Bayern 2


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Verkehrsplaner und Autokritiker Hermann Knoflacher: "Das Auto - ein Virus"

Autos - in deutschen Städten eine Selbstverständlichkeit. Auch in Österreich ist das so. Warum eigentlich, fragt Hermann Knoflacher, einst Verkehrsplaner in Wien. Ein Plädoyer, das Auto aus den Köpfen und von den Straßen zu bekommen.

Von: Uwe Pagels

Stand: 12.10.2018

Hermann Knoflacher (Archivbild) | Bild: picture-alliance/dpa

radioWelt: Von Ihnen stammt das Zitat "Der Autofahrer ist kein Mensch". Was habe Sie denn gegen Autofahrer?

Hermann Knoflacher: Ich habe nichts gegen Autofahrer. Ich stelle fest, das er im Unterschied zu Menschen kein Zweibeiner ist. Der Autofahrer ist ein Vierbeiner, er bewegt sich nicht mit eigener Energie, er wird bewegt. Das Auto verändert das Wesen des Menschen so grundlegend wie ein Virus die Zelle verändert. Das heißt, man akzeptiert eine Welt, die ideal für Autos ist und katastrophal für Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Verkehr. Und dann wundert man sich, dass die Sache nicht funktioniert. Ich beschäftige mich primär mit der evolutionären Ausstattung des Menschen und dem wunderbaren Gerät Auto, das eine evolutionäre Sehnsucht des Menschen befriedigt hat, nämlich die Mühe des aufrechten Ganges, zum Teil auch der aufrechten Haltung, aufzugeben. Und zwar auf elegante Art und Weise: Man wird plötzlich um das Tausendfache stärker und so schnell, wie man sich das als Fußgänger niemals vorstellen könnte. Und dazu reicht der Neocortex nicht aus, wir sind nicht in der Lage, das in der Vernunft zu begreifen.

radioWelt: Sie habe als Verkehrsplaner in Wien aktiv daran gearbeitet, Autofahren unattraktiver zu machen. Wie genau haben Sie das gemacht?

Hermann Knoflacher: Die Ursache der ganzen Problematik ist der Fehler in der Bauordnung. Diese alte Reichsgaragenordnung aus 1939, die übrigens auch in Bayern gilt, zwingt die Menschen, mehr oder weniger das Auto zu benutzen. Das heißt, überall wo der Mensch wohnt, arbeitet oder einkauft, muss ein Abstellplatz zur Verfügung stehen. Aufgrund der Eigenschaften des Autos - das die Körperenergie des Fußgängers wunderbar kompensiert - braucht der Autofahrer nur einen Bruchteil der Körperenergie eines langsamen Fußgängers und kann sich viel schneller bewegen. So entsteht eine Werteumkehr im Kopf der Menschen und im Kopf der Wissenschaftler. Ich war selber so einer: Die bauen dann eine Welt für Autos, in der wir leben. Und in der sind wir gefangen. Das heißt, wir müssen Menschen helfen, aus dieser Welt herauszukommen. Ich konnte 1968/69 das Zentrum in Wien von 120.000 fahrenden Autos befreien, gemeinsam natürlich mit den Politikern und der Verwaltung. Wir haben dort die Fußgängerzonen eingerichtet. Viele meiner Vorschläge haben damals als Schnapsideen gegolten und sind inzwischen 50 Jahre alt, sie werden von meinen Studenten, Absolventen und Assistenten mit großem Erfolg umgesetzt. Wien ist die Weltstadt Nummer eins bezüglich Lebensqualität geworden.

radioWelt: Ist es nicht utopisch, trotzdem zu glauben, dass man den individuellen Autoverkehr einfach abschaffen kann. Sie haben gerade auch die Vorzüge des Autofahrens aufgezählt.

Hermann Knoflacher: Ja, gar keine Frage. Aber die Nachteile sind gravierend. Das Auto besetzt zum Parken eine Riesenfläche und bezahlt diesen Preis nicht. Wenn Sie in München oder Wien in der Innenstadt parken, müssten Sie im Monat 500 oder 600 Euro bezahlen, damit Sie den Marktpreis ausgleichen, den Sie hier besetzen. Das ist nämlich der Wert, den Sie normalerweise aus der Stadtfläche von 20 Quadratmetern, die Sie zum Parken und Herausfahren brauchen, besetzen. Das heißt, das wäre der echte Marktpreis, wenn Sie den einführen, würden die Autofahrer sich sehr schnell anpassen. Sie müssen natürlich Alternativen zur Verfügung stellen. In Wien war das der öffentliche Verkehr, der Fußgänger- und Radverkehr. Wir haben eine Verschiebung der Anteile im Verkehr. Inzwischen ist das Autofahren in Wien viel entspannter als in anderen Städten.

radioWelt: Es gibt in Deutschland 40 Millionen Autos und genau so viele Autofahrer: Das sind alles Wähler. Hat die Politik zu viel Angst vor ihnen?

Hermann Knoflacher: Natürlich, das ist gar keine Frage. Mit ängstlichen Politikern können Sie gar nichts machen. Ich kenne das vom Bergsteigen. Wer Angst hat, ist schon tot. Ich hätte diese Sachen nicht machen können, hätte ich nicht Partner in der Politik gehabt, die entsprechend klug und geschickt waren. Der Böse war immer ich und der Politiker hat mit mir Kompromisse ausgemacht, wie weit wir gehen können. Ich habe natürlich das verlangt, was wissenschaftlich notwendig ist, nämlich im Wesentlichen, die Autos aus der Stadt so weit wie möglich zu verdrängen. In dem Augenblick, wo sie die Autos aus der Stadt bringen, ziehen die Menschen wieder zurück. Wir haben in Wien in mehreren Bezirken, wo wir das gemacht haben, immer mehr Bewohner und vor allem junge Bewohner, die den öffentlichen Raum besetzen und plötzlich die Stadt zum Leben bringen. Der Fußgänger ist das Lebensblut einer Stadt. Als Planer agiere ich genauso, wie ein Arzt, der den Puls fühlt und schaut, ob der Patient noch lebt:Ich schaue mir die Stadt an oder die Gemeinde. Wenn ich sehe, dass Menschen unterwegs sind, dann weiß ich: Die lebt noch. Wenn das nicht der Fall ist, ist die Stadt praktisch tot. Man muss sie zum Leben bringen, ich mache das seit Jahrzehnten.


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