Bayern 2


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Faszination Böhmerwald (2/2) Grenzerfahrungen im Mühlviertel

Bevor 1990 die Grenze zur Tschechoslowakei fiel, war im österreichischen Mühlviertel sozusagen das Ende der Welt. Heute haben sich die Mühlviertler auf die neue Nachbarschaft eingelassen und gehen gerne auf Entdeckungsreise in den Böhmerwald.

Von: Heidi Wolf

Stand: 26.12.2017 | Archiv

"Ja, es ist eine wahnsinnig schöne Gegend. Es ist sehr viel Natur. I mag das. Meine Lieblings-Jahreszeit ist der Herbst. Das kann man gar nicht so beschreiben. Ich lebe halt da und ich mag es da. Ich hab nicht so eine spezielle familiäre Verbindung, so eine super emotionale Verbindung zu dem Haus, aber ich find, des is a wunderschönes Haus, es ist wunderschön gelegen. Und dass ich da leben kann mit meinem Mann und meinen Tieren, vor allem mit meinen Pferden - des ist schon so, wie ich mir mein Leben immer erträumt hab."

(Judith Gollner, Tierärztin)

Von der k. u. k.-Monarchie zum "Eisernen Vorhang"

Landkarte des Sudetenlands nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakischen Republik im Oktober 1938

Der österreichische Böhmerwald gehörte bis 1918 zur k. u. k.-Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten dann die Tschechoslowaken ihren eigenen Staat, erklärten das Haus Habsburg für abgesetzt. Das veränderte auch die nachbarschaftlichen Beziehungen. Die Menschen lebten jetzt in zwei  verschiedenen Ländern, sprachen aber immer noch die gleiche Sprache. 1945 war es auch damit vorbei: Der größte Teil der deutschstämmigen Bevölkerung wurde aus den Grenzgebieten ausgewiesen, ihre Dörfer zerstört - die Rache für Hitlers Eroberungspolitik.

Er hatte das Sudentenland an sich gerissen, es "heim ins Reich" geholt. Die Wehrmacht war in Prag und in die sogenannte "Rest-Tschechei" einmarschiert. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg markierte dann ein sogenannter "Eiserner Vorhang" die Grenze zwischen Böhmen, Bayern und Österreich.

1990 fiel der "Eiserne Vorhang"

Der idyllisch gelegene Hof der Tierärztin Judith Gollner

Tief duckt sich das Haus der Tierärztin Judith Gollner in die Mulde unterhalb des Nordkamms bei Guglwald im österreichischen Mühlviertel, auf dem bis 1990 der "Eiserne Vorhang" verlaufen ist. Hier an der Grenze zur ehemaligen Tschechoslowakei war bis 1990 die Welt zu Ende. Judith Gollner kann sich noch gut an die Warnungen in ihrer Kindheit erinnern:

"Geht nicht hinunter zum Bach. Das ist super gefährlich. Wenn sie euch erwischen, kommt ihr nach Prag und nie mehr heim."

Noch wenige Monate, bevor sich der Eiserne Vorhang hob, starben noch Menschen an diesem undurchdringlichen Stacheldrahtzaun wenige Meter von der "Grub" entfernt, wie das idyllisch gelegene Anwesen heißt.

Die Lieblingspatienten von Tierärztin Judith Gollner sind Rinder

Veterinärin Judith Gollner bei der Arbeit

Doch diese Schreckenszeiten sind vorbei. Wie im Bayerischen Wald haben sich die Menschen im Mühlviertel auf die neue Nachbarschaft eingelassen, gehen gerne auf Entdeckungsreise in den Böhmerwald mit seiner wilden Natur und den weiten Wäldern. "Es ist eine wahnsinnig schöne Gegend", sagt Judith Gollner, deren Lieblings-Jahreszeit der Herbst ist, wenn die Blätter an den Bäumen in allen nur erdenklichen Farben leuchten. Die Veterinärin ist nach dem Studium in Wien und einem Praktikum in Neuseeland wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, behandelt Großtiere. Sie mag Rinder, weil sie so geduldig sind und viel aushalten.

Neue Wege gehen in der alten Heimat

Judith Gollner macht sich Sorgen um die Zukunft der Landwirtschaft in dieser Region, die landschaftlich viel zu bieten hat, aber wo die Ernten karg ausfallen. Sie freut sich mit den Menschen, die neue Wege gehen und dabei erfolgreich sind. "Ihre Ziegenbäuerinnen" nennt sie als Beispiel, stolze Frauen, die ihre Höfe nicht aufgeben wollten, weil sie an ihrer Heimat hängen. Davon handelt "Faszination Böhmerwald – Teil 2. Grenzerfahrungen im Mühlviertel."


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