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Jillian Tamaki: "Grenzenlos" Graphic Novel aus Kanada

Jillian Tamaki gehört zu den bekanntesten kanadischen Comiczeichnerinnen. Zusammen mit ihrer Cousine Mariko Tamaki schrieb sie die Graphic Novel "Ein Sommer am See". Der umfangreiche Comic wurde 2015 mit dem Will-Eisner-Award ausgezeichnet, dem Comic-Oscar und war er für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. In ihrem neuen Buch "Grenzenlos" widmet sich Jillian Tamaki nun der Kurzgeschichte. Zugleich zeigen sich in ihren gesammelten Comics ganz unterschiedliche künstlerische Handschriften.

Von: Niels Beintker

Stand: 11.12.2017

Helen hat ein Problem. Sie schrumpft, wird Tag für Tag kleiner. Erst ganz unmerklich: Die Schuhe sind plötzlich zu groß, die Kleider hängen am Körper herab, eine Freundin bemerkt, sie sehe aber schlecht aus. Schließlich mit voller Wucht. Helen schläft irgendwann in einer Streichholzschachtel. Und dann ist sie so winzig, dass sie unter einer Glashaube leben muss, um nicht davon zu schweben. Genau das passiert aber schließlich in einem unbeachteten Moment. Jillian Tamaki erzählt in ihrer Comic-Geschichte „Halbwertszeit“ die Geschichte einer Auslöschung. Ernst und Komik vermischen sich dabei auf wunderbare Weise.

"Das ist die älteste Geschichte. Für mich war sie ein kleines Gedankenexperiment. Was würdest du machen, wenn du merkst, du wirst kleiner und kleiner? Helen ist zunehmend auf die Menschen um sie herum angewiesen. Aber sie ist so gelassen. Die Welt um sie herum scheint verrückt zu spielen. Aber sie akzeptiert das. Vielleicht ist das unsere Hoffnung: Das wir mit einer ähnlichen Würde handeln, wenn wir mit der Auflösung unseres Körpers konfrontiert sind."

Jillian Tamaki

Existentielle Wendungen

Kafka lässt grüßen. Ein Mensch verwandelt sich, wenn auch nicht in ein Ungeheuer. Jillian Tamaki erzählt immer wieder von existentiellen Wendungen. In der Titelgeschichte „Grenzenlos“ – so gezeichnet, das man das Buch auf die Seite drehen muss – kommen verschiedene Tiere zu Wort, ein Vogel, eine Spinne, ein Eichhörnchen und eine Fliege, sie alle in kräftigen Schwarz-Weiß-Kontrasten gezeichnet, fast holzschnitthaft. Der Vogel beschwört die Freiheit beim Fliegen in der Luft, die Fliege zitiert – sinngemäß – ein Wort des englischen Philosophen Thomas Hobbes: Das Leben sei ekelhaft, tierisch und kurz. Das wird schließlich auch vorgeführt, schonungslos.

"Das ist offenbar eine Metapher mit Blick auf den Versuch, die Gedankenwelt eines Tieres zu verstehen. Das geht ja nicht. Ich weiß auch nicht, ob es möglich ist, in die Gedankenwelt eines anderen Menschen einzutauchen. Die Geschichte ist eine Mediation über unsere Art und Weise, durch die Welt zu gehen, über unsere Suche und die Beschränkungen, mit denen wir konfrontiert sind. Andere Menschen können das nicht wirklich verstehen, selbst wenn sie meinen, sie wüssten das."

Jillian Tamaki

Die Pop-Kultur unserer Zeit

Neun Geschichten enthält Jillian Tamakis Comic-Buch „Grenzenlos“. Der überwiegende Teil beschäftigt sich mit der populären Kultur unserer Zeit, mit den Medien. Einmal erzählt und zeichnet Tamaki über einen Kultfilm mit dem Titel „Body Pods“ – über die Spuren, die die reichlich deprimierende Abenteuergeschichte im Leben ihrer Fans hinterlässt. Dann wieder – in der Erzählung „Sexcoven“ – geht es um die rätselhafte Macht eines Musikstückes. Junge Menschen nehmen sich das Leben, während sie den gleichnamigen Titel hören, später gründet sich eine Sekte. Die Geschichte „Jenny“ wiederum handelt von merkwürdigen Entwicklungen in einer Social-Media-Plattform.

Immer wieder experimentell

Die Comic-Geschichten sind immer wieder experimentell – eben grenzenlos. Das gilt für die Dramaturgie, den Plot. Ebenso aber auch für die Bildsprache. Diese wechselt – obschon mit einer erkennbaren Handschrift entwickelt – von Erzählung zu Erzählung. Mal wirken die Bilder skizzenhaft, mal expressiv, schließlich ermöglichen sie, mit klarer Linie und sanften Farbfeldern, einen ruhigen Erzählfluss. Die Farben sind immer reduziert. Jillian Tamaki stellt zum Schwarz oder Blau der Linie meistens nur einen weiteren Ton: hier ein helles Blau, dort ein blasses Ocker. Weniger ist mehr.

"Die Geschichten sind in einem Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Wir bleiben nicht dieselben. Also sollten wir auch nicht erwarten, dass die Kunst dieselbe bleibt. Sie ändert sich, zusammen mit mir. Jede dieser Geschichten habe ich ausschließlich am Computer geschrieben und gezeichnet – anders als die Graphic Novel „Der Sommer am See“. Und ich denke, jede Geschichte hat selbst entschieden, in welchem Stil sie erzählt wird."

Jillian Tamaki

Vielseitige Comiczeichnerin

In vieler Hinsicht sind es besondere Geschichten: hart, melancholisch, traurig, rätselhaft, grotesk, ironisch. Mit dem Sammelband „Grenzenlos“ ist die Kanadierin Jillian Tamaki als vielseitige Comiczeichnerin zu entdecken. Ihre Erzählungen hat sie zuerst im Internet veröffentlicht. Nun sind sie in die analoge Welt gekommen. In unserer Sprechblase steht deshalb „Fantastisch“.


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