaturisten und Zeichner, der Musiker und Filmemacher, der Autoren und Satiriker. Der Humor ist ein wesentlicher Teil bayerischer Identität. Zeit, ihn in all seinen Facetten zu würdigen! [mehr]

Warum lachen, wenn alles lacht? Warum lustig sein, wenn die Gaudi die Sau rauslässt und alle toten Fische an der Nordseeküste "himacht"? Warum den Clown mimen, wenn man ein würdevoller Winnetou sein will und kein Schuh des Manitu? - Und überhaupt war der Fasching früher entschieden wilder und hintergründiger!

Auch die Indianer Nordamerikas lachten gerne und viel

Lachende "Indianer"

Auch wenn Winnetou meist sehr würdevoll und ernst über die Weiten der Prärie blickte, lachten und lachen die Indianer Nordamerikas gerne und viel. Sie kennen sogar hauptberuflich tätige Clowns bzw. Hofnarren, die sog. "Heyoka". Und Witze reißen sie selbstverständlich ebenfalls, so z.B.:

"Geht ein Indianer zum Friseur. Als er rauskommt, ist sein Pony weg."

Mit anderen Worten: Der Indianer kennt, wie jeder normale Mensch, den Scherz, die Zote, den Kalauer, kann also laut und herzlich lachen, vielleicht sogar so laut und "unauslöschlich" wie dies die antiken Götter Griechenlands mit ihrem sagenhaften, angeblich nicht enden wollenden "homerischen" Gelächter einst taten.

Für den Bayern ist der Humor eine ernste Angelegenheit

Bayerischer "Faschingsindianer"

Wenn ein Indianer dennoch über Stunden hinweg auch nach dem dümmsten aller Indianer-Witze die Mundwinkel nicht nach oben bekommt, so handelt es sich bei ihm höchstwahrscheinlich um keinen indigenen Amerikaner, sondern um einen verkleideten Bayern im Fasching.

Für den bayerischen Faschingsindianer ist Lachen tabu. Das hat, erstens, mit der psychophysiologischen Tatsache zu tun, dass Humor für den Bayern eine ernste Angelegenheit ist, zweitens, mit der historischen Tatsache, dass der Münchner Fasching seinen Höhepunkt längst schon hinter sich hat, und drittens, mit der theologisch-ikonografischen Tatsache, dass kein Heiliger je auf einem Heiligenbildchen lacht.

Weder Korbinian, noch Benno oder Severin und auch nicht die heilige Afra. Vielleicht, ein ganz, ganz klitzekleinwenig die heilige Jungfrau beim mütterlich-huldvollen Blick auf das Jesuskindlein. Aber dies hat nichts mit jener schrecklichen Reflexbewegung zu tun, bei der allein innerhalb der menschlichen Gesichtsregion mindestens 17 Muskeln in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern ausschließlich mit den Glücksgefühlen einer von der Erbsünde befreiten Mutter.

Natürlich kennt auch der Bayer jede Menge Scherze

Thomas Kernert versucht sich so trocken und humorlos wie möglich dem Phänomen der vemeintlichen Scherzunempfindlichkeit und dem Wesen de Lachens anzunähern ... denn natürlich kennt auch der Bayer jede Menge Scherze. Und über das Lachen lässt sich trefflich philosophieren.

Buchtipp:

Homo ridens
Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens

  • Autor: Lenz Prütting
  • Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2016
  • 2028 Seiten, Gebunden mit Leseband
  • ISBN: 978-3-495-48829-4

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