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500 Jahre Fuggerei in Augsburg "In ewig zeyt"

Die Miete: Mit 88 Cent pro Jahr nicht der Rede wert. Die Wohnungen: nicht sehr groß, aber es fehlt an nichts. Das Modell: scheinbar zeitlos. Die Fuggerei in Augsburg ist ein kleines Dorf in der Großstadt. Seit 500 Jahren.

Von: Doris Bimmer

Stand: 12.03.2021 | Archiv

Fragt man Touristen, warum sie Augsburg einen Besuch abstatten, werden überwiegend zwei Gründe genannt: Wegen der Augsburger Puppenkiste. Und wegen der Fuggerei. Die älteste Sozialsiedlung der Welt feiert in diesem Jahr ihr 500-jähriges Bestehen. Und angesichts steigender Mieten und Wohnungsnot zeigt sich, dass Einrichtungen wie die Fuggerei weiter notwendig sind.

Leben in der Fuggerei

"Ich wohne in der Fuggerei und habe den Dienst an der Nachtpforte. Also ich geh um Viertel nach 4 los, Haupttor aufsperren, Hintereingang aufsperren, und so, um ca. 20 nach 4 ist wieder auf. Um 10 Uhr abends sperre ich die Hauptpforte ab und wenn da jemand um zwei nach 10 kommt, der weiß, dass er dann noch fünf Minuten draußen warten muss, bis ich hier bin."

Rainer Haslinger, Bewohner und Pförtner der Fuggerei

Die Fuggerei in Augsburg ist eine Welt für sich, seit einem halben Jahrtausend. Lag sie früher noch vor den Toren der Stadt, befindet sich die malerische Siedlung heute in der Stadtmitte, in der Jakobervorstadt, unweit des Rathauses. Fast direkt vor dem Hauptzugang hält die Straßenbahn. Und doch vergisst der Besucher nach wenigen Schritten die Stadt fast vollständig. In der Siedlung mit ihren sieben Gassen wohnen etwa 150 Menschen, von ganz jung bis ganz alt, die einstöckigen von Efeu und wildem Wein bewachsenen Reihenhäuschen in ihren warm-gelben Beigetönen lassen gerade im Sommer eine heimelige Atmosphäre aufkommen. Kleine Vorgärten, Sitzbänkchen, ein Brunnen, eine Oase der Ruhe mitten in Augsburg.

Viele tausend Touristen überzeugen sich jedes Jahr beim Schlendern durch die schmalen Sträßchen mit den noch historischen Gaslaternen selbst davon - nicht wenige glauben, die ganze Anlage wäre ein Museum. Eingerahmt wird die Fuggerei von einem Mauerring mit vier Eingangstoren.

"Sämtliche Thore der Fuggerei werden abends um 10 Uhr geschlossen und während der Sommermonate morgens um 4 Uhr und während der Wintermonate um 4:30 Uhr wieder geöffnet. Jeder Fuggerei-Einwohner, der nach dem Thorschluss Einlass verlangt, hat dem hierfür angestellten Bediensteten bis Mitternacht 10 Pfennig und von da an bis morgens 20 Pfennig à Person zu entrichten."

aus einer alten Hausordnung

Mittlerweile bekommen Rainer Haslinger und seine Kolleginnen und Kollegen einen Obolus von 50 Cent und nach Mitternacht wird ein Euro an der Nachtpforte fällig. So sieht es die Hausordnung seit Jahrhunderten vor. Wer in der Fuggerei lebt, muss diese Regeln akzeptieren. Noel Guobadia zum Beispiel. Er ist mitten in seiner Sturm und Drang-Zeit vor zehn Jahren mit seiner Mutter und seinem kleineren Bruder in die Fuggerei eingezogen.

"Man findet für alles einen Workaround. Oma sagt immer: Dumm darfst du sein, du musst dir nur selber zu helfen wissen. Um 21:45 raus, mit dem Vogelzwitschern wieder rein. Hat mich mal eine Nachbarin gefragt, ‚Na, warst unterwegs? - Ja.‘ Das wissen die Leute. Jetzt - mit 26 - ich bin so oft wenn‘s machbar ist unterwegs und komm dann auch um 22:30 Uhr heim und dann schau ich halt mal vorbei beim Herrn Haslinger in der Nachtstube, sag, ‚Hallo Herr Haslinger‘, und dann sagt er: ‚Du schon wieder.‘ Dann ich so: ‚Ja, gell, ich scho wieder.‘ Dann lass ich meine 50 Cent da und geh nach Hause. Für mich als gebürtiger Augsburger war die Fuggerei das Standard-Besuchsziel an Wandertagen, wenn der Lehrer mal gesagt hat, wir machen wirklich mal hier bildungsrelevante Sachen für euch Augsburger. Na ich natürlich gleich sofort zu meiner Mutter: ‚Hä, aber das ist doch ein Museum. Wie kann man da leben?‘  Und dann hat mir meine Mutter es einfach erklärt. Weil, wir waren einfach Single-Mutter, zwei Kinder, nicht immer alles ist wunderbar im Leben gelaufen. Und meine Mutter hat sich bewusst entschieden, hier Hilfe zu suchen."

Noel Guobadia, Bewohner

Rückblickend, sagt er, war der Umzug in die Fuggerei die beste Entscheidung. Rund um den 18. Geburtstag sei irgendwie alles schwierig gewesen, Schule und Partyleben ließen sich nicht gut vereinbaren, er war mehr als unzufrieden, drohte gar abzugleiten. "Therapeutenlehrbuchmäßig depressiv", nennt es Noel. Durch das Umfeld, die Regeln und die Struktur der Fuggerei, aber auch die Ruhe, hat er zu sich selbst gefunden.

"Ich bin halt jetzt in meinem eigenen, kleinen Vogelnest. Gehe arbeiten. Hab meine Ausbildung damals abgeschlossen mit einer Eins, hab mittlerweile meinen Ausbilderschein gemacht, hab einen Studiengang angefangen, den ich mit der Arbeit kombinieren kann. Und diese Dinge wären nicht möglich gewesen ohne die Struktur oder ‚Hey, wir sind da, wenn Du was brauchst‘. Wenn ich diese nicht gehabt hätte, ich wäre wie viele andere in diesem Alter an irgendwas komplett zerbrochen."

Noel Guobadia, Bewohner

Armut und Reichtum in Augsburg

Um ein Fuggeraner werden zu können, müssen mehrere Bedingungen erfüllt werden. Festgelegt wurden sie von Jakob Fugger dem Reichen bei der Gründung vor gut 500 Jahren. Wer in die "Arme Leute Häuser am Kappenzipfel" wie Fuggers Siedlung damals hieß, aufgenommen werden wollte, durfte arm sein, aber nicht betteln. Für Bettler und Almosenempfänger waren nach Ansicht Jakob Fuggers Stadt und Kirche zuständig. Für seine Fuggerei-Wohnungen kamen Tagelöhner oder von Armut bedrohte Handwerker am Existenzminimum infrage, die ehrbar waren und sich um Arbeit bemühten. Man musste katholisch und aus Augsburg sein. Im Gegenzug verlangte er einen rheinischen Gulden an Miete - das entsprach damals etwa dem Wochenlohn eines Handwerkers. Eine Inschrift vor dem Tor der Nachtpforte am Sparrenlech aus dem Jahr 1519 erzählt, warum Jakob Fugger und seine beiden Brüder die Fuggerei gestiftet haben: Zum Wohle ihrer Stadt heißt es da, aus Dankbarkeit für das, was sie auch von ihrer Stadt und für den Reichtum, den sie von Gott empfangen haben. Und zum Vorbild. Also als Beispiel der Freigebigkeit für andere.

"Augsburg war damals eine der führenden Städte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Sowohl was die wirtschaftliche Ausstrahlung anging, als Sitz großer Kaufleute, auch kunsthistorisch und politisch - das heißt, die Stadt hatte einen Spitzenrang auf vielen Feldern. Es ist auf der anderen Seite aber auch eine Stadt, in der man soziale Ungleichheit hat, wo sehr viele Bedürftige gibt. All dies sieht Jakob Fugger durchaus. Er sieht das ja auch als Mensch, der vor Ort ist. Hier gehe ich als Bürger der Stadt aus der Haustür und begegne den Menschen, ich sehe auch Bettelnde und ich werde dieser Not unmittelbar gewahr. Das ist eine andere Qualität und das gehört mit zur Schilderung Augsburgs."

Prof. Dietmar Schiersner, Leiter des Fuggerschen Familien- und Stiftungsarchivs.

Hinzu kommen die sozialen Herausforderungen, die Umbrüche durch die Reformation - und eine Pestwelle, die Augsburg 1521 erfasst. Auch darauf hat Fugger reagiert.

"Das besondere war, dass hier etwas Einmaliges geschaffen worden ist. Nämlich nicht diese Armenhäuser oder Spitäler, wie sie im Mittelalter üblich waren, sondern die Würde des einzelnen Menschen berücksichtigt worden ist, indem eben jede Wohnung ihren eigenen Aufgang hatte. Die Menschen müssen eine Gegenleistung bringen. Weil sonst ist es nichts wert, sonst sind sie nur Almosenempfänger. Und ich glaube, das will niemand sein."

Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger, Vorsitzende des Fuggerschen Seniorats

Pflicht zur Arbeit und zum Gebet

Damals wie heute gilt deshalb auch laut Hausordnung die Pflicht zur Arbeit und zum Gebet.

"Jeder Fuggerei-Anwohner verpflichtet sich mit seiner gesammten Hausgenossenschaft zu einem frommen, ehrbaren Wandel und wird nach dem Wortlaut der Stiftungsurkunde, welche da sagt: 'Es soll jeder Mensch, ob jung oder alt, so es vermag, ein Pater noster, ave Maria und ein glauben alle Tag sprechen für die fundatores, dero Eltern, Brüder und andere geschwistergeht und nachkommen'-seine täglichen Gebete für das Wohl der edlen Fuggerschen Familie zu Gott richten."

aus der alten Hausordnung

Doch die Fuggerei ist aber keine Gebetsmaschine. "Dann hätte Fugger sie anders konzipiert", sagt Dietmar Schiersner. Eine an sich lächerliche Bedingung und lasch obendrein: Die Bewohner brauchen für die drei Gebete keine Minute. Sie müssen sie nicht zusammen beten, auch zu keiner bestimmten Stunde und nur "sobald sie dazu fähig sind". Aber die Fugger haben gewusst: Allein schon die Arbeit ist ein gottgefälliges Werk. Und wenn ich das ermögliche, dass jemand wieder Fuß fasst, dann ist sein Leben auch eine Art Gebet. Ursprünglich hatte Jakob Fugger nicht einmal ein eigenes Gotteshaus für seine Siedlung vorgesehen. Durch die Reformation und sein Festhalten am katholischen Glauben kam es dann doch zum Bau der eigenen Fuggerei-Kirche - die sich nahtlos in die Häuserzeilen einfügt. Mira Bolanovic, 73 Jahre alt und topfit ist hier Mesnerin.

"Die Fuggerei ist für mich ein kleines Paradies auf der Erde. Ich wohne sehr gerne und ich fühle mich sehr wohl hier. Heutzutage bete ich alleine, weil es gibt hier keinen Rosenkranz, schade. Und ich bete Zuhause um Bekehrung hier für die Fuggerei-Leute, dass mehr Leute reinkommen. Weil wenn die paar alten Frauen weg sind, dann können wir zusperren. Kommt keiner mehr rein. Und das ist, grad in dieser schweren Zeit, ein großer Verlust."

Mira Bolanovic, Bewohnerin und Mesnerin der Fuggereikirche

Der Fuggereitreff

Neben der Kirche gibt es in der Fuggerei noch eine zweite Gemeinschaftseinrichtung: Den Fuggereitreff. Er ist entstanden auf Wunsch des sogenannten Seniorats und dessen Vorsitzender Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger. Das Familienseniorat setzt sich aus Vertretern der drei bestehenden Fugger-Linien zusammen, sie verwalten das Stiftungserbe und führen die Aufgaben im Sinne des Stifters fort. Es gilt der Maßstab "Hilfe zur Selbsthilfe". Ob nach dem Zweiten Weltkrieg vor über 70 Jahren oder heute - wichtig ist zunächst, den Menschen ein Zuhause zu geben. Aber das allein reicht heute nicht mehr: Es gilt auch das Zusammengehörigkeits-Gefühl zu fördern. Deshalb wurde vor fünf Jahren der Fuggereitreff gegründet:

"Das war mir ein großes Anliegen, dass wir gesagt haben, wir müssen die Leute aus der Einsamkeit herausholen, wenn sie das möchten. Und ich denke, daraus kann sich Hilfe entwickeln. Das heißt: Wenn die Großmutter, die sonst nur vorm Fernseher sitzt, die sieht, ah, da ist die alleinerziehende Mutter, da kann ich doch mal auf die Kinder aufpassen oder das Baby zu mir holen für ein oder zwei Stunde. Und ich denke, wenn die Gelegenheit da ist, dass man sich trifft, und sich kennenlernt, dann lernt man auch die Nöte der anderen kennen und dann kann man sich gegenseitig helfen."

Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger, Vorsitzende des Fuggerschen Seniorats

Betreut wird der Fuggereitreff von den zwei hauptamtlichen Sozialpädagoginnen. Doris Herzog ist eine von ihnen. Für sie ist die Fuggerei ein "fast perfekter Ort zum Leben, Schutzraum, Gemeinschaft, ein Stück heile Welt". Die Arbeit dort ist für sie der "beste Job, den es für Sozialpädagogen gibt": Menschen zu begleiten und ihnen zu helfen, ihr Leben in Ruhe und finanziell unabhängig zu führen und zu sehen, dass es ihnen damit gut geht. Das sei eine sehr erfüllende und sehr schöne Aufgabe. Schließlich hat schon Jakob Fugger erkannt: Es geht nicht nur um das Dach über dem Kopf. Es geht tatsächlich auch um das Miteinander, es geht um das Leben in Würde. Es geht um Gemeinschaft und auch Lebensfreude.

So gestaltet sich das Gemeinschaftsleben im Fuggereitreff vielfältig: es gibt Spielenachmittage, PublicViewing-Aktionen, im Sommer einen Biergarten, auch Weinfeste werden gefeiert. Dienstags steht ein gemeinsames Frühstück auf dem Programm, am Donnerstagnachmitag ein Kaffeetreff geöffnet. Dann sitzen da auch Leute beim Rommé oder Mensch-ärgere-dich-nicht beieinander - wenn nicht gerade wegen Corona geschlossen ist. Statt großer Nachmittagsrunden bieten deshalb die Sozialpädagoginnen, zur Überbrückung der Corona-Pause gewissermaßen, das Zweiergespräch an - unter dem Motto: "Auf einen Kaffee mit …". Das Gemeinschaftsgefühl ist auch in der Fuggerei keine Selbstverständlichkeit, die von Haus aus da ist. Die Bewohner könnten unterschiedlicher nicht sein. Jeder hat seine eigene Geschichte. Die Palette reicht von schwierigen Familiensituationen, gesundheitlichen oder beruflichen Problemen bis hin zur Rückkehr nach Augsburg nach vielen Jahren im Ausland - ohne Rücklagen.

"Die Erfahrung ist, wenn man dann hier ist und die Menschen wissen, ich hab jetzt eine Rente oder ich hab ein Einkommen, von dem kann ich leben, ich verlier mein Dach überm Kopf nicht mehr, ich kann mir hier ein bissl was dazuverdienen, wenn ich will, ich hab immer jemanden zu dem ich kommen kann, der hilft mir, wenn ich nicht mehr weiterkomm, wenn man das Gefühl hat, mit dieser Sicherheit leben zu können, dann gibt das wahnsinnig viel zurück an innerer Ruhe, an Ausgeglichenheit und Selbstwertgefühl. Das hab ich tatsächlich schon öfter erlebt. Dieses hier anzukommen bedeutet auch bei sich selbst anzukommen. und das klappt tatsächlich sehr gut."

Doris Herzog, Sozialpädagogin in der Fuggerei

Rainer Haslinger kennt durch seine Arbeit als Nachtwächter viele Mitbewohner. Trotzdem nutzt er gerne hin und wieder den Frühstückstreff. Er schätzt sein Privatleben sehr, will aber auch nicht ganz anonym in der Siedlung leben. Die Zusage, eine Wohnung für 88 Cent Jahresmiete zu bekommen und dadurch von seiner Frührente leben zu können, war für ihn wie ein zweiter Neuanfang.

"Die letzten 25 Jahre, das lief auch nicht so toll für mich. Ich hab das Glück, mein Leben wieder richtig genießen zu können. Viele Sorgen, die ich gehabt hab, ja, das waren teilweise Existenzängste, wo ich gesagt hab, jetzt geh ich zum Mac Tramp, kauf mir nen Schlafsack und … ja - gottseidank kam es nicht soweit. Ich war sehr überrascht, dass es hier so toll ist. Und ich brauch nicht viel. Ich muss über die Runden kommen und da bin ich schon sehr glücklich damit und kann mein Privatleben führen, mein selbstbestimmtes Leben wieder führen. Das hat mir einen großen, inneren Frieden wiedergegeben."

Rainer Haslinger, Bewohner und Pförtner der Fuggerei

Nachbarschaft und Achtsamkeit

Ganz andere Gründe haben Petra Dirbach in die Fuggerei geführt. Sie trennte sich vom Vater ihrer Kinder, als sie gerade zum dritten Mal schwanger war. Als Alleinerziehende mit drei Kindern wollte und musste sie ihre Arbeitszeit reduzieren - und kam mit dem Verdienst dann kaum noch über die Runden. Seit 30 Jahren ist sie Teilzeitangestellte in einem Kaufhaus. Draußen in der freien Wirtschaft, sagt sie, müsste sie Mietbeihilfe oder Unterstützung beantragen. Sie ist froh darüber selbständig sein zu können und dem Staat nicht auf der Tasche liegen zu müssen. Und die Kinder sollen ja auch lernen, dass man für sein gutes Leben halt auch arbeiten muss. Die drei Kinder sind mittlerweile 16, 14 und 12 Jahre alt. Sie sind die dritte Generation der Familie, die in der Fuggerei lebt, Petra Dirbachs Eltern wohnen nur ein Haus weiter. Die dreifache Mutter ist das beste Beispiel, dass die Idee der gegenseitigen Hilfe in der Siedlung funktioniert:

"Ja, hier hat man ganz viel Familienatmosphäre. Die meisten Leute kennen sich, sind auch per Du, man unterstützt sich gegenseitig, man hilft sich gegenseitig. Ich helfe viel, ich geh für manche einkaufen, dafür haben die zum Beispiel Obst im Garten. Das war ein Glückstreffer für uns. Wirklich war, weil es das Leben für uns alle erleichtert hat, auch für meine Eltern. Und das ist für mich so wichtig, so ein stabiler Halt in meinem Leben, den man woanders nie finden würde."

Petra Dirbach, Bewohnerin

Wie zum Beweis dafür klingelt das Telefon und eine Nachbarin ist dran, für die Petra Dirbach eine spezielle Wolle besorgt hat. Dirbachs Kinder wiederum helfen der Nachbarschaft bei technischen Problemen mit dem Computer oder dem Telefon. Sie selbst schraubt auch schon mal verstopfte Siphons auf. Die ersten Wochen in der Fuggerei waren nicht ganz so leicht, erzählt sie - weil die vorwiegend alten Bewohner keine Kinder mehr gewohnt waren. Das aber hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Sie möchte diese Gemeinschaft nicht mehr missen, gerade wegen ihrer Kinder. Denn die lernen hier, dass man füreinander da ist, dass man sich gegenseitig helfen muss; dass man aufeinander schauen muss. Und dass sie auch lernen: jeder Mensch ist auf sein Geld angewiesen, man muss dankbar sein, man darf nicht habgierig sein. Es geht nicht immer bloß ums eigene Ich.

Aus den Stiftungsurkunden geht hervor, dass Jakob Fugger seine Siedlung als ein Vorbild angelegt wissen will, als Inspiration für ähnliche Projekte. Beim Bau legt er Wert auf die Würde des Einzelnen, jedem Bewohner wird Individualität und ein persönlicher Rückzugsraum zugestanden. Vor 500 Jahren keine Selbstverständlichkeit.

"Die Fuggerei schon deshalb ein faszinierend lebendiger Gedanke im Grunde, der Beweis dafür, dass eine großartige Idee über Jahrhunderte wirken und Gutes tun kann, wenn die Voraussetzungen stimmen. Wenn man vorsichtig, achtsam, auch nachhaltig was die wirtschaftlichen Grundlagen angeht, damit umgeht. Und das zeigt mir, dass man auch etwas bewirken kann über den Tag hinaus. Ich glaub, dass vieles von dem, was er hier verwirklicht hat, sehr anschlussfähig ist an die Gegenwart, an die Moderne."

Prof. Dietmar Schiersner, Leiter des Fuggerschen Familien- und Stiftungsarchivs.

Die Zukunft der Fuggerei

Die Fuggerei will sich mit dem 500-jährigen Jubiläum 2021 fit machen für die Zukunft. Auf verschiedenen Veranstaltungen wollen die Familie und die Administration mit den Menschen ins Gespräch kommen und diskutieren, wie sie aussehen soll, eine Fuggerei der Zukunft.

Welche Rolle könnte die Idee der Fuggerschen Stiftungen beispielsweise für Augsburg spielen?

"Die Fuggerei ist ein einzigartiges Beispiel für bürgerschaftliches Engagement. Und davon bräuchten wir heute wieder mehr. Viele Menschen schauen nur auf sich, auf ihre Probleme, auf die wirtschaftlichen Betätigungen, schauen, dass der Rubel rollt. Aber die Fuggerei ist ein Beispiel dafür, dass man gut wirtschaften kann, dass man auch wirtschaftlichen Erfolg haben kann. Dass man aber gleichzeitig an Menschen denkt, denen es nicht so gut geht. Die nicht auf der Sonnenseite des Lebens leben. Und dass man, wenn man etwas mehr hat, auch etwas auf die Seite legt und für Menschen ausgibt, die es brauchen können."

Martin Schenkelberg, Sozialreferent Stadt Augsburg

Knapp 300.000 Einwohner hat Augsburg, der Wohnungsmarkt ist auch hier mittlerweile sehr angespannt. Eine zweite Fuggerei, "Fuggerei 2.0" gewissermaßen, kann zwar nicht die Lösung für das Problem sein, sagt Schenkelberg, aber sie sei ein wichtiger Baustein und ein gutes Beispiel für die Idee des stiftungsgebundenen Wohnens. Denn der Mensch braucht mehr als bloß Wohnraum.

"Das Thema Würde hat man früher sehr viel intensiver gedacht, wo es noch kein Grundgesetz gab. Das Thema Augenhöhe: Hier begegnet ein Stifter, der lange tot ist, seinen Destinatären auf Augenhöhe. Und was kann ich zurückgeben: Ich geb ein bisschen Geld, ja, das war früher mal sehr viel mehr. Und ich gebe dem Stifter ein Gebet zurück, das auch der Selbstreflexion dient und mich jeden Tag nochmal einnordet, in welchem Wertesystem lebe ich. Das muss eine Fuggerei erfüllen. Ob die dann aus Holz, ob die aus Stein gebaut ist, ob das hohe oder flexible Räume sind, das ist alles egal. Das wichtige ist, dass es menschenzentriert ist."

Wolf-Dietrich Graf von Hundt, Administrator der Fuggerei

Der 26-jährige Noel Guobadia nimmt gedanklich langsam Abschied von der Fuggerei. Auch wenn er sie als sein beschützendes Nest, seine private Märchenwelt bezeichnet. Aber mittlerweile fühlt er sich stark genug, auch außerhalb zurecht zu kommen.

"Wir bräuchten mehr solcher Plätze, weil es gibt so viele Menschen, denen es so geht, wie es mir damals ging. Man hat’s ja auch im eigenen Freundeskreis gesehen. Aber es gibt einfach nicht so viele Räumlichkeiten, wirklich jedem zu helfen. Durch das Umfeld, das mir hier geschaffen wurde, und auch die Ruhe, die ich bekommen habe, hab ich mich mit mir selber auseinander setzen können. Jetzt brauche ich diesen Schutz nicht mehr, den ich hier bekommen habe, durch die Unterstützung der Fuggerei oder auch durch die Tatsache, dass die geringe Miete von 88 Cent im Jahr so große Alltagssorgen nimmt. Jetzt kann ich die Welt erobern."

Noel Guobadia, Bewohner der Fuggerei


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