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Reisegeschichten aus dem Iran Warum es im Teheraner Zoo keine Persischen Löwen gibt

Auf Postern, Tickets und Schildern: Persische Löwen, die Star-Tiere im Iran, sieht man im Teheraner Zoo überall. Nur das Löwenhaus ist leer. Schuld daran ist die iranische Mullah-Regierung. Sie pfeift auf das alte Nationalsymbol.

Von: Jenny von Sperber

Stand: 19.09.2018

Der Persische Löwe muss der absolute Star des Zoos in Teheran sein: Auf Plakaten hängt er überall, auf den Eintrittskarten ist er drauf. Ist man einmal drin im Zoo, ist der persische Löwe an jeder Weggabelung ausgeschildert. Sogar auf Englisch: Persian Lion. Diese Beschilderung kommt mir allerdings etwas überflüssig vor, denn der Zoo ist nicht sonderlich groß. Verlaufen kann man sich sowieso nicht und man kommt zwangsläufig an jedem Tiergehege vorbei. Die ganze Anlage wirkt eher wie ein kleiner Vergnügungspark mit Kinderkarussell und bunten Verkaufsständen.

Die persischen Löwen im Zoo Teheran kommen angeblich aus Deutschland. Das stand vor ein paar Jahren in der iranischen Zeitung Financial Tribune. Ein deutscher Zoo – welcher, war nicht weiter beschrieben - sollte damals zwei persische Löwen in den Iran schicken. In den Zoo nach Teheran. Das wurde in dem Artikel groß gefeiert. In Deutschland sind diese Löwen nicht gar so besonders. Eigentlich gibt es sie in fast jedem Zoo.  Wir nennen sie auch gar nicht Persische, sondern Asiatische Löwen. Nur der wissenschaftliche, also der lateinische Name, lautet panthera leo persica. Ich bin jedenfalls ziemlich gespannt auf meine so prominent angekündigten Landsleute.

Müll und Staub im Löwenhaus, aber kein Persischer Löwe

Leeres Löwengehege: Der eigentliche Star des ganzen Zoos ist nicht da.

Aber als ich am Löwenhaus ankomme, ist es leer. Ich spreche Passanten an: "Excuse me? Do you know wher the lion is? No?" Niemand kann mir weiterhelfen. Das Gehege sieht verlassen aus, das Haus verstaubt, man sieht Spuren von Menschen im Sand. In der Mitte liegt Müll herum, aber kein Persischer Löwe. „Under Construction“ steht vor dem Löwenhaus. Allerdings steht das Schild da auch schon eine Weile, so alt wie es aussieht. Und Bauarbeiten gibt es keine. Immer wieder kommen Familien die Stufen hoch und gucken suchend durch die staubige Scheibe des Löwenhauses. Ich bin nicht die einzige, bei der hohe Erwartungen geweckt worden sind. Die hier definitiv nicht eingelöst werden.

Ich will wissen, was das soll. Wo sind meine persischen Löwen mit deutschem Migrationshintergrund abgeblieben? Und warum tun alle so, als wären sie da?  Ich suche per Smartphone nach Informationen im Netz. Das geht nur über einen VPN-Server, der meine Verbindung über einen nicht-iranischen Server laufen lässt. Im Iran sind alle kritischen Informationsportale offiziell zensiert, sogar Facebook ist verboten. Da würde ich nicht weiterkommen. In einer Onlinezeitung namens "IranWire", die von Iranern im Exil herausgebracht wird, schreibt tatsächlich einer, die Sache mit den Persischen Löwen sei eine große, ausgeklügelte Lüge. Eine Lüge, die sich die iranische Regierung ausgedacht hat, um die Menschen zu täuschen. Es gäbe bis heute noch nicht mal eine Zusage von einem Zoo in Deutschland. Klingt sonderbar. Warum sollte man die Menschen so aufwändig anlügen? Sie können sich doch statt dessen die Afrikanischen Löwen anschauen. Die sind ganz hinten im Zoo untergebracht. Und sehen fast genauso aus wie die Persischen, sind ein bisschen größer, haben eine etwas längere Mähne. Macht aber offenbar keiner. Bei denen bin ich die Einzige am Zaun.

Ausgeklügelte Lüge der iranischen Regierung

Persischer Babylöwe: Die Tiere waren fast ausgerottet, heute leben wieder mehr als 600 von ihnen.

"Die Menschen im Iran lieben den Persischen Löwen", sagt Jamshid Parchizadeh, ein Zoologe und Artenschützer aus Teheran. "Sie würden ihn so gerne sehen. Aber die Regierung tut nichts, um ihn zurück zu holen." Er erklärt, dass der Persische Löwe so eine Art Kult-Tier für die Iraner ist, eine historische Identifikationsfigur – die sie verloren haben. Seit 1942 ist der persische Löwe im Iran ausgestorben. "Der Asiatische Löwe lebte früher in einer Region zwischen dem Mittelmeer, über Iran und Irak bis nach Indien. Jetzt allerdings gibt es ihn nur noch in Indien, im Gir Nationalpark. Um 1900 waren auch da nur noch 20 Individuen übrig, aber die Inder haben ein Jagdverbot beschlossen und bei der letzten Zählung, etwa vor drei Monaten, gab es wieder über 600 Löwen", sagt Jamshid. Der Zoologe war schon öfter im Gir Nationalpark im Nordwesten Indiens. Die Inder sind stolz auf die gefährdeten Löwen, erzählt er. So stolz, dass sie  den wissenschaftlichen Namen der Art sogar ändern wollen: Aus Panthera Leo Persica soll Panthera Leo Indica werden. Ein Skandal für die Iraner.

Mosaiken, Schüsseln und Gedichte voller Persischer Löwen

Die Sonne über dem Löwen mit Schwert: das persische Nationalsymbol im Teheraner Golestanpalast.

Auf meiner Reise durch das Land merke ich, was Jamshid Parchizadeh meint - was Löwen für den Iran bedeuten: Das Land ist voll davon! In den Mosaiken der Paläste, auf Kacheln, auf antiken Schüsseln, in der Mythologie, den Gedichten. Ich lese sogar von einer reichen Familie in Teheran, die angeblich ein paar letzte persische Löwen auf dem eigenen Grundstück hält. Heimlich. Leider kann ich nicht herausfinden, wo sie wohnt. Auch in Persepolis, im Süden des Landes: In den Ruinen der 2500 Jahre alten Hauptstadt findet man an jeder Ecke wunderschöne Löwenrelieffe an den Wänden. Meistens sieht man darauf einen Löwen, der einen Ochsen angreift.

Löwe beißt Ochsen: Reliefabbildung am antiken Apadana-Palast in Persepolis

"Vor 2500 Jahren hatte König Darius vier Hauptstädte", sagt Niloofar Mazoomzade. Sie ist meine Reiserführerin in Persepolis. "Die Hauptstadt des Frühlings war Persepolis. Der Löwe ist das Symbol des Sommers und der Ochse das Symbol des Winters. Der Löwe frisst den Ochsen. Das heißt: Sommer vertreibt Winter. Es wird Frühling." Damals, als Persepolis die Hauptstadt war, erzählt sie, waren die Iraner noch keine Muslime, sondern Zoroastrier. Wie der Religionsgründer Zarathustra, glauben sie an einen guten Schöpfergott, der einen bösen Widersacher hatte. Das Licht, die Sonne, spielt eine zentrale Rolle bei den Zoroastriern. Und der Löwe ist das Symbol für die Sonne. Ich verstehe immer mehr, warum der Löwe den Iranern so wichtig ist.

Der Löwe war Flaggentier im Iran - vor der Revolution

Löwe mit Säbel vor aufgehender Sonne: So sah die iranische Flagge vor der Revolution im Jahr 1979 aus.

Auch weil jeder Iraner, den ich nach dem Persischen Löwen frage, mir etwas dazu erzählen kann. In Shiraz treffe ich einen Professor für persische Frühgeschichte. Er erklärt mir, dass die alten Perser viel von Sternenkunde verstanden. Und auch da ist er wieder: Das Sternbild des Löwen steht im Mittelpunkt. "Es gibt die Sternenkonstellation, wenn die Sonne direkt vor dem Löwen steht. Und genau das war in unserer früheren Flagge: Der Löwe hinter der Sonne. Ein wunderschönes, wissenschaftliches Symbol. Aber nach der Islamischen Revolution wurde die iranische Flagge verändert. Weil unsere Revolutionsführer im Löwen das Symbol der Zoroastrier gesehen haben, kein islamisches Symbol."

Das ist der Grund, warum die heutige Regierung des Iran kein großes Interesse am Persischen Löwen hat. Der Löwe ist das Symbol der Zoroastrier, Symbol des Königs, Symbol der Stärke des Landes vor der Islamischen Revolution. Heißt: Das Iranische Volk liebt den Löwen – aber die Mullahs verachten ihn. Den Artenschützer Jamshid Parchizadeh lässt das verzweifeln: "Das Regime schert sich nicht um das Königtum und es schert sich nicht um den persischen Löwen. Und das ist genau das Problem. Ich habe die Behörden so oft darauf hingewiesen, aber es scheint ihnen egal zu sein. Sie sagen, der persische Löwe ist das Symbol für die Regierung vor der Revolution, nicht für uns. Ein Riesenproblem für die Artenschützer hier."

Den Leuten Löwen versprechen - und dadurch beruhigen

In der altindischen Dichtung "Panchatantra" taucht der Löwe als Fabeltier auf.

Das verlassene Löwenhaus im Zoo bekommt so plötzlich eine schräge Symbolik. Und auch die Kinder, die den Löwenschildern gefolgt sind, mit neugierigen Augen hineinschauen - und dann enttäuscht weiter ziehen. Vielleicht will man die Leute ruhig halten, indem man ihnen ihre Löwen verspricht? Aber in Wirklichkeit kümmert sich niemand darum, Persische Löwen in den Zoo zu holen? Vielleicht hat man aus Deutschland auch keine bekommen, vielleicht sind auch Wildtiere sanktioniert? Oder man eruiert gerade andere Kanäle aus, an die streng geschützten Tiere zu kommen? So oder so ist das Ergebnis typisch iranisch: mehr Schein als Sein.

Es gibt einen iranischen Witz, der erzählt, wie der Löwe schon früher für das Verstecken der Tatsachen herhalten musste: Der König liebte Löwen. Aber als er ankündigte, seinen privaten Zoo zu besuchen, fand der Pfleger den Löwen tot. Voller Angst vor der Wut des Königs bezahlte er einen Mann, der sich schnell unter dem Löwenfell verstecken sollte. Wenn der König käme, sollte er sich ein bisschen bewegen, so dass er lebendig aussähe. Der Mann nahm das Geld und kroch unter das Fell. Aber der König kam nicht. Statt dessen näherte sich ein Leopard. Zitternd vor Angst erwartete der Mann den Angriff der Raubkatze. Doch nichts passierte. Plötzlich hörte er ein Flüstern: „Wieviel hast Du denn für den Job gekriegt?“

Am nächsten Tag schreibe ich an das Europäische Erhaltungszuchtprogramm der Zoos. Über die müsste ein Löwen-Transfer von Deutschland nach Teheran nämlich laufen. Sie antworten mir, dass es tatsächlich keine Persischen Löwen aus Deutschland in Teheran gibt. Die Haltungsbedingungen entsprächen nicht den europäischen Standards. Allerdings wolle man den Iranern während der kommenden fünf Jahre helfen, die Bedingungen zu verbessern. Diese fünf Jahre werden die Zoobesucher in Teheran also noch auf ihren Persischen Löwen warten müssen. Mindestens.

Die Beiträge der Sendung

  • Lost in Translation in Teheran: Auf der Suche nach dem persischen Löwen. Von Jenny von Sperber
  • Zwischen Kult und Kunst: Wie die Kulturszene in Iran um ihre Freiheit kämpft. Von Michael Marek und Sven Weniger

Die Songs der Sendung

  • Googoosh- Shekayat
  • Kiosk - Eshghe sorat
  • Omid Jahan - Mamnonam

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Moderation: Bärbel Wossagk


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