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BuchFavorit Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Blondel erzählt in diesem Roman eine Geschichte aus den 80er-Jahren von Aufbruch, Konflikt und Emanzipation: Der junge Victor kommt aus der Provinz nach Paris, wo der Suizid eines Kommilitonen sein Leben entscheidend verändert.

Von: Heinz Gorr

Stand: 29.01.2019

Buch-Cover "Ein Winter in Paris" von Jean-Philippe Blondel | Bild: Deuticke Verlag; Montage: BR

Victor, der Ich-Erzähler des Romans, ist ein erfolgreicher Schriftsteller, arbeitet aber seit Jahrzehnten auch als Lehrer eine Parallele übrigens zum realen Autor Blondel. Der Brief eines alten Bekannten, weckt Erinnerungen an die frühen 1980er-Jahre in Paris. Dort entfaltet sich die Haupthandlung.

"Ich war im zweiten Jahr der Vorbereitungsklasse des literarischen Zweigs, in der man sich auf das Auswahlverfahren für eine der elitären Écoles normales supérieures vorbereitet. Meine Eltern hatten nichts dagegen gehabt, dass ich mich im Gymnasium für den geisteswissenschaftlichen Zweig entschied. Sie hätten aber sowieso nicht gewagt, ihre Meinung zu sagen, wo sie doch selbst nur die Volksschule besucht hatten."

Zitat aus 'Ein Winter in Paris'

Dem Underdog fehlen die klassischen Zugangscodes

Der 19-Jährige aus der Provinz zieht in die Hauptstadt, um im erlesenen Lycée D. den Schliff für die berüchtigten Concours, die Aufnahmeprüfungen der Unis zu erhalten, die den Zugang zu begehrten Studienplätzen und damit Karrieren eröffnen. Dieses Setting bedingt für Victor ein doppeltes Underdog-Dasein: das des Landeis in der Metropole, und noch prägender aus einfachen Verhältnissen zu kommen. Ihm fehlen die Zugangscodes: "kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend".

"Ich wurde nicht zu den Feten eingeladen, die meine Kommilitonen organisierten. Ich wurde auch kaum je angesprochen. Also stürzte ich mich aufs Lernen. Ich erntete viele mitleidige Blicke, vonseiten der Lehrer als auch meiner Kommilitonen. Alle dachten, ich würde über kurz oder lang das Handtuch werfen - zu viel Arbeit, zu magere Resultate, zu große Einsamkeit. Man gab mir keine große Chance."

Zitat aus 'Ein Winter in Paris'

Der Suizid wird für Victor zum Wendepunkt

Er wird als 'Tagelöhner', als 'Kaltblüter' in einer hermetischen, dünkelhaften französischen Gesellschaft eingestuft, deren Nachwuchs-Elite unter sich bleiben soll, was eine meist systemstabilisierende Lehrerschaft in den Lycées unterstützt: Schändlicher Tiefpunkt ist der so zynische wie herablassende Clauzet, der seine Schüler mit miesen Noten und sadistischen Kommentaren fertigmacht. Victor freundet sich mit Mathieu Lestaing an, sie teilen das Schicksal des Provinzlers. Kurz darauf stürzt sich Mathieu nach einem Eklat im Lycée in den Tod.

Die anfängliche Bestürzung über den Suizid ändert am gnadenlosen System rein gar nichts, für Victor aber ist es ein Wendepunkt: Über Nacht wird er wahrgenommen, regelrecht umworben. Selbst der unnahbare Jahrgangsprimus Paul, Sproß aus einflussreicher Familie, öffnet sich.

"Mit einem Mal existierte ich für sie. Ich war 'Mathieus Freund'. Das Opfer des Opfers. Eine interessante Rolle. Ich musste weder leugnen noch lügen. Es genügte, wenn ich schwieg und meine Zukunftspläne in die Vergangenheit verlegte."

Zitat aus 'Ein Winter in Paris'

Victors Eltern haben außer Erwartungshaltungen nichts zu bieten

Äußerlich scheint sich für Victor alles zu ändern: die Klassenschranken weichen, Kontakte zu Mädchen der besseren Kreise werden möglich, mit Paul beginnt so etwas wie Freundschaft. Vor allem sucht Patrick Lestaing seine Nähe: Mathieus geschockter, ratloser Vater will erfahren, was seinen Sohn in den Tod getrieben hat. Das tragische Ereignis wird zur Initiation, ungekannte Sphären tun sich auf, Victor emanzipiert sich. Und fällt doch in ein Loch der Orientierungslosigkeit, aus dem er sich nur selbst befreien kann. Die Eltern? Sie versagen, haben außer stereotypen Erwartungshaltungen nichts zu bieten:

"Ich wusste, dass ihr dieser Ausdruck gefallen würde. Das war eine Art Zauberformel bei uns zu Hause. Tun wir so, als sei alles normal. Mit der impliziten Botschaft, dass dann früher oder später tatsächlich alles wieder normal werden würde und man die schmerzliche Phase gar nicht gespürt hatte."

Zitat aus 'Ein Winter in Paris'

Eine Coming-of-Age-Geschichte mit emotionalem Tiefgang

Auf knapp 200 Seiten schafft Jean-Philippe Blondel das Kunststück, die Gefühlswelt einer Generation mit authentischen Charakteren plastisch werden zu lassen hier ist es die der späten Babyboomer-Jahrgänge im Frankreich der 1980er. In Victor und seinem Mäandern zwischen den Polen Provinz und Paris, den Gebildeten und dem Rest der Republik, der unerbittlichen Leistungsgesellschaft und sich abschottenden elitären Milieus, werden sich auch hierzulande viele Leserinnen und Leser wiedererkennen.

Wer sich nicht konform verhält, aufbegehrt oder schlicht einen anderen Lebensentwurf verfolgt, wird wie Pauls älterer Bruder verstoßen, sogar "aus dem Gedächtnis gestrichen". Lebenswichtig ist der Dialog, die offene Aussprache mit den Heranwachsenden, das zeigt sich eindrucksvoll in der Beziehung Victors zu Patrick Lestaing, also zwischen dem 'falschen' Sohn und dem 'falschen' Vater. Sie ist das Kernstück einer Coming-of-Age-Geschichte mit emotionalem Tiefgang.

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris – Deuticke Verlag  2018 – Aus dem Französischen von Anne Braun


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