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Psychothriller Jeong Yu-jeong: "Der gute Sohn"

Eine verschlungene Geschichte von Mutter und Sohn, Bruder und Adoptivbruder, Musterschüler und Psychopath aus dem heutigen Korea von der Thrillerautorin Jeong Yu-jeong.

Von: Heinz Gorr

Stand: 19.02.2019

Buch "Der gute Sohn" von Jeong Yu-Jeong | Bild: Unionsverlag, Montage: BR

"Der Anblick unter meinen Füßen brennt sich in mein Hirn: blutige Handabdrücke am Geländer sowie Fußabdrücke und Blutstropfen auf jeder Stufe. Geistesabwesend starre ich auf die Spritzer, die Blutspuren an der Wand und auf die Blutlache auf dem Boden beim Treppenabsatz. Diese Spuren haben eine andere Dimension als die Fuß- oder Handabdrücke, und wenn dies alles kein Traum ist, dann ist der Treppenabsatz der Ort, an dem etwas Schlimmes geschehen ist."

'Der gute Sohn', S. 26

Eine Frage für einen Roman darf keine leichte Antwort haben

Es dauert noch etwas, dann ist sich der 25-jährige Yu-jin darüber im Klaren, dass er das Blutbad in der luxuriösen Penthouse-Wohnung verursacht hat. Bevor er in einen Tiefschlaf verfallen ist, hatte er in einem Handgemenge seine Mutter getötet. "Meine Bücher beginnen mit Fragen… Wenn ich eine leichte Antwort finde, dann ist es keine Frage für einen Roman", bekennt Jeong Yu-jeong. Obwohl man den Täter kennt und ahnt, dass dies nicht sein einziges Opfer bleibt, halten einen brennende Fragen über 300 Seiten lang in Atem: Wie konnte es dazu kommen? Ausgerechnet bei Yu-jin, dem Mustersohn aus gut situierten Kreisen, dem perfekten Schüler und Jurastudenten, dem herausragenden Ex-Profischwimmer?

"Ich muss von mir selbst hören, ob es in mir noch jemanden gibt, jemand anderes neben meinem Ich, das zu sein ich glaube. Wenn ich nicht sicher weiß, ob dieser Jemand irgendwas verbrochen hat, kann ich nicht einfach weiterleben."

'Der gute Sohn', S. 62

Suche nach Mr. Hyde

Im Zentrum steht die ab einem bestimmten Zeitpunkt tragische Jugend des Erzählers Yu-jin und seine Suche nach Selbsterkenntnis, nach dem Mr. Hyde in seinem Innern. In Rückblenden wird die Familiengeschichte ausgerollt, kleine Anzeichen einer Persönlichkeitspaltung werden sichtbar, die sich wie Krebszellen in dem Jungen ausbreiten - und immer neue Fragen aufwerfen: Wie sind eigentlich Yu-jins Bruder und Vater ums Leben gekommen? Warum musste er den geliebten Schwimmsport aufgeben? Was bezweckt seine Mutter mit ihrem übermächtigen Kontrollzwang und der Aussage "Einer wie du sollte nicht auf der Welt sein"? Welche Rolle spielt ihre Schwester, die "Zickentante"?

"Ich habe die angeborene Fähigkeit, ein Bild so lange zu bearbeiten, bis alles zusammenpasst, auch wenn meine Mutter es immer abwertend 'lügen' genannt hatte."

'Der gute Sohn', S. 42f

Janusköpfiger Ich-Erzähler

Schnell ist klar, dass die alles bestimmende Mutter der dominante Faktor für Yu-jins Entwicklung ist, ihrer Überwachung kann er sich kaum entziehen. Seine eingestandene "Schwäche in Sachen Ehrlichkeit" trägt zum äußerst raffinierten Verwirrduktus der Koreanerin Jeong bei: Denn natürlich ist dieser janusköpfige Ich-Erzähler alles andere als ein zuverlässiger. Nie weiß man, ob er Wahres berichtet oder unter dem Einfluss seiner "Fußfesseln", der Epilepsie-Medikamente, steht samt ihrer heftigen Nebenwirkungen - verordnet von Tante Hye-won, der Ärztin. Als er die Mittel heimlich absetzt, blüht er auf, feiert nationale Triumphe als Schwimmer. Doch die Mutter zwingt ihn, den Sport an den Nagel zu hängen. Nach deren Tod findet Yu-jin minutiöse Aufzeichnungen in einem Protokollheft - und den wirklichen Grund für den entscheidenden Riss in seiner Kinderseele:

"Dabei war alles andersrum. Meine Mutter wollte, dass ich die Medikamente absetze und weiter schwimme. Und die Tante erhob Einwände und zeigte die Rote Karte. Die wichtigste Angelegenheit meines Lebens entschied also nicht meine Mutter, sondern die Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter, die mich weder auf die Welt gebracht noch aufgezogen, geschweige denn je geliebt hatte. Wie konnte sie sich das nur anmaßen?"

'Der gute Sohn', S. 186

Dunkle Familiengeheimnisse

Nicht genug mit der systematischen Entmündigung: Als man ihm das Wasser nimmt, den Ort, in den seine "Mutter nicht eindringen konnte", erwacht Yu-jins zweites, sein mörderisches Ich, das ihm Allmachtsphantasien beschert. Mit den Bluttaten durchtrennt er überdies das innige Verhältnis zu seinem Adoptivbruder Hae-jin, den scheinbar auch die Mutter mehr liebte. Während es dem zwischen messerscharfem Kalkül und abgrundtiefer Verzweiflung schwankenden jungen Mann zunächst gelingt, seine Morde zu verheimlichen, kommt ihm Hae-jin irgendwann auf die Spur…

Fazit: Spannender Psychothriller

Der Plot ist dabei alles andere als eine simple Rechtfertigung der verheerenden Verbrechen: Yu-jins Geschichte ist ein Psychothriller mit fein verästeltem Handlungsgeflecht und plastisch gezeichneten Protagonisten. Jeongs gewagtes Experiment, dies aus der Ich-Perspektive zu erzählen, ist absolut gelungen.

Jeong Yu-jeong: "Der gute Sohn"

Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Unionsverlag
320 Seiten


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