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Noch unveröffentlichte Studie Hebammenversorgung in Bayern ist "nicht stabil"

Schon jetzt sind bayerische Hebammen überlastet - und die Probleme werden sich künftig noch verschärfen. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Studie im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums hervor. Eine Kurzfassung liegt BR Recherche schon vor.

Von: Christiane Hawranek

Stand: 06.08.2018

Neugeborenes mit Hebamme | Bild: picture-alliance/dpa

Es sind zwei Trends, die derzeit aufeinanderprallen: Zum einen der Personalmangel bei Hebammen; zum anderen der Babyboom. Laut dem Statistischen Landesamt kommen in Bayern durchschnittlich 345 Neugeborene am Tag zur Welt. Seit 2011 hat sich die Zahl der Geburten in Bayern um rund ein Fünftel erhöht. Bayerische Babyboom-Hauptstadt ist München mit einem Geburtenzuwachs um etwa 45 Prozent zwischen den Jahren 2000 und 2016.

"Ausgeprägte Unzufriedenheit" bei den Hebammen

Deshalb ist die Situation in München auch besonders angespannt. Das belegt die noch unveröffentlichte "Studie zur Hebammenversorgung im Freistaat Bayern" im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministeriums. Eine Kurzversion liegt BR Recherche vor. Rund 1.000 Hebammen, 1.300 Mütter und 44 Geburtskliniken in Bayern hat das Berliner IGES Institut für die Studie befragt. Darin gaben die befragten Hebammen mehrheitlich an, dass sich ihre Arbeitszeit deutlich erhöht habe. Dadurch komme es zu einer "ausgeprägten Unzufriedenheit". Gleichzeitig planen viele Hebammen, weniger zu arbeiten oder den Schichtdienst sogar ganz einzustellen. Die Situation wird sich also noch verschärfen.

Der Bayerische Hebammen-Landesverband beklagt schon seit Jahren Defizite in der Hebammenversorgung. Die Vorsitzende des Verbandes, Astrid Giesen, sagt, die Studie belege genau das, was Hebammen tagtäglich erleben - vor allem auf den Geburtenstationen in Krankenhäusern.

"Die Hebammen berichten, dass sie sich oft zerrissen fühlen, sie wollen eigentlich anders arbeiten, sie wollen die Frauen begleiten in der natürlichen Geburt, aber es gibt viele Zwänge. Dann ist der Personal-Engpass sehr belastend, das ist ein Teufelskreis, der entsteht."

Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Landesverbandes

Traumatische Erfahrung: Abgewiesen am Kreißsaal

Gerade in den Geburtskliniken, so die Studienautoren, werden sich die Angebotsengpässe künftig verstärken, weil es "(sehr) schwer falle, vorhandene Hebammenstellen zu besetzen". Das wirkt sich auch auf werdende Mütter aus: Eine Folge kann die durchaus traumatische Erfahrung für Schwangere in den Wehen sein, am Kreißsaal abgewiesen zu werden. Die Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks, BR Data, haben dazu kürzlich die Zahlen von Münchner Geburtskliniken ausgewertet.

Laut der Studie für das Bayerische Gesundheitsministerium haben im Jahr 2016 etwa drei Prozent der werdenden Mütter in München unter der Geburt keinen Platz im Kreißsaal bekommen und mussten an eine andere Klinik verwiesen werden.

Großer Engpass bei der Wochenbettbetreuung

Besonders groß ist der Versorgungsengpass laut Studie auch für die Zeit nach der Geburt: Bei der Wochenbettbetreuung. Im Idealfall kommt die Hebamme in den ersten Tagen und Wochen zur jungen Familie nach Hause. Sie wiegt den Säugling, hilft bei Stillproblemen und kontrolliert, ob sich beispielsweise der Nabel infiziert hat oder ob das Baby Gelbsucht hat - eine Krankheit, die unerkannt zu einem Hirnschaden führen kann.

"Gemäß der Hebammenbefragung hatten rund 71 Prozent der Hebammen (in München sogar rund 91 Prozent) deutlich mehr Anfragen für eine Wochenbettbetreuung als sie annehmen konnten."

Auszug aus der Kurzversion der Studie 'Hebammenversorgung im Freistaat Bayern'

Besonders sozial schwache Frauen oder Frauen mit mangelnden Deutschkenntnissen haben Probleme, viele Hebammen abzutelefonieren - in München zum Beispiel müssen Schwangere oft mehr als sieben Hebammen kontaktieren, bis sie eine Wochenbettbetreuung finden. Laut Studie waren 2016 letztendlich etwa fünf Prozent der Mütter ohne Hebamme im Wochenbett.

Fazit der Studie: Hebammen sollten finanziell gefördert werden

Das Fazit der Studienautoren: Es bestehe Handlungsbedarf, weil die Hebammenversorgung in Bayern weder stabil noch nachhaltig sei. Die Berliner Autoren empfehlen zum einen kommunale Vermittlungsstellen für Hebammen, damit Schwangere leichter eine Hebamme für die Nachsorge finden. Außerdem sollte sich der Freistaat auch finanziell engagieren: Bei den Berufsfachschulen beziehungsweise bei den Hebammen in der Geburtshilfe direkt.

Das bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege möchte sich zur auf BR-Anfrage erst nach Veröffentlichung der Studie Ende August dazu äußern. Die Pressestelle verweist aber auf die Pläne der Staatsregierung, wonach beim geplanten "Zukunftsprogramm Geburtshilfe" die Kommunen in Bayern dabei unterstützt werden sollen, die wohnortnahe Geburtshilfe zu erhalten. Freiberufliche Hebammen in der Geburtshilfe können zudem ab September einmal jährlich eine 1.000-Euro-Prämie beantragen. Experten glauben allerdings nicht, dass das reicht, um das Problem wirksam zu bekämpfen. Auch die sozialpolitische Sprecherin der bayerischen Grünen, Kerstin Celina, sagt: Die Studie mache sie wütend, weil viele Vorschläge der Grünen bisher abgelehnt worden seien - beispielsweise Wohnheimplätze für Hebammen in Ballungszentren zu schaffen.

"Die Studie sollte ein Alarmsignal für die Bayerische Staatsregierung sein. Nur: Die jahrelange Untätigkeit der CSU mit einer einfachen Geldleistung zu bekämpfen, ist einfallslos und wird nichts bringen."

Kerstin Celina, sozialpolitische Sprecherin der Grünen


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