Bayern 2


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Christian Stückl zum 60. Geburtstag Der passionierte Theaterberserker

Seine Begeisterungsfähigkeit ist legendär, sein Sturschädel auch: Christian Stückl, Leiter der Oberammergauer Passionsspiele und Intendant des Münchner Volkstheaters wird 60. Zeit, um mit ihm selbst, Weggefährten und Widersachern zu sprechen.

Von: Viola Schenz

Stand: 13.11.2021 | Archiv

"I mach auf der einen Seiten meinen Job total gern, i hab auch immer gewusst, dass i Regisseur werden will. Des is für mi a innerer Motor, des Ganze in Bewegung zu halten. Manchmal geht mir des aber auch selbst auf die Nerven, und manchmal denk ich mir, ich kompensier damit Dinge im Leben, die zu kurz gekommen sind; ich halte des Ganze in Bewegung, damit ich andere Sachen nicht aufkemma lass. Wenn ich zurückdrehen könnte, anders machen ... das Private kommt bei mir schon zu kurz. Ich fühl mi a net unwohl ... aber manchmal würd ich den Pendel gern anhalten."

(Christian Stückl)

Er ist der bekannteste lebende Oberammergauer, das Gesicht des Ortes und der jüngste und talentierteste Passionsspielleiter, den das kleine Alpendorf je hervorgebracht hat.

"Wir werden als Ort wahrgenommen über die Passionsspiele, und wir werden auch über den Christian wahrgenommen. Salzburg, Jedermann, Zürich ... der Weg dahin war unbequem, der war fordernd für die Bevölkerung, fordernd für mich, fordernd für seine Mitstreiter. Er gibt halt auch immer Gas, er hat einen hohen Anspruch an sich selbst, er ist mit Haut und Haaren und mit jeder Faser immer dabei, und zieht da auch alle mit."

(Arno Nunn, ehemaliger Bürgermeister von Oberammergau)

Er interessierte sich von klein auf fürs Theaterspielen

Wie es sich für einen gebürtigen Oberammergauer gehört, lernte der Gastwirtsohn Christian Stückl erst mal Holzbildhauer. Aber wie es sich für einen Oberammergauer ebenfalls gehört, hat er sich von klein auf fürs Theaterspielen interessiert, zog schon als Bub lieber als Nikolaus verkleidet von Haus zu Haus statt Hausaufgaben zu machen.

Ein konservativer Rebell

Christian Stückl bei den Dreharbeiten zum Kinofilm "Die große Passion"

Begeisterter Theatermacher ist Stückl bis heute, mit Verve stürzt er sich auf jedes Projekt. Meriten hat er etliche gesammelt: als Regisseur an den Münchner Kammerspielen, mit seiner Neuinszenierung des "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen oder der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft in München. Der bekennende Workaholic ist Gründer des "Heimatsound Festivals" in seinem Heimatort, Intendant des Münchner Volkstheaters – und natürlich vor allem: Leiter der weltberühmten Passionsspiele von Oberammergau. Stückl hat die Spiele reformiert, sie von antisemitischen Altlasten befreit, aber dem Dorf auch einiges zugemutet. Es gab Zeiten, da wurde Stückl die Haustür zugemauert und mit Schmähsprüchen besprüht.

Der Corona-Schock von 2020

Das Passionsspiel ist die Seele Oberammergaus - zumindest wird das nach außen gerne so dargestellt. Vor allem aber ist das Spiel die wichtigste Finanzspritze, die das Dorf für die nächste Dekade wirtschaftlich am Leben hält. Darauf konnten sich die Oberammergauer immer bequem verlassen, jedenfalls bis zum Frühjahr 2020, denn dann kam Corona.

Die Pandemie stellte auch den kleinen Ort auf den Kopf, die Spiele 2020 wurden abgesagt und auf 2022 verschoben. Ausgerechnet ein Passions-Jahr ging verloren - noch dazu wegen einer Seuche! Ein Schlag mit Symbolkraft - schließlich war es 1633 ja eine Seuche, die Pest, auf der das Passionsspiel-Gelübde beruht.

Und es gibt noch eine historische Parallele: Genau hundert Jahre zuvor hatte ein ähnliches Schicksal das Dorf ereilt, als die Spiele von 1920 auf 1922 verlegt werden mussten – wegen der "Spanische-Grippe"-Pandemie. Stückl hatte Tränen in den Augen, als er im März 2020, acht Wochen vor der Premiere, das vorläufige Ende bekanntgab.

Als Intendant des Münchner Volkstheaters schenkt er auch mal Bier aus

(l.-r.) Herzog Franz von Bayern, Christian Stückl und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Eröffnung des neuen Münchner Volkstheaters

Nicht alles, was Stückl auf die Bühne stellt, findet bei Publikum und Kritikern Applaus. Beliebt ist er dennoch - weil er sagt, was er denkt; weil er viel wagt und selbst als Intendant Karten abreißt und in den Pausen Bier ausschenkt.

Im Herbst 2021 bekommt der zielstrebige Strippenzieher ein neues Theater im Münchner Schlachthofviertel. Das alte Theater an der Brienner Straße war zu klein geworden, außerdem marode.

Stückl sah seine Chance, zeichnete mit am Entwurf, klapperte die Stadtrat-Fraktionen ab. Der Bau lief reibungslos, trotz Corona, der Zeitplan wurde genauso eingehalten wie das Budget von 131 Millionen Euro. Das Ensemble wuchs um sieben Darsteller auf 22, die Zahl der Festangestellten von 100 auf 150, geplant sind 16 Neuproduktionen, sieben davon Uraufführungen.

"Der Oide muass weg, und jetzt muass a Neuer hi ..."

Hat Christian Stückl das im Blick?

"Des ist ganz eigenartig, also in Oberammergau is ja so: alle 30 Jahr kimmt amal a neuer Passionsspielleiter daher. Des war vorher scho so, des is nachher so. I hab's Gefühl, i hab natürlich mehr als jeder andere drauf geschaut, dass ich Nachwuchs habe, dass die Spieler jung bleiben, dass die nächste Generation wieder drankommt, aber den Spielleiter, den kannst du ned schnitzen.

A junga Bua, a jungs Madl muss irgendwann daherkemma und sagn: I mach des jetzt. Da muss man bereit sein, des zuzulassen und zu unterstützen, und des bin i auf jeden Fall.

Wann er genau kommt, oder wann sie genau kommt, des woaß i ned. Ich glaub, der oder die wird ned fragen, kannst du dir des vorstellen, sondern die werden sagen: I kann's, i werd's machen. So hab ich's mit 24 auch gemacht. I stand auf einmal da und hab ma dacht, der Oide muass weg, und jetzt muass a Neuer hi, und i war mit 24 mutig genug, es zu machen!"

(Christian Stückl)


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