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Fantastische Insektenwelt Heuschrecken: Springmeister, Sangeskünstler, Talente der Tarnung

Seit biblischen Zeiten haben sie ein Imageproblem: Heuschrecken gelten als (achte) Plage, als Strafe Gottes. Ihre Schwärme sind zahllos und gnadenlos verfressen. Metaphorisch müssen sie deshalb auch oft Pate stehen, wenn es in finanzpolitischen Debatten um Private-Equity-Gesellschaften und Hegde-Fonds geht. Dabei ist so ein Heuhüpfer in der Natur gar kein so unangenehmer Bursche.

Von: Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 06.05.2018

Mit langen und mit kurzen Fühlern

Systematik

Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Überklasse: Sechsfüßer (Hexapoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Fluginsekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Heuschrecken (Orthoptera)
Unterordnungen: Langfühlerschrecken (Ensifera), Kurzfühlerschrecken (Caelifera)
Verbreitungsgebiet: Weltweit

Man erkennt einen Heuhüpfer immer sehr leicht daran, dass er kräftige Hinterbeine hat. Sie sind verdickt, denn darin sind die Muskeln, mit denen er hüpfen kann. So ein Heuhüpfer kann aber auch fliegen. Dafür hat er vier Flügel. Die vorderen Flügel sind meistens ein bisschen länger und derber. Mehr zum Fliegen taugen aber die hinteren Flügel, weil sie häutiger und dünner sind. Es gibt zwei Gruppen von Heuschrecken: die Langfühlerschrecken (Ensifera) und die Kurzfühlerschrecken (Caelifera). Die Unterscheidung ist gar nicht so schwer: Sind die Fühler länger als die ganze Heuschrecke, handelt es sich um einen Langfühler, sind sie kürzer, spricht man von Kurzfühler.

Springmeister, Sangeskünstler, Talente der Tarnung

37 Heuschrecken-Arten gibt es in München. Einer ihrer Lebensräume ist die Panzerwiese, einem artenreichen Biotop inmitten der Stadt.

In Bayern gibt es siebzig Heuschreckenarten. Weltweit sind es rund zwanzigtausend. Der Name Heuschrecke leitet sich vom altdeutschen "schricken" ab; das heißt "hüpfen". Aus dem sechsbeinigen Stand hechtet eine Heuschrecke bis zu zwei Meter weit. Das entspricht gut 30 Mal der eigenen Körperlänge. Das wiederum ergibt etwa Platz drei im Tierreich. Nach dem Springfrosch mit 33 Mal eigener Körperlänge und dem unangefochtenen Floh, der es auf sensationelle 200 Mal bringt. Die Fliegerei ist also bloß ein Nebentalent.

Der Gesang der Heuschrecken

Wer braucht schon Ohren? Langfühlerweibchen horchen mit den Vorderbeinen, Kurzfühlerweibchen mit dem Hinterleib.

Die Langfühlerheuschrecken singen, indem sie die Vorderflügel - die Deckflügel - aneinander reiben. An dem einen Deckflügel ist eine Reihe von Zähnchen. An dem anderen Deckflügel ist eine Kante. Diese Kante wird über die Zähnchen gezogen, das ergibt dann den Ton. Sangestechnisch Spitzenreiter bei den Langfühlern ist die kolumbianische Laubheuschrecke. Sie erreicht Ultraschallfrequenzen. Der Trick: Sie spannt einen Flügel hinter den anderen. Beim Loslassen schnellt der Flügel zurück wie ein Pfeil von der Bogensehne.

Im Gegensatz dazu singen die Kurzfühlerheuschrecken, indem sie die Hinterbeine an den Vorderflügeln wetzen. Am Flügel haben sie eine Kante und an der Innenseite der Hinterbeinchen eine Zähnchenreihe. Das Hinterbein bewegen sie auf und ab. Je nach Art variiert der Gesang. Der Heidegrashüpfer zirpt melodiös. Die Laubholz-Säbelschrecke säuselt filigran. Bei der gemeinen Eichenschrecke wird gescheppert wie mit einer Rassel. Die Mittelmeerfeldgrille sirrt entspannt.

Partnersuche, schneller Sex ...

Unter den Palmen Kretas: Zwei Grashüpfer beim Liebesakt

Es singen übrigens ausschließlich die Männchen. Das hilft beim Gefundenwerden, bei der Brautwerbung. Denn Heuschrecken fühlen sich wohl im Dickicht, am verwuchterten Waldrand oder im Unterholz. Meist grün, braun, schwarz sind ihre Körper perfekt angepasst an die Umgebung - also nicht leicht zu finden. Einmal aufeinander gesessen hat das Männchen das Weibchen befruchtet. Die Langfühlerweibchen haben am Hinterleib ein sogenanntes Legeschwert, eine Art Bohrer, damit versenken sie die Eier im Boden. Kurzfühlerweibchen verstecken die Brut im hohen Gras.

... und die Folgen

Wirklich winzig: Eine Babyheuschrecke sitzt auf einem Menschendaumen.

Die meisten bayerischen Heuschreckenarten legen im Juli/August. Geschlüpft wird im kommenden Frühjahr. Doch anders als Bienen, Fliegen, Käfer erfahren Heuschreckenlarven keine große zweite Geburt. Was da aus dem Heuschreckenei schlüpft, sieht bereits aus wie ein Heuhüpfer, nur eben in winzig. Die Larve frisst und wird einfach größer. Dabei häutet sie sich immer wieder, bis sie eben ausschaut wie ein erwachsener Heuhüpfer.

Winzlinge und Giganten

Wirklich riesig: die Weta

Im Durchschnitt werden Heuschrecken zwei bis drei Zentimeter groß. Im Maximalfall der Weta aber, einer hellbraunen, dickbauchigen Langfühlerheuschrecke aus Neuseeland, werden es bis zu neun Zentimeter. Der Name "Weta" stammt aus der Sprache der Maori und bedeutet "Der Gott der hässlichen Dinge."


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