Bayern 2


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Gegacker allenthalben Ein Hühner-Panorama

Unser Haushuhn: Verachtet, benutzt, geliebt. Holger Paetz entdeckt – quasi direkt vor der Haustür – ein faszinierendes Tier, von dem wir längst nicht alles wissen. Und das sich in seinem Grundverhalten trotz aller Züchterei erstaunlicherweise kaum verändert hat.

Von: Holger Paetz

Stand: 16.04.2022 | Archiv

Braunes Huhn | Bild: picture-alliance/dpa/Christine Koenig

Es zetert und pickt rastlos herum. Es ist extrem neugierig und rückt seine Eier nicht freiwillig raus. Es gackert und flattert, ohne abzuheben, und hat seine Flügel scheinbar nur noch, weil sie als knusprige Chickenwings zu vermarkten sind. Es gilt als unfreiwillig komisches und törichtes Geflügel und muss her halten zur Umschreibung menschlicher Unarten, von der Krampfhenne bis zum Gegockel.

Der Hahn - eine krähende Nervensäge?

In Ägypten wurde das Huhn nicht so sehr wegen seines schönen Gefieders geschätzt, sondern wegen des Lärms, mit dem der Hahn dem Sonnengott huldigte, bevor der überhaupt auftauchte. Das hat dem Ägypter religiös imponiert. Und warum auch nicht? Damals jedenfalls war die Hühnerwelt noch in Ordnung.

Heute langt ein einziges Kikeriki zur Unzeit, sprich in der Dunkelheit oder bei gerade heraufdämmernder Helligkeit, um die Gerichte zu beschäftigen – ja es genügt sogar schon der Zwerghahn in der Nachbarwohnung.

"Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Gockel ... Pardon, Nachbarn ... nicht gefällt!" Friedrich Schiller, Wilhelm Tell.

Oder, wie es der Dichter Manfred Hörstmann formuliert: "Stopft man seinen Haushahn aus, kommt man morgens später raus."

Wer aber ist der Böse? Der Hühnerhalter oder der genervte Nachbar, der akribisch Lärmprotokolle führt? Oder ist es vielleicht am Ende doch der Hahn?

Ein moderner Gockel hat jedenfalls hinsichtlich seiner Lautgebung der kommunal gültigen Geräuschtabelle zu entsprechen. Andernfalls wird er zu Tagessätzen verdonnert ...

Schicksal Schlachthof

Hühnerfleischproduktionsanlage

Kaum einem anderen Nutztier wird mehr Verachtung zuteil. Obwohl es so gern gegessen wird. Die Mär vom sorglos herumstolzierenden Huhn auf dem romantischen Bauernhof hält sich hartnäckig. Ich wollt', ich wär ein Huhn?

Ein kurzer Blick in eine moderne Hühnerfleischproduktionsanlage beflügelt vor allem Fluchtgedanken. Damit möchte niemand etwas zu tun haben.

"Ganze Weltalter von Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten."

(Christian Morgenstern)

Hühner sind schlauer als man denkt

Cartoon von Gernot Gunga

Huhn ist gleich dumm, Punktum! Eher ist das Huhn selbst auszurotten als dieses Vorurteil. Wirklich so dämlich, Huhn? Eben nicht: Verhaltensforscher und Zoologen haben in den letzten Jahren unabhängig voneinander die Intelligenz von Hühnern nachgewiesen. Den Tieren wird eine ausgeprägte Persönlichkeit attestiert; sie haben ein gutes Gedächtnis, setzen Gelerntes rasant um und erkennen bis zu 100 Artgenossen auch über Jahre hinweg.

Kurzum: Hühner sind so schlau wie Säugetiere!

Dennoch bleiben Fragen offen: Was wurde zum Beispiel aus dem lebenden weißen Huhn, das Angela Merkel in Afrika geschenkt bekam? Und warum ist ausgerechnet Prince Charles ein bekennender Hühnerfreund?

"Bei Konferenzen erlaube ich mir manchmal, diese Eigenschaften aufzuführen, ohne dabei zu erwähnen, dass es sich um Hühner handelt, und die Leute denken dann, ich rede von Menschenaffen."

(Tierverhaltensforscher Dr. Chris Evans, Macquarie University, Australien)

Diese Beobachtung bestätigt auch Dr. Christine Nicol, University of Bristol:

"Hühner haben uns gezeigt, dass sie Dinge tun können, von denen Menschen nicht gedacht hätten, dass sie das könnten. Hühner sind zweifelsohne tiefgründige Tiere."

(Dr. Christine Nicol, University of Bristol)


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