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Reflexionen übers Kinderkriegen Was Elternsein mit Philosophie zu tun hat

Kinder belasten den Geldbeutel und die Umwelt, sind aber auch der Grund, warum man die Welt bewahren sollte. Das Autorenpaar Svenja Flaßpöhler und Florian Werner wirft einen philosophischen Blick auf das Thema Elternschaft und erklärt, warum es heute eine Provokation ist, Kinder zu bekommen.

Stand: 07.05.2019

Eltern sein: Vater kuschelt mit Baby | Bild: picture-alliance/dpa

Das Thema Elternschaft wird heute kontrovers diskutiert. Einerseits gibt es Bedenken dagegen: Der Klimawandel schreitet voran. Auf der Erde leben bereits über sieben Milliarden Menschen. Warum sollte man da noch Kinder in die Welt setzen? Andererseits sind es erst die Kinder, die Zukunftsperspektiven eröffnen. Denn nur wenn sich die Menschheit fortpflanzt, gibt es auch einen Grund, die Erde zu schützen und zu bewahren. Diesen philosophischen Fragen widmet sich das Autorenpaar Svenja Flaßpöhler und Florian Werner in dem Buch "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer".

"Zum ersten Mal seit Jahrzehnten müssen wir heute sagen: Unsere Kinder werden es – rein ökonomisch gesehen – in Zukunft nicht besser haben als wir. Trotzdem würde ich sagen, dass die Kinder die Hoffnung sind, dass sich das Blatt wenden wird. Und dass wir als Elterngeneration alles dafür tun müssen, um die Bedingungen dafür zu schaffen."

Svenja Flaßpöhler, promovierte Philosophin und Chefredakteurin des 'Philosophie Magazins'

In der Philosophie ging es oft mehr um Tod als um Geburt

Das Buch "Zur Welt kommen" ist im März 2019 beim Blessing Verlag erschienen.

In der Geschichte der Philosophie, die über die Jahrtausende vor allem vom Männern geprägt wurde, geht es mehr um Sterblichkeit und Endlichkeit als um Fruchtbarkeit und Geburt, sagt der Buchautor Florian Werner. Friedrich Nietzsche empfand es als unsäglich, Kinder in die Welt zu setzen. Wer sich in der Welt nützlich machen wolle, dürfe auf gar keinen Fall Vater oder Mutter werden. Die Gegenposition vertrat der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas. Er schrieb geradezu zärtlich über das Unvorhersehbare und Unverfügbare, was Kinder bedeuten.

"Eltern zu werden, schärft den Blick von Vater und Mutter auf die Welt. Das ist eigentlich der philosophische Akt schlechthin. Ich glaube, das hat mit dem Staunen zu tun. Kinder bringen uns zum Staunen. Sie bringen uns dazu, alles mit ganz frischen Augen zu sehen."

Florian Werner, promovierter Literaturwissenschaftler und Autor

Elternsein als provokativer Akt gegen Autonomie und Kontrolle

Für den Philosophen Emmanuel Levinas ist Fruchtbarkeit etwas Unverfügbares, das man nicht kontrollieren kann. Auch wenn es heute die Pränatal-Diagnostik gibt, überantwortet sich ein Paar, das sich für Kinder entscheidet, letzten Endes dieser Unverfügbarkeit, sagt die Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler. Man könne vielleicht verhindern, ein Kind mit Downsyndrom zu bekommen, aber man könne nicht wissen, wie das Kind genau sein werde oder wie sich die neue Situation auf die Beziehung und das gesamte Familiengefüge auswirken werde.

"Wir leben in einer Zeit, in der wir über alles verfügen wollen – über unser Leben, unseren Tod und die Dinge um uns herum. Kontrolle, Autonomie und Selbstbestimmung gehören zu den höchsten Werten der Moderne. Deswegen ist es heute eine Provokation, Kinder zu bekommen. Für mich liegt der Reiz genau darin, diese zwei Ebenen zusammenzubringen: Einerseits als Vater und Mutter selbstbestimmt leben zu wollen, andererseits das Elternsein nicht kontrollieren zu können."

Svenja Flaßpöhler


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