Bayern 2


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Kind im Knast Wie Eltern von Inhaftierten mitbestraft werden

Wenn Sohn oder Tochter ins Gefängnis müssen, ist das auch für die Eltern eine Strafe. Sie kämpfen mit Scham, Schulden und Schuldgefühlen. Doch es gibt einen Ort, an dem Eltern von Inhaftierten offen reden können. Wir durften zuhören.

Von: Ralf Bücheler und Frank Wierke

Stand: 04.06.2020

Der Verein „Treffpunkt“ unterstützt Angehörige von Inhaftierten. Sie können sich online beraten lassen oder in Einzel- und Gruppengesprächen. Die Sozialpädagogin Beate Wölfel erfährt in den Beratungsgesprächen, was die größten Probleme der Angehörigen sind und wie alleingelassen sie sich fühlen. Sie versucht ihnen weiterzuhelfen, wo es geht. Ein Gespräch mit Beate Wölfel über die Sorgen der Angehörigen – und über die Situation des Beratungsangebotes selbst.

Wir sprechen ja von Kindern - welche Altersspanne ist das ungefähr?

Bei der Elterngruppe ist es sehr auffällig, dass es alles Kinder sind, die – ich würde sogar sagen ausnahmslos – die auch nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt sind, sondern alles erwachsene Kinder ab Anfang, Mitte 20. Ich glaube das jüngste inhaftierte Kind, wo die Mutter in die Elterngruppe kommt, ist 22 - und das Älteste ist über 40. Also: Ein Kind ist ein Kind, egal wie alt es ist. Für die Eltern wird es immer das Kind bleiben. Deswegen kann man da auch guten Gewissens immer vom Kind sprechen. Und die Eltern sind auch immer noch Mutter und Vater, wenn das Kind schon längst auf eigenen Beinen gestanden war.

Wenn Kinder in Haft kommen, haben Eltern vielerlei Sorgen – was treibt die Menschen um, wenn Sie zu Ihnen kommen?

Beate Wölfel: Manche trifft die Haft tatsächlich wie ein Schlag: Es kommt vor, dass die nachts im Bett liegen, es klingelt an der Tür, die Polizei steht vor der Tür und nimmt den Sohn mit und sie fallen aus Wolken und wissen überhaupt nicht, was sie machen sollen – und deshalb ist es in der ersten Zeit der Haft meistens so, dass es ganz viel um organisatorische Dinge geht. Also … wüssten Sie jetzt, was Sie machen müssten, um jemanden in der Haft zu besuchen?

Über Beate Wölfel

Beate Wölfel ist Diplom-Sozialpädagogin und Onlineberaterin. Sie arbeitet bei Treffpunkt e.V. in Nürnberg, einer Beratungsstelle für Angehörige von Inhaftierten. Dort leitet sie die Gesprächsgruppe für Eltern von inhaftierten Kindern – die einzige in ganz Deutschland.

Welche Menschen suchen denn bei Treffpunkt e.V. Hilfe?

Ich kann eigentlich nur sagen: Das sind Leute wie Sie und ich. Also, die mitten im Leben stehen mit beiden Beinen, die mittleren Gesellschaftsschichten angehören, die ihrer Berufstätigkeit nachgehen, die gut integriert sind, die … ja … Haft ist schichtunabhängig. Die Tat vielleicht nicht unbedingt, aber die Haft an sich ist nicht schichtabhängig. Die Sorgen der Eltern entstehen aber nicht durch das Delikt, sondern durch die Inhaftierung – das eint unsere Klienten hier. Und die ganze Belastungssituation ist ja auch nicht mit der Haftentlassung beendet.

Es kann also vorkommen, dass die Zeit der Haft für Familien sogar eine gewisse Erleichterung bringt?

Man darf nicht vergessen, dass Haft auch wirklich immer eine große Chance ist, die sie vielleicht sonst nicht gekriegt hätten. Also eine Chance, nochmal von vorne anzufangen und was zu ändern. So brutal sich das anhört: Manchem Drogenabhängigen rettet die Haft das Leben. Und von daher kann man die Mütter vielleicht verstehen, die sagen: Ich bin jetzt erst mal froh, dass er mal da drin ist und einen geregelten Tagesablauf hat, zu bestimmten Zeiten etwas isst, regelmäßig duscht z.B. Also ganz banale Dinge, die für uns Alltag sind, die kriegen die dann wieder, die sie vorher nicht hatten. Und deswegen sind die Eltern da natürlich erstmal beruhigt.

Wie finanziert sich Ihre Arbeit in der Beratungsstelle in Nürnberg?

Für die Beratungsstelle ist die Finanzierung nicht gesichert, weil es in Deutschland kein Gesetz gibt, in dem steht, es muss Beratungsstellen für Angehörige von Inhaftierten geben. Das kann ich so ganz klar sagen: Also, es gibt zum Beispiel keine Finanzierung für diese Elterngruppe. Die machen wir halt, weil dieser Bedarf da ist, aber es gibt keine Finanzierung für die Arbeit mit Angehörigen.

Ich kann Ihnen auch sagen, was der Hintergrund ist: Wenn man versucht übers Sozialministerium zu gehen, dann sagen die: Was haben wir mit der Haft zu tun? Wenn man versucht übers Justizministerium zu gehen, dann sagen die: Was haben wir mit den Angehörigen zu tun? Wir machen ja Angebote in der Haft – die werden finanziert, übers Justizministerium. Wir bekommen einen freiwilligen Zuschuss von der Stadt Nürnberg und einen freiwilligen Zuschuss von der Stadt Fürth, der aber natürlich auch bei weitem die Kosten nicht deckt.

Wenn die Inhaftierung eines Angehörigen kein so großes gesellschaftliches Tabu wäre, so könnte leichter eine Finanzierung auf den Weg gebracht werden.


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