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Was ist die Hormonersatztherapie? Hormonersatz- bzw. Hormontherapie

Wenn Östrogene nicht mehr in den Eierstöcken gebildet werden, dann kann man sie dem Körper zuführen. Dies nennt man Hormonersatztherapie oder Hormontherapie. Die Hormontherapie ist zwar eine wirksame Behandlungsoption für Frauen, die stark unter Hitzewallungen und Schweißausbrüchen leiden, aber frau sollte sich ausführlich individuell beraten lassen und alle Nebenwirkungen abwägen.

Von: Monika Dollinger

Stand: 12.03.2018

Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren können sinnvoll sein. Im Bild: Präparate für eine Hormonersatztherapie. | Bild: picture-alliance/dpa

"Die peri- und postmenopausale Hormontherapie ist aufgrund des Nutzen-Risiko-Profils nicht als generelle präventive Maßnahme geeignet," so Prof. Olaf Ortmann, der die S3-Leitlinie zur Hormontherapie in den Wechseljahren der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) koordiniert: "Früher hoffte man, damit z.B. Herzinfarkte bei Frauen zu mindern. Dies wurde bisher jedoch nicht ausreichend belegt."

Regel für die Hormontherapie

"Eine Hormontherapie erfolgt nach dem Empfinden der Frau und nicht nach Laborwerten."

Prof. Marion Kiechle

WHI-Studie

Die Women’s Health Initiative Studie, kurz WHI, ist eine randomisiert-kontrollierte Studie, die in den USA durchgeführt wurde. Die Frage war: Schützen Hormone u.a. vor Herzinfarkt bei Frauen nach den Wechseljahren? Sie untersuchte also nicht, ob Hormon-Einnahme bei Wechseljahrsbeschwerden hilft. Die Studie umfasste verschiedene Gruppen von Frauen mit Hormonersatztherapie, unter anderem bekamen 16.608 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren eine Kombination von Östrogenen und Gestagenen. 2002 wurde das Experiment nach 5,6 Jahren Laufzeit abgebrochen, obwohl 8,5 Jahre geplant gewesen waren. Denn es traten vermehrt Brustkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfälle und Thrombosen auf. Die Durchführung der Studie wurde von amerikanischen Behörden finanziert; die Präparate stiftete ein Pharmahersteller.

Angst vor Brustkrebs

Vor der WHI-Studie bekamen Frauen oft ohne ausführliche Beratung und womöglich schon bei leichteren klimakterischen Beschwerden und über viele Jahre hinweg eine Hormontherapie verschrieben – frei nach dem Motto: Hormone für alle. Durch die WHI-Studie brach die Verschreibung ein – auch wenn das in der WHI-Studie verwendete Hormonpräparat hochdosiert war und in Europa nur selten verschrieben wurde. Frauenärzte waren sensibilisiert und Frauen hatten Angst vor Brustkrebs. Noch immer findet mitunter keine individuelle Beratung statt, ob für die einzelne Frau trotzdem eine Hormontherapie besser ist als jahrelange klimakterische Beschwerden. Heute gilt das Motto: Individualisierte Therapie.

"Die WHI-Studie ist inzwischen vielfach reanalysiert worden. Die Ergebnisse sind neu bewertet worden mit zum Teil anderen Ergebnissen: Zum Beispiel war das Risiko für Herzinfarkte bei der Neuberechnung nicht mehr so statistisch signifikant. Für die Altersgruppe der Frauen, die mit einer Hormontherapie gegen klimakterische Beschwerden behandelt werden, sind die Risiken nicht so hoch wie angenommen. Und heute wissen wir auch, dass diese Risiken nur für bestimmte Frauen gelten."

Gynäkologin Dr. Katrin Schaudig, Vizepräsidentin der Deutschen Menopause-Gesellschaft

Alter bei Hormoneinnahme

Bei den ersten Berechnungen und Veröffentlichung der WHI-Studie wurde nicht genug darauf geachtet, dass die Studien-Teilnehmerinnen nicht repräsentativ waren für die Frauen, die normalerweise eine Hormontherapie machen, zum Beispiel in Bezug auf das Alter.

"Die meisten der Studien-Patientinnen hatten ein durchschnittliches Alter, was deutlich entfernt war von der üblichen Wechseljahrzeit: Sie waren älter als 60 Jahre."

Gynäkologe Prof. Olaf Ortmann, Universität Regensburg

Wenn Hormontherapie, dann zum richtigen Zeitpunkt

Eines der wichtigsten Ergebnisse der WHI-Studie aus heutiger Sicht: Es spielt eine Rolle, wann die Frau beginnt Hormone zu nehmen. Östrogene sind weniger gefährlich, wenn der Körper sie rund um die Menopause bekommt und nicht erst Jahre später.

"Das sogenannte Window of opportunity, also den Bereich, in dem man sinnvoll etwas erreichen kann, ist bei der Hormontherapie ungefähr bis zu zwei Jahre nach der Menopause. Später sollte man nicht mit der Therapie beginnen, denn dann beginnen zum Beispiel womöglich schon Gefäßerkrankungen. Dann muss man sogar damit rechnen, dass die Östrogene eher negativ wirken, und es ist besser, man gibt überhaupt nichts. Also sollte man diese Pause möglichst vermeiden oder zumindest sehr, sehr knapp halten."

Prof. Christian Thaler, Frauenklinik der LMU München

Weitere Analyse der WHI-Studie

Im Mai 2016 veröffentlichten die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Berufsverband der Frauenärzte und die Deutsche Menopause Gesellschaft eine Stellungnahme: Frauen mit Wechseljahres-Symptomen eine Hormonersatzbehandlung zu verweigern, erzeuge eine große und unnötige Bürde des Leidens. Bezugnehmend auf die Publikation der WHI-Forscher zur Neuinterpretation der Studiendaten im März 2016: Der Nutzen der Ersatzbehandlung übersteige bei weitem mögliche Risiken.

Im Herbst 2017 wurden die Daten der WHI-Studien-Teilnehmerinnen nach 18 Jahren ausgewertet und im amerikanischen Ärzteblatt JAMA veröffentlicht. Die Sterblichkeit nach diesem langen Zeitraum war unter den Frauen mit und ohne Hormontherapie nicht unterschiedlich: 27,1% mit Hormontherapie versus 27,6% mit Placebo.

Im Dezember 2017 bekräftigten die für die US-Leitlinie verantwortlichen Ärzte,

  • dass die Hormonersatztherapie nicht zur Prävention von chronischen Krankheiten verschrieben werden soll,
  • dass es keine überzeugenden Belege gibt, dass sie bei frühem Behandlungsbeginn vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz oder frühem Tod bewahrt,
  • dass sie aber als sicher in Bezug auf kurzfristige Beschwerden während der Wechseljahre (wie Hitzewallungen) eingestuft wird,
  • und dass sie für Frauen nach Entfernung der Eierstöcke angebracht ist.

Tipp: Differentialdiagnosen sind wichtig

Auch eine Überfunktion der Schilddrüse kann z.B. zu Wärmegefühl und Schwitzen führen.

"Frauen, die ihre Wechseljahresbeschwerden mit Hormonen behandeln möchten, sollten sich davor medizinisch beraten lassen."

Prof. Vanadin Seifert-Klauss, Oberärztin für gynäkologische Endokrinologie


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