Bayern 2


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Kirchenaustritt Wie unsere Autorin versuchte, ihr schlechtes Gewissen loszuwerden

Zehn Jahre hat sie mit sich gehadert – dann hat sie es getan. Unsere Autorin Elisabeth Kagermeier ist aus der Kirche ausgetreten. Sie versucht, den früheren Pfarrer ihrer ehemaligen Gemeinde ausfindig zu machen, um mit ihm noch einmal darüber zu reden. Ein Trennungsgespräch.

Von: Elisabeth Kagermeier

Stand: 07.06.2019

Zwei Wochen nachdem ich aus der Kirche ausgetreten bin, liegt ein Brief in meinem Briefkasten. "Es tut mir leid, dass wir vor Ihrem Schritt, die Kirche zu verlassen, nicht ins Gespräch kommen konnten", steht dort. Außerdem werde ich darüber aufgeklärt, dass der Pfarrer, jetzt die "harte Sprache der kirchlichen Lehre" nutzen müsse, um mich über die Folgen aufzuklären: Keine Hostien mehr empfangen, Kranksalbungen nur noch in Todesgefahr, keine Taufpatin mehr sein dürfen, das kirchliche Begräbnis kann mir verweigert werden. Da ist es plötzlich: mein schlechtes Gewissen.

Das bringt mich dazu, in meine alte Gemeinde zu fahren, in der ich früher sonntags immer in die Kirche gegangen bin. Und dort möchte ich das Gespräch mit einem der Pfarrer suchen. Der Pater, den ich früher am liebsten mochte, ist leider nicht mehr da. Der stand eines Tages auf der Kanzel und hat gesagt, dass er sich verliebt hat und künftig kein Priester mehr sein wird. Ich werde mit Pater Müller sprechen, der auch schon seit 1990 dort arbeitet. Er ist 76, wirkt in seinem Auftreten aber eher wie 35: weiße Sneaker, kariertes kurzärmliges Hemd, sehr offener Blick. Ob sich der Eindruck auch im Gespräch in seinem Büro bestätigt?

Austreten wegen der Kirchensteuer - unglaubwürdig?

Pater Müller erzählt mir, dass der Glaube normalerweise in den Familien durch die Eltern vermittelt wird. Durch Tischgebete, Unterweisungen, Kirchengang. "Das geht heute fast gegen Null. Also können die Kinder nichts mehr lernen. Hinzu kommt die starke Völkervermischung mit Nicht-Christen und persönliche Krisen des einzelnen. Wenn Gott dessen Bitte nicht erhört, ist er frustriert. Auch weil sein Gottesbild nicht stimmt. Gott funktioniert ja nicht auf Knopfdruck. Der Vorwand vieler beim Austreten ist die Kirchensteuer. Das ist nicht ganz glaubwürdig. Sie ist ein vorgeschobener Grund, denn die Entfremdung hat ja schon vorher stattgefunden."

"Zweifel gehört zum Glauben", sagt der Pater

Okay, jetzt kommt der Moment, in dem ich ihm sagen muss: Ich bin auch einer dieser Menschen, die sich vom Glauben entfremdet haben. Worauf er mir entgegenet: "Gott straft ja nicht. Es ist ein Missverständnis zu glauben, man dürfe nicht zweifeln. Völliger Unsinn, der Zweifel gehört zum Glauben, nur Fanatiker kennen keine Zweifel, weil sie Angst kriegen. Aber ein miserables Gewissen kann ja ein Indikator sein, dass da was falsch gelaufen ist. Muss nicht, kann aber.“ Davor saß er mir entspannt gegenüber, jetzt richtet er sich auf, verschränkt die Arme. "Austritt aus der Kirche und dann ein schlechtes Gewissen haben – ja da wäre zu fragen: Warum bin ich ausgetreten? Kann ich nicht innerhalb der Kirche mehr tun und verändern als außerhalb?“

Religionsunterricht: Auswendiglernen statt Diskussion

Bei einigen Dingen, die sich ändern müssten, sind wir uns einig. Zum Beispiel, dass die Kirche die Jugend anders ansprechen müsste. Anstatt über Zweifel zu sprechen, habe ich im Religionsunterricht in der Schule für mein Bibeldiplom gelernt. Ich wusste auswendig, in welcher Reihenfolge die Schriften im Alten und Neuen Testament stehen und wovon welcher Apostel berichtet hat. In anderen Fächern sollte ich diskutieren lernen, aber Jesus infrage stellen, das ging nicht. Ein großer Grund, aus der Kirche auszutreten, war für mich die Rolle der Frauen in der Kirche, wo ich nicht das Gefühl gehabt hätte, etwas verändern zu können.

Frauen im Priesteramt? Die Kirche ändert sich nicht

Pater Müller: "Der Zugang zum Priesteramt, der ja jetzt speziell eingeklagt wird, ist aus vielen theologischen und biblischen Gründen zu. Die Gleichberechtigung muss nicht festgemacht werden daran, dass alle alles können. Wir haben ja auch verschiedene Gaben." Ich frage nach: Haben Frauen etwa nicht die Gabe, Priesterinnen zu sein? "Da ist der Punkt, dass die Kirche es gar nicht ändern kann. Sie ist ja gebunden an die Vorgaben des Handelns und Redens Jesu."

Manche Differenzen sind wohl einfach zu groß. Vielleicht ist das schlechte Gewissen auch ein normales Gefühl, das sich mit der Zeit legt. Kann der Mensch nicht ohne Glauben gut leben? "Kaum. Wenn er keinen Glauben hat, hat er Aberglauben. Auch Atheisten sind ja keine Ungläubigen. Die Atheisten glauben, dass es Gott nicht gibt. Menschen, die nicht mehr beten, die keine spirituelle Ader mehr haben, haben eine geistliche Wüste. Aus, da geht nix mehr. Da ist Trockenheit. Und das hat natürlich auch Folgen für die eigene Seele. Die trocknet aus in diesem Bereich. Da ist etwas leer geworden und sucht jetzt eine Füllung. Die Füllung ist eine Ersatzfüllung und die hält aber nicht lange. Sie macht nicht satt."

Schlussstrich: "Mein schlechtes Gewissen ist nun weg"

Nach dem Gespräch mit Pater Müller fühle ich vor allem: einen Schlussstrich. Wie in einem Trennungsgespräch. Es war gut, zu reden. Mein schlechtes Gewissen ist nun weg. Das Kapitel endgültig geschlossen.


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