Bayern 2


5

Interview zur Islamkonferenz mit Susanne Schröter "Imame bewegen sich wie in einer Black Box in Deutschland"

Ein Imam hat wie ein Pfarrer oder ein Pastor Einfluss auf diejenigen, die ihm regelmäßig zu hören. Seit heute berät die Deutsche Islamkonferenz wie Imame ausgebildet werden sollen. Mit dabei ist die Ethnologin Susanne Schröter.

Stand: 10.11.2020

radioWelt: Wie werden Imame ausgebildet?

Susanne Schröter: Bis jetzt werden in Deutschland gar keine Imame ausgebildet. Dieser Versuch, der jetzt in Osnabrück starten soll, ist der erste. Und die Imame, die wir hier haben, in den Moscheen, die kommen zum überwiegenden Teil aus dem Ausland. Die Mehrheit kommt aus der Türkei und ist angebunden an große türkischstämmige Organisationen. Die allergrößte von ihnen ist die DITIB, die nach eigenen Angaben fast tausend Moscheen unterhält. Die DITIB ist nichts anderes als die Auslands-Dependance des türkischen Religionsministeriums. Die Imame werden in Ankara ausgebildet und werden auch von der Türkei bezahlt. Das heißt, sie sind türkische Beamte. Und in den arabischen Moscheen heuert man Leute aus eben jenen Herkunftsländern an, die übrigens häufig sehr schlecht ausgebildet sind und auch schlecht bezahlt werden.

Gibt es irgendeine kontrollierende Instanz in Deutschland, die überprüft wer in den Moscheen predigt und wer ausbildet?

Wir haben die Religionsfreiheit und eine gewisse Autonomie auch innerhalb der religiösen Einrichtungen. Es gibt also keine Kontrolle. Das wäre auch außerordentlich schwierig. Dazu kommt, dass die meisten Predigten nicht auf Deutsch sind, sondern allenfalls mal Zusammenfassungen, die dann vor allem für diejenigen pupliziert werden, die der türkischen oder arabischen Sprache nicht mächtig sind. Imame bewegen sich gewissermaßen wie in einer "Black Box" in Deutschland.

Wenn Sie was ändern könnten, wenn sie die Imam-Ausbildung frei gestalten könnten, was würden Sie als Erstes angehen?

Ich würde tatsächlich ein sehr großes Gewicht darauf legen, dass die Imame in Deutschland ausgebildet werden. Dass unsere islamische Theologie an staatlichen Hochschulen nicht einfach für die Arbeitslosigkeit ausbildet, sondern tatsächlich auch für dieses große Feld des religiösen Personals, auch Seelsorger zum Beispiel.

Das Problem ist, dass sich die muslimisch organisierten Communities, vor allem die großen Verbände, weigern, mit Theologen zusammenzuarbeiten, die bei uns an den Hochschulen ausgebildet worden sind. Sie weigern sich aus unterschiedlichen Gründen: Auf der einen Seite haben Sie Angst, dass es dort zu liberal zugeht. Das muss man ganz ehrlich sagen. Ein moderner Islam würde sich an den Hochschulen weiterentwickeln wie jede andere Theologie auch. Das wird von vielen abgelehnt, weil sie - etwas lapidar gesagt - erzkonservativ sind. Viele sind sogar fundamentalistisch. Es gibt auch islamische Theologen, die muss man in der extremistischen Ecke verorten. Solche Leute wollen nicht, dass sie eher liberal oder progressiv gesonnene Imame in ihren Moscheen haben.

Dazu kommt die eklatante Abhängigkeit aus dem Ausland, vor allem die türkischstämmigen Gruppierungen, insbesondere natürlich die DITIB, aber auch die Gruppen, die im Islamrat organisiert sind, hängen sozusagen am Tropf Erdoğans. Und der türkische Staatspräsident hat diese religiösen Orte, diese Moscheen immer genutzt, um Politik zu machen.

Gäbe es nicht die Möglichkeit von Seiten der Politik zu sagen, wir schaffen eine andere Art von Imamausbildung und unterstützen interessierte Gemeinden, die im Moment keinen liberaleren Imam finden?

Ja, selbstverständlich. Ich finde auch, das muss mit Hochdruck angegangen werden. Und man muss auch kleine Schritte tun, selbst wenn die anderen mauern, muss man versuchen, mit denjenigen zusammenzuarbeiten, die das gerne wollen. Eine Imam-Ausbildung ist ein Muss, da kommt man nicht drum rum. Deshalb begrüße ich diesen Versuch, der jetzt in Osnabrück entsteht. Wenn gleich ich auch ein bisschen Wasser in den Wein schütten muss. Denn es liegt auch immer an den Partnern, mit denen man zusammenarbeitet. Und in Osnabrück arbeitet man mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland zusammen unter dessen Dach eine ganze Reihe von Vereinigungen zu finden sind, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Es sollte doch möglich sein, dass man sagt: An dieser Veranstaltung, die wir hier unterstützen, werden keine Verbände teilnehmen, die vom Verfassungsschutz beobachtet sind?

Ja, das müsste eigentlich geschehen. Aber da zögert man immer wieder, weil das Problem ist, dass es keine muslimische Kirche gibt und sich auch keine gründen wird. Also arbeitet man mit den Gruppen zusammen, die in irgendeiner Weise organisiert sind. Und das sind eher politische Landsmannschaften, wenn ich das mal in politische Kategorien übertragen darf. Dort hat man immer wieder das Problem, dass man radikale Akteure mit am Tisch hat.

Was kann nun von der Deutschen Islamkonferenz für ein Signal ausgehen?

Sicherlich wird versucht werden gemeinsam mit dem Zentralrat der Muslime in etwa so weiter zu machen wie bisher. Ich halte das für problematisch. Zwar ist gerade durch alle deutschen Parteien die Forderung erhoben worden, die sogenannten Grauen Wölfe, also eine rechtsextreme Organisation, zu verbieten. Aber deren Leute sind nun auch teilweise unter dem Dach des Zentralrats der Muslime. Grundsätzlich müsste man sich trauen, Moscheen, in denen tatsächlich Extremismus gepredigt wird, auch zu verbieten.

Zur Person

Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Sie hat die Religion ganzheitlich erforscht, sowohl die extremistischen Strömungen als auch die Liberalen. In ihrer Arbeit betont sie: zu vielen umstrittenen Fragen gibt es nicht die eine islamische Haltung. Doch gerade diese Vielstimmigkeit sieht sie in Gefahr, auch durch den Einfluss muslimische Verbände, die aus dem Ausland heraus agieren. Im vergangenen Jahr organisierte die Ethnologin eine Konferenz zum Thema Kopftuch. Was folgte, waren Anfeindungen und der Vorwurf, antimuslimischen Rassismus zu betreiben.


5