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Cybermobbing Mobbing-Experte fordert mehr Konsequenzen

Andere niedermachen, um sich selbst besser zu fühlen: Der Mobbing-Experte Peter Sommerhalter vom Bündnis gegen Cybermobbing beobachtet dieses Phänomen zunehmend. Das Beispiel des Youtubers "Dachenlord" ist für ihn ein drastisches Beispiel, das Konsequenzen bedarf.

Von: Matthias Dänzer-Vanotti

Stand: 22.08.2018

Bündnis gegen Cybermobbing, Leiter Prävention und Medienberatung | Bild: privat

Gerade mal fünfzig Menschen leben in Altschauerberg, einem mittelfränkischen Dorf in der Gemeinde Emskirchen. Vorgestern Abend hatten sich mehrere hundert Menschen vor dem Haus eines gerne provokanten Youtubers namens "Drachenlord" versammelt. Durch ein Tanzvideo hatte er den Hass der Demonstranten auf sich gezogen. Die Polizei musste einschreiten und sprach dreihundert Platzverweise aus. Aufgerufen zu der Hass-Demo hatten zumeist anonyme Nutzer sozialer Netzwerke. Peter Sommerhalter vom Bündnis gegen Cybermobbing, ist Referent für Prävention und Medienberatung.

radioWelt: Sind solche Hass-Demos ein neues Phänomen?

Peter Sommerhalter: Es gibt eigentlich recht häufig Fälle, in denen der Hass aus dem Netz in das persönliche Umfeld hineingetragen wird. Die Vorkommnisse rund um Rainer Winkel sind leider ein extremes Beispiel dafür, dass sowas immer häufiger geschieht.

radioWelt: Reiner Winkler ist der besagte Youtuber namens Drachenlord. Können Sie erklären, was in diesem Fall die Hass-Demonstranten angetrieben hat?

Peter Sommerhalter: Ich nenne dieses Verhalten Ego-Tankstelle. Man macht jemanden fertig, um sich selbst gut zu fühlen. Und für dieses Machtgefühl reist man eben auch gern mal in der Gruppe an und bringt seinen eigenen Echoraum - also das Umfeld das die eigene Meinung bestätigt - mit. Das ist leider ein Phänomen, das wir in einer Gesellschaft, in der der Egoismus das Individuum über alles andere stellt, immer häufiger zu beobachten.

radioWelt: Wie ist das einzuordnen? Ist das munterer Zeitvertreib oder kriminelles Handeln?

Peter Sommerhalter: Da werden Straftaten begangen. Der Drachenlord erhält Beleidigungen und Morddrohungen. Schon seit vielen Jahren werden Hassbotschaften gegen ihn zelebriert und der ganze Ort wird tyrannisiert. Das hat System. Diese Rituale werden regelmäßig durchgeführt.

radioWelt: Aber kann man sagen, dass der Drachenlord das Spiel mitspielt? Er hat seine Adresse offen genannt, hat Hater aufgefordert, den Konflikt vor seinem Haus auszutragen. Kann das dann noch als Mobbing bezeichnet werden?

Peter Sommerhalter: Es ist nicht nur Mobbing. Es geht weit darüber hinaus. Es werden Straftaten begangen. Ob er dafür selbst verantwortlich ist, möchte ich ganz klar mit Nein beantworten. Ddiese Frage impliziert, dass jemand Straftaten, die Beleidigungen oder Bedrohungen und vieles mehr beinhalten, hinzunehmen hat, weil er selbst daran schuld sei. Aber das kann und möchte ich in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren.

radioWelt: Wie kann sich der Drachenlord jetzt wehren?

Peter Sommerhalter: Ich glaube, Reiner Winkler ist längst nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen. Grundsätzlich sollte er sich etwas bedeckter halten. Aber in diesem Fall muss eindeutig die Gesellschaft massiv tätig werden. Möchten wir in unserer Gesellschaft solche Hater und ihr Verhalten dulden? Sicher nicht. Also warum tun wir dann nicht etwas gegen solche Individuen.

radioWelt: Und was konkret schlagen Sie vor?

Peter Sommerhalter: Zeigen wir ihnen, dass jeder Mensch das Recht hat glücklich zu sein, egal wie individuell er oder sie ist. Die Verstärkung der medialen Aufmerksamkeiten, die diese Hater bekommen, lässt sich relativ einfach umdrehen. Die hauptsächlichen Triebfedern, die sie haben sind Aufmerksamkeit, „cool sein“, sich in ihrem Echoraum stark zeigen. Wenn mehr über Verurteilungen berichtet würde, die es für Beleidigungen und Bedrohungen gibt, dann wäre das ein eindeutiges Signal für unsere Gesellschaft und auch eine eindeutige Abschreckung für die ganzen Trittbrettfahrer, die sich dort tummeln.

radioWelt: Wenn wir beide jetzt dieses Interview führen, spielen wir dann das Spiel der Hater mit?

Peter Sommerhalter: Nein. Mitspielen heißt immer, man tut nichts dagegen. Hinzuschauen, zu zeigen das was nicht in Ordnung ist, Hilfe zu fordern: Das ist das, was gegen Cybermobbing hilft. Rainer Winkel wird körperlich angegangen und bedroht. Manche Leute würden vielleicht sagen, er solle doch einfach sein Haus verkaufen und wegziehen. Aber das würde das Problem nicht lösen. Solange die Hater rausbekommen, wo er wohnt und wie er heißt, werden sie das Spiel immer wieder neu spielen. Man muss denen ein ganz klares Stoppsignal setzen und das kann in dem Fall eigentlich wirklich nur eine strafrechtliche Geschichte sein.

radioWelt: Wird diese Art von Bedrohung allmählich zur Normalität? Müssten dann nicht auch die sozialen Netzwerke etwas tun?

Peter Sommerhalter: Natürlich müssen die auch mehr Möglichkeiten bieten, solche Sachen zu melden. Aber ich glaube, hier ist in erster Linie der Staat gefordert, dass Menschen bestraft werden können, die solche Morddrohungen äußern. Es ist leider viel zu häufig so, dass diese vermeintliche Anonymität des Internets dazu führt, dass es mehr Normalität wird. Immer mehr Menschen merken: „Hey, die dürfen alles machen“, „Die können alles tun“, „Es gibt keine Konsequenz“. Und wann immer es Regeln ohne Konsequenzen gibt müssen wir nicht darüber reden, was mit diesen Regeln geschieht. Sie werden gebrochen. Die Konsequenzen müssen her!


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