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Journalistenmord in der Slowakei Slowakischer Schriftsteller Michal Hvorecký: "Ein Netzwerk der Korruption"

Ein Mord in der Slowakei, der viele erschüttert: Der Journalist Ján Kuciak und seine Verlobte waren am 25. Februar erschossen worden. Seit diesem Attentat ist auch die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico schwer unter Druck. Wir haben mit einem Kollegen des Ermordeten gesprochen, dem slowakischen Schriftsteller Michal Hvorecký, der Erstaunliches berichtet. Das Interview führte Kerstin Grundmann.

Stand: 08.03.2018

Michal Hvorecky, Schriftsteller und freier Autor in Bratislava (Slowakei) | Bild: picture-alliance/dpa

Wie sehr sind Sie denn erschüttert durch diesen Mord an Ihrem Kollegen Jan Kuciak?

Also, ich war echt schockiert und ich glaube, die halbe Nation auch. Also, es war für alle absolut unerwartet und das Land ist tief schockiert seit den Ereignissen und es herrscht eine aufgeregte Stimmung. Es war einfach ein unglaublich trauriger Anlass, weil, er war nur 27. Er wurde gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin erschossen. Sie wollten bald heiraten. Sie haben ihr Haus saniert. Also, das waren ganz junge Menschen, die halt das ganze Leben noch vor sich hatten.

Was weiß man denn jetzt, zwei Wochen nach diesem Mord, darüber, welche Recherchen ihrem Kollegen eventuell zum Verhängnis geworden sein könnten?

Also, Verdacht ist, dass es irgendwie mit seiner Arbeit zu tun hatte. Kuciak recherchierte nämlich zu unterschiedlichsten Korruptionsfällen in der Slowakei. Eine Spur führt zu der italienischen Mafia N’drangheta, die im Osten der Slowakei Geldwäsche organisiert und so Eurogelder klaut. Mit fiktiven biolandwirtschaftlichen Projekten, mit Solarenergie und ähnliches. Eine andere Spur führt eher in die Richtung slowakische Oligarchen. Es gibt nämlich sehr viele, superreiche, arrogante Männer, die tiefst in die Politik verstrickt sind und so ein Netzwerk der Korruption aufgebaut hatten. Und dieses Netzwerk führt bis zu dem Premierminister und zu dem Innenminister.

Wusste er, in welche Gefahr er sich durch seine Recherchen begibt? Hat er selbst schon Drohungen erlebt?

Er wurde mehrmals bedroht. Vor allem von einem Oligarchen namens Marian Kocner. Das ist schon so eine Legende der Unterwelt hier in der Slowakei, leider. Übrigens, dieser Mann lebt direkt neben unserem Premierminister, in so einem Luxus- Appartement.  Und der hat dem Kuciak mehrmals gesagt, öffentlich auch: Er wird ihn jagen und seine Familie auch und seine Bekannte auch. Das hat die Polizei komplett ignoriert. Der Kuciak hat ihn angezeigt. Der Innenminister höchstpersönlich hat ihn ausgelacht, mit dieser Anzeige. Und die Polizei hat nicht diese Spur verfolgt damals. Es ist noch nichts geklärt, die Zeit läuft. Man weiß ja, je schneller man so einen Mord aufklärt, desto besser. Ich hab‘ große Sorgen, dass diese Führung des Landes nicht bereit ist und nicht fähig ist, diesen Fall zu lösen.

Das heißt, Sie werfen der Polizei und auch der Politik in der Slowakei ganz konkrete Versäumnisse vor?

Absolut. Also, die Reaktion des Premierministers auf diese ganzen Ereignisse ist ein Skandal und ein Katastrophe. Neulich behauptete der Premierminister, dass hinter der großen Protestbewegung der slowakischen Bürgerinnen und Bürger, eigentlich George Soros steckt. Er verbreitet Verschwörungstheorien, die widerlich sind, die unakzeptabel sind. Und statt wirklich sich zu entschuldigen, zum Beispiel, weil der Premierminister auch mitverantwortlich ist für die Hetze gegen die freie Presse. Er nannte uns Autoren, intellektuelle Journalisten, er nannte uns anti-slowakische Huren – entschuldigen Sie, aber so ist es – ich zitiere. Er nannte uns Hyänen, Idioten. Diese Stimmung herrscht in der Slowakei.

Heute kommt ja nun eine EU-Delegation in Ihr Land, um den Hintergründen des Mordes nachzugehen. Wie hilfreich könnte das denn sein und auch helfen bei der Aufklärung dieses Falls?

Also, ich glaube, man schätzt das sehr, dass Europa sich für diesen Fall interessiert. Wir fühlen uns nicht allein gelassen. Es ist wichtig, dass europäische Abgeordnete auch Fragen stellen, an das Polizeipräsidium, an die Politiker hier. Die sollen auch wissen, weil,  das ist ein europäischer Fall. Es könnte auch eine internationale Kriminalität dahinter stecken. Das heißt, wir sind ein europäisches Land, und ich will mich dafür auch bedanken, dass die deutschen und auch die anderen Kollegen im Ausland sich für diesen Fall interessieren, weil man soll nicht isoliert bleiben, wenn sowas passiert.

Aber es klingt nicht danach, als wenn rechtsstaatliche Regeln im Moment in der Slowakei gelten würden. Wie frei können Sie denn als Journalist und Autor dort im Moment arbeiten?

Also, man ist ganz klar ausgegrenzt. Man wird angegriffen. Ich habe das auch selber erlebt. Viele Kolleginnen und Kollegen auch. Aber wir wollen weiter mutig und fleißig arbeiten. Und wir wollen in keinem Fall aufgeben, ganz im Gegenteil. Ich muss auch sagen, ich bin recht begeistert von der Zivilcourage der Bevölkerung. Morgen, am Nachmittag, erwarten wir die wahrscheinlich größten Demonstrationen seit der Wende. Also seit 89. In vielen Städten, auch in Prag, auch im Ausland. Leute versammeln sich und wollen wirklich für ihre Rechte, für Rechtsstaatlichkeit kämpfen. Und auch gegen Korruption sich äußern. Und das gibt mir die große Hoffnung, dass es dem Land auch besser gehen kann.


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