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Hormonersatztherapie Risiko für Brustkrebs

Steigt das Risiko, Brustkrebs zu bekommen, wenn eine Frau Hormone gegen Wechseljahrbeschwerden einnimmt? Die Antwort ist etwas ausführlicher als ein reines Ja oder Nein.

Von: Monika Dollinger

Stand: 12.03.2018

Steigt das Brustkrebsrisiko durch die Einnahme von Hormonen? Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Im Bild: Frau beim Brustkrebs-Screening. | Bild: picture-alliance/dpa

Fest steht, dass Hormone die Entstehung von Krebs fördern können, wenn sich schon erste Krebszellen in der Brust gebildet haben. Östrogene beschleunigen also Brustkrebs, der schon vorhanden ist.

"Der Krebs wird durch Hormone eher nicht initiiert, sondern befördert. Wir beschreiben diesen Unterstützungsprozess als Tumorpromotion. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Das Risiko für Brustkrebs ist erst nach mehreren Jahren der Anwendung bestimmter Hormone erhöht."

Prof. Olaf Ortmann, Vorsitzender der Kommission zur Überarbeitung der Leitlinie zur Hormontherapie

Linktipp:

Hier erhalten Sie mehr Informationen zur Hormontherapie-Leitlinie (=Therapieempfehlung für Ärzte).

Individuelles Risiko

Wenn schon Brustkrebszellen vorhanden sind, ist es folglich ungünstig, extra Hormone einzunehmen – vor allem natürlich, wenn der Körper (wie im Klimakterium) selbst wesentlich weniger oder keine mehr bildet. Deswegen sollten Frauen, die schon einen hormonell gesteuerten Brustkrebs hatten oder die ein erblich bedingtes erhöhtes Risiko für Brustkrebs haben, keine Hormontherapie machen.

Art der Hormontherapie

Das Ausmaß des Risikos für Brustkrebs unterscheidet sich deutlich je nach Zusammensetzung der Hormontherapie – so die Ergebnisse der WHI-Studie:

  • Bei der Monotherapie mit Östrogenen (die Frau nimmt nur Östrogene ein) ist das Risiko im Hinblick auf Brustkrebs sogar gesunken. Erst nach mindestens sieben bis zehn Jahren steigt das Risiko leicht.
  • Die kombinierte Therapie aus Östrogenen und Gestagenen (Gelbkörperhormonen) birgt im Verhältnis ein höheres Risiko: Von den Frauen der Kontrollgruppe, die keine Hormone nahmen, haben 30 von 10.000 Brustkrebs bekommen; von denjenigen, die eine kombinierte Hormontherapie nahmen, waren es 38 von 10.000. 38 statt 30 von 10. 000 Frauen. Langfristig waren bei den Frauen mit Hormoneinnahme im Vergleich zu den Frauen der Placebo-Gruppe öfter auch die Lymphknoten befallen.

Wahrscheinlich sind also die Gestagene verantwortlich für die Entstehung von Brustkrebs – doch andererseits schützen sie vor Krebs in der Gebärmutter.

Gebärmutterschleimhautkrebs

Man hat herausgefunden, dass die zusätzliche Gabe von Gelbkörperhormonen wichtig ist, um vor dem Risiko von Gebärmutterschleimhautkrebs zu schützen. Östrogene regen das Wachstum der Schleimhaut der Gebärmutter an; dies kann langfristig zu krebsartigen Veränderungen führen. Gestagene reduzieren diesen Effekt und stabilisieren die Schleimhaut. Frauen, die eine Kombinationstherapie aus Östrogenen und Gestagenen korrekt anwenden, haben kein erhöhtes Risiko für Gebärmutterschleimhautkrebs.

"Eine kombinierte kontinuierliche Anwendung beider Hormone schützt sogar eher vor der Entwicklung eines Gebärmutterschleimhautkrebses."

Prof. Olaf Ortmann, Vorsitzender der Kommission zur Überarbeitung der Leitlinie zur Hormontherapie

Brustkrebs, Diabetes und Übergewicht

Hormone haben einen Schutzeffekt, wenn man sich das Diabetesrisiko anschaut, erklärt die Gynäkologin Dr. Anne Schwenkhagen aus Hamburg: In der WHI-Studie war die Hälfte der Teilnehmerinnen adipös, hatte Diabetes oder erhöhten Blutdruck. Übergewichtige Frauen haben per se ein deutlich erhöhtes Brustkrebsrisiko. Auch gilt grundsätzlich: Ein Zuviel an Insulin ist ein Risikofaktor für Krebs. Wenn man diesen Frauen Östrogene gibt, verbessert sich das Diabetesrisiko – und man verbessert über diesen Umweg womöglich auch ihr Brustkrebsrisiko.

"Die Situation ist also viel komplexer, als man am Anfang gedacht hat. Man muss auch Faktoren wie Gewicht und Genetik berücksichtigen."

Gynäkologin Dr. Anne Schwenkhagen

Andere Krebsarten

Die Auswirkung der Hormonersatztherapie auf die Entstehung anderer Krebsarten wird teils kontrovers diskutiert:  

  • Dickdarmkrebs: Bei Frauen, die eine Hormonersatztherapie bekommen, sinkt schon nach wenigen Jahren das Risiko, Dickdarmkrebs zu bekommen auf beinahe die Hälfte – so die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. Das Deutsche Krebsforschungszentraum stellt fest: „Ob das Risiko für Darmkrebserkrankungen durch eine Hormonersatztherapie sinkt, gilt als noch nicht völlig abgesichert.“  
  • Eierstockkrebs: Laut der Fachzeitschrift Lancet von 2015 erhöht die Hormonersatztherapie auch das Risiko für Ovarialkrebs während der Einnahme signifikant – danach sinkt es wieder. Diese Krebsart ist insgesamt eher selten, wird jedoch oft erst spät erkannt und ist dann nicht mehr gut behandelbar.

Fazit

"Wir können heute sicher sagen, dass die Hormontherapie, ob Östrogene oder die Kombination aus Östrogenen und Gelbkörperhormonen, bis zu einer Anwendungszeit von fünf Jahren im Hinblick auf das Brustkrebsrisiko bedenkenlos ist, wenn die Frau nicht zur Brustkrebs-Risikogruppe gehört. Die meisten Frauen wenden diese Therapien ja auch unter fünf Jahren an. Dies zu kommunizieren ist wichtig. Viele Frauen, die eine Hormontherapie erwägen, fragen nach Zusammenhängen zwischen Krebs und Hormonanwendung. Man muss zum Vergleich andere Risiken erwähnen wie beispielsweise Übergewicht oder Nikotinkonsum und  Bronchialkarzinomrisiko, hier kann das Risiko zehn- bis 20-fach erhöht sein."

Prof. Olaf Ortmann, Vorsitzender der Kommission zur Überarbeitung der Leitlinie zur Hormontherapie

Auch genetische Faktoren und Übergewicht können für Brustkrebs verantwortlich sein.

"Aber nach wie vor gilt: Hormone nur dann nehmen, wenn es einen Grund gibt, wenn also die Frau unter starken Beschwerden leidet. Dann sollte man möglichst niedrig dosieren und die Therapie immer wieder hinterfragen. Die Nebenwirkungen fallen erst richtig ins Gewicht, wenn man eine Hormonersatztherapie länger als fünf Jahre nimmt, das ist ja auch eine beruhigende Information. Und dann sind Hormone immer noch besser als beispielsweise längerfristig Schlafmittel zu schlucken."

Prof. Marion Kiechle, Gynäkologin an der Technischen Universität München


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