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Das moderne Hamsterrad Immer dieser Stress!

Tagelang schleicht ein Säbelzahntiger ums Dorf. Die Nahrungsvorräte gehen zur Neige. Unsere Vorfahren mussten sich in stressigen Situationen vor allem körperlich bewähren und um ihr Leben kämpfen. Wir dagegen sitzen mit verkrampfter Muskulatur in Bürostühlen, Flugzeugen oder Autos.

Von: Justina Schreiber

Stand: 21.12.2017

Schematische Darstellung von Hamstern in einem sich drehenden Hamsterrad.  | Bild: BR

Ob man sich nun bei der kleinsten Belastung total gestresst fühlt oder es tatsächlich ist, ohne es zunächst zu bemerken - Stress scheint für nicht wenige Menschen ein Dauerthema zu sein. Das hat mehrere Ursachen.

Problem Nummer 1: Es gibt keine Säbelzahntiger mehr!

Das Stresssystem verleiht vor allem zusätzliche körperliche Kräfte. Heutzutage aber stressen den Menschen eher psychische Belastungen:

verdichtete und vernetzte Arbeitsprozesse
• ständig verfügbar sein zu müssen
• Zeitnot und Beschleunigung
• Konflikte, die (glücklicherweise!) nicht mehr – wie einst - mit den Fäusten geklärt werden
• Überfüllte Verkehrsmittel und Straßen
• Beziehungsstress

Hektisch mit den Fingern auf das Lenkrad trommeln, mit der Computermaus herumklicken oder über das Display des Smartphones wischen – das alles zählt wohl kaum als körperliche Aktivität. Es bedeutet aber auch: Der Stress im Körper findet kein Ventil. Deshalb lässt er sich in unseren modernen Zeiten nur schwer abbauen.

"Wenn sich jemand bei einer Bergwanderung verläuft und er kommt zwei Stunden später am Parkplatz an als geplant, dann schafft er das, weil der Stress Kräfte aktiviert. Wenn man sich aber stresst, während man zwei Stunden im Stau steht, kann man mit der zusätzlichen Körperkraft nichts anfangen. Man wird sich zwar darüber aufregen, dass man jetzt nicht pünktlich nach Hause kommt. Aber der Stress erfüllt keine Funktion mehr, er läuft ins Leere oder macht gesundheitliche Probleme."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Problem Nummer 2: Der Stress scheint kein Ende zu nehmen!

Für die, die mitten im Leben stehen, kommt schon der ganz normale Alltag einem Marathonlauf gleich: Die Kinder von der Kita holen, nach der pflegebedürftigen Mutter schauen, noch etwas für den Job erledigen, vom Großeinkauf vor den Feiertagen gar nicht zu reden! Das Problem bei dieser Art von Dauerstress ist: der permanent erhöhte Cortisol-Spiegel lässt den Körper nicht zur Ruhe kommen. In der Steinzeit war es sinnvoll, bei Gefahr lange wach bleiben zu können. Heute stresst es belastete Menschen zusätzlich, wenn sie sich nachts nicht regenerieren können.

Psychische Reaktionen bei Stress:

• Nervosität
Angst
• Ein- und Durchschlafstörungen

"Darunter leiden viele gestresste Menschen: sie könnten eigentlich bis 6 Uhr schlafen, aber um halb 5 Uhr erinnert das mit Cortisol überflutete Gehirn: du hast ein Problem, kümmere dich darum und sei jetzt gefälligst putzmunter!"

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Problem Nummer 3: positives Feedback fehlt!

Wenn Stress zur erfolgreichen Bewältigung von Problemen führt, wenn sich also "der ganze Stress gelohnt hat", spricht man von Eustress, von gutem Stress. Der Organismus verarbeitet die vorangegangenen Anstrengungen positiv. Die Prüfung ist bestanden, das Projekt war erfolgreich! Was für eine Erleichterung! Der Mensch fühlt sich besser als vorher.

"Guter Stress baut auf und überfordert bei richtiger Dosis weder Körper noch das Gehirn."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Schlechter Stress

Schlechter Stress dagegen baut den Menschen körperlich und seelisch ab. Wenn es kaum noch Erholungsphasen und keinerlei Belohnungen gibt, z. B. durch positives Feedback oder einen Zuwachs an Wissen, dann zermürbt das "ewige Hamsterrad". Sogenannter Disstress kann unter anderem zu Depressionen oder Erschöpfungszuständen führen.


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