Bayern 2

Hilfe für Obdachlose im Winter Warum die "Ulmer Nester" mehr als nur ein Schlafplatz sind

Für Obdachlose sind die kalten Temperaturen besonders hart. Deswegen hat die Stadt Ulm automatisierte Schlafkapseln aufgebaut. Warum die "Ulmer Nester" mehr sind als ein Schlafplatz, erklärt der Entwickler Falko Pross im Interview.

Von: Anna Bühler

Stand: 11.01.2021

Die Schlafkapseln "Ulmer Nester" bieten Obdachlosen nachts einen sicheren und warmen Schlafplatz. | Bild: eignerframes

Anna Bühler: Können Sie erklären, was die "Ulmer Nester" so besonders macht?

Falko Pross: Es handelt sich dabei um eine Notzuflucht in Form einer Schlafkapsel, die vor sehr kalten Temperaturen, Wind und Nässe schützen soll. Der Standardablauf ist so: Wenn sich jemand abends oder nachts in das "Ulmer Nest" legt, dann bekommen wir das anhand von Sensorwerten mit. Die sind natürlich alle anonym. Da ist also keine Kamera verbaut, aber wir haben einen Bewegungsmelder, sodass wir merken, wenn die Klappe auf- und zugeht. Daraus können wir dann ableiten, ob das Nest belegt ist. Wenn das der Fall ist, dann bekommt die Caritas in Ulm, die Stadt und wir eine Benachrichtigung, dass das Nest belegt ist. Die Caritas hat dann die Aufgaben, das Nest am nächsten Morgen aufzusuchen, die Übernachtung zu beenden und weitere Maßnahmen einzuleiten. Das heißt, sie werden die Person einladen, mit in die Wohnungslosenhilfe zu kommen. Außerdem hat die Caritas die Möglichkeit, Folgeaufträge zu starten. Das heißt, wenn das Nest repariert werden muss, dann kann ein Reparaturauftrag gestartet werden. Und wenn das Nest dreckig geworden ist, dann kann ein Reinigungsauftrag gestartet werden. Es ist also einigermaßen automatisiert und mit dem kleinstmöglichen Aufwand sichergestellt, dass das Nest immer in einem guten Zustand ist und am nächsten Abend wieder benutzt werden kann.

Das heißt, die Nester sind nicht nur Mittel zum Zweck, damit die Leute etwas zum Schlafen haben. Sondern Sie versuchen auch neue Leute zu erreichen, die von Ihren Angeboten bisher keinen Nutzen machen?

Genau. Der primäre Effekt ist natürlich diese Notfallzuflucht. Dass man in eine sicherere Umgebung kommt. Und die schönen Nebeneffekte sind dann, dass ein Kontakt zustande kommt. Man kommt also in Kontakt mit Personen, die ansonsten vielleicht unter dem Radar verschwinden würden.

Das "Ulmer Nest" ist auch ganz speziell so konzipiert, dass es absolut niederschwellig ist. Das heißt, man muss sich keinen Schlüssel holen oder sich irgendwo anmelden, sondern man kann es einfach nutzen. Das wollten wir mit Absicht so haben, um diejenigen abzufangen, die ansonsten durch dieses Raster fallen. Es gibt verschiedene Hürden für Personen, um beispielsweise in einem Übernachtungsheim unterzukommen. Und diese Personen, die durch das Raster fallen und die Übernachtung im Übernachtungsheim nicht wahrnehmen können, für die ist dann speziell das "Ulmer Nest" gedacht.

Sie haben die "Ulmer Nester" bereits letztes Jahr umgesetzt. Was kam denn bislang für Feedback zurück?

Von den Leuten, die dort geschlafen haben, kam sehr positives Feedback. Wir haben ein bisschen darauf spekuliert, dass dieses Nest vielleicht noch ein paar positive Nebeneffekte neben dem Erfrierungsschutz hat. Eines davon haben Sie ja schon gesagt, dass man die Leute kennenlernt und erreicht, die man sonst nicht erreicht.

Weitere positive Rückmeldungen sind, dass die Personen das Gefühl hatten, dass man hier proaktiv auf sie zugeht. Also dass man ein Angebot bereitstellt, ohne dass sie irgendwo als Bittsteller auftreten müssen und irgendetwas einfordern müssen. Dass man auf sie zugeht und das Angebot einfach bereitstellt, wurde von den Personen so aufgenommen, dass man sich um sie kümmert, man an sie denkt und sie nicht vergessen sind. Das war der eine positive Punkt, der zurückkam. Und es gab noch einen zweiten sehr positiven Punkt. Die "Ulmer Nester" sind tagsüber geschlossen und entriegeln sich ab einer bestimmten Uhrzeit – momentan ist das 18 Uhr. Ab da kann man die Klappe öffnen. Dass die Klappe zu einer gewissen Uhrzeit aufgeht und dann morgens die Übernachtung durch die Caritas beendet wird, das hat ein bisschen Struktur in den Alltag der Leute gebracht. Das hat ihnen geholfen, ein bisschen wieder in die Spur zurückzufinden. Und dann teilweise die Folgeangebote – sei es ein Gespräch mit dem Caritas-Mitarbeiter oder weitere Maßnahmen, die letzten Endes dahin führen sollen, dass die Person wieder von der Straße kommt und in eine richtige Wohnung einziehen kann. Das ist das Endziel, dass man da langfristig hinkommen kann.  

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