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Iran und USA "Sehr gefährliche Situation"

"Ich denke nicht, dass wir schon vor einem Krieg stehen, aber die Situation ist sehr gefährlich", sagt Daniel Gerlach. Zur Gefahr des Iran kursieren Hinweise aus Geheimdienstkreisen. Die Glaubwürdigkeit zu überprüfen ist schwer, betont er. Daniel Gerlach ist Chefredakteur von "Zenith", einem Magazin über die arabisch-islamische Welt.

Stand: 16.05.2019

Stehen wir vor einem Krieg?

Ich denke nicht, dass wir schon vor einem Krieg stehen, aber ich halte die Situation für sehr gefährlich. Die Frage ist immer, was muss passieren, dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt? Und da behaupten die Amerikaner, dass sie gewisse Geheimdienstinformationen hätten, die darauf hinweisen, dass irannahe Gruppen im Irak und möglicherweise auch in anderen Teilen des Nahen Ostens Anschläge auf amerikanische Einrichtungen planen. Wie glaubwürdig diese Geheimdienstinformationen sind, weiß ich natürlich nicht. Ich glaube sogar, dass man in der derzeitigen Situation solchen Informationen und der Art und Weise, wie sie politisch instrumentalisiert werden, fast eher misstrauen sollte. Aber dass amerikanische Einrichtungen, Botschaften und Militärbasen im Nahen Osten, also im Irak und in Syrien, grundsätzlich gefährdet sind, das ist ja nun wirklich klar. Insofern ist der Abzug von Botschaftspersonal aus Bagdad auch eine Routinemaßnahme - "Non-essential Staff", also nicht unmittelbar für den Betrieb notwendiges Personal wird abgezogen, wenn sich die Bedrohungslage laut Analysten ändert.

Gibt es Beweise dafür, dass eine konkrete Gefahr des Irans ausgeht?

Ich kenne diese Beweise natürlich nicht, ich vermute dass [US-Außenminister] Mike Pompeo, als er vor einigen Tagen einen Überraschungsbesuch in Brüssel abgestattet hat, versucht hat, die EU-Außenminister davon zu überzeugen oder irgendetwas vorzutragen; es gab gestern ein Interview eines ehemals sehr hochrangigen irakischen Politikers, der sagte, die Amerikaner hätten israelische Geheimdienstinformationen, denen zufolge Iraner in der südirakischen Stadt Basra, beziehungsweise in der Umgebung, Raketen stationiert hätten, also quasi eigene Angriffswaffen von Iran rüber nach Irak geschafft hätten, aber die Glaubwürdigkeit dieser Informationen kann ich natürlich nicht bestätigen. Klar ist, dass Iran sich permanent bedroht fühlt und sich deshalb in Irak gut aufgestellt und dort viele verbündete Gruppen geschaffen haben. Also auch politisch Verbündete. Deshalb war Mike Pompeo auch in Bagdad, um mit dem Premierminister darüber zu sprechen und deutlich gesagt hat: wir haben hier überhaupt kein Interesse, dass sie dieses Land wieder in ein Schlachtfeld, eine Auseinandersetzung zwischen Iran und Irak zwischen Iran und den USA, verwandeln. Das kennen wir, das haben wir schon erlebt.

Es ist interessant, in so einem Konflikt auch die Stimmen Außenstehender zu hören, die trotzdem auch nah dran sind, zum Beispiel der britische Major-General Chris Ghika, der im Irak die Anti-ISIS-Militär-Koalition leitet, der sieht das völlig anders.

"Nein, es gibt keine erhöhte Bedrohung im Irak und in Syrien durch Kräfte die vom Iran unterstützt werden. Es gibt dort zahlreiche Milizen, aber wir können derzeit nicht erkennen, dass die Betreuung durch sie gestiegen wäre."

Chris Ghika

Das ist dann wieder genau so ein Moment, bei dem alle Außenstehenden mit den Achseln zucken und sagen: was denn nun?

Selbstverständlich, der General Ghika weiß ja von was er redet. Das haben die Amerikaner auch nicht besonders erfreut aufgenommen, weil sie natürlich hier hoffen, dass die Briten ihnen beispringen. Es ist immer die Frage, auf der einen Seite haben wir die Militärs und Geheimdienstler, die die Bedrohungslage analysieren? Und auf der anderen Seite haben wir auch einen politischen Willen? Da ist es völlig klar, dass das Vereinigte Königreich Teil der E3 ist, also der Staaten, die das Nuklear-Abkommen unterzeichnet haben. Und die Briten haben bisher, obwohl sie ja mit der EU derzeit über Kreuz sind, dazu bekannt, dass sie auf jeden Fall mithelfen wollen, dieses Abkommen zu retten und auf jeden Fall verhindern wollen, dass die Amerikaner einen Militärschlag gegen Iran durchführen. Das ist natürlich eine neue Situation, denn so isoliert in Europa waren die Amerikaner bisher noch nicht. Sie haben zwar einige Verbündete im Nahen Osten, die halten sich aber derzeit auch zurück, was das anbelangt. Ich habe fast den Eindruck, dass diejenigen, die ziemlich getrieben haben bisher, also besonders Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate zum Teil, aber eben auch Israel sich derzeit sehr zurückhalten, weil sie fast Angst haben vor der Erfüllung der Pläne durch Trump und seinen nationalen Sicherheitsberater, die sie selbst möglicherweise mit vorangetrieben haben.


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