Bayern 2


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Sprachinsel Gottschee Südbairischer Dialekt in Unterkrain

Nur noch wenige Menschen leben heute in der Gegend um die slowenische Stadt Koševje. Die Einheimischen nennen sie in ihrem altertümlichen südbaierischen Dialekt "Gottschee". Ulrich Zwack hat sich in dem verlassenen Landstrich auf die Suche nach den letzten Gottscheern gemacht.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 01.05.2018 | Archiv

"Die Gottschee liegt in Unterkrain. Sie beginnt knapp 60 Kilometer südöstlich der heutigen slowenischen Hauptstadt Ljubljana, deutsch Laibach, und erstreckt sich bis zur Kolpa, dem Grenzfluss zu Kroatien.

Lediglich eine einzige Hauptstraße führt durch die gottverlassene Gegend.  Nur ganz selten sieht man einmal eine kleine Ortschaft. Selbst die einzige Stadt, Kočevje, hat nur rund 8500 Einwohner. Sonst Wald und wieder Wald. Es ist der Hornwald, Europas letzter Urwald - so unberührt, dass darin sogar noch mehrere hundert Braunbären leben.

Hier und da stehen noch ein paar Gebäude, die einst Titos Partisanen errichtet haben. Aber auch immer wieder pflanzenüberwucherte Häuserfundamente oder Grabsteine mit deutschen Namen. Und manchmal blinkt auch ein frisch renovierter Kirchturm im dichten Grün, ein seltsam anmutender Anblick."

(Ulrich Zwack)

Kočevje hieß bei den Einheimischen "Gottschee"

Kočevje, Krain/Slowenien. Totalansicht der Stadt von Westen (um 1895).

Bis 1941 sprachen die meisten Menschen in und um die slowenische Stadt Kočevje einen altertümlichen südbairischen Dialekt – und Kočevje hieß bei den Einheimischen auch nicht Kočevje, sondern Gottschee. Denn als die Kärntner Grafen von Ortenburg im 13. Jahrhundert ein 860 km² großes Stück Urwald in Unterkrain zum Lehen erhielten, hatten sie Bauern aus Kärtnten, Ost- und Südtirol, Freising und Salzburg geholt, um es zu besiedeln und zu bebauen. Schließlich umfasste die Sprachinsel 177 Ortschaften und hatte bis zu 25.000 Einwohner. Nach dem Hauptort wurde sie die Gottschee genannt.

Hitler ließ die Gottscheer Volksgenossen aus- und umsiedeln

Deutschstämmiger aus dem Gebiet Gottschee, 1936

Jahrhundertelang fristeten die Kolonisten ein ziemlich ärmliches Dasein als Bauern, Hersteller von Holzgerätschaften und wandernde Hausierer. In den Türken- und Bauernkriegen wurden sie arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber von der Karte gefegt wurde die Sprachinsel erst durch Hitler: Denn als nach dem Jugoslawienfeldzug von 1941 das Gebiet an Italien fiel, ließ der deutsche "Führer" die Gottscheer Volksgenossen aus- und umsiedeln, um dem italienischen "Duce" einen Gefallen zu tun.

Manche widersetzten sich allerdings dem Tyrannenwillen und blieben. Einige schlossen sich sogar Titos Partisanen an, um die italienischen und deutschen Besatzer zu bekämpfen. Trotzdem wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg von den siegreichen Jugoslawen systematisch drangsaliert und vertrieben. Nur ganz wenige blieben in dem inzwischen fast menschenleer gewordenen Gebiet. Und einige von ihnen leben immer noch dort.

Ulrich Zwack begab sich vor Ort auf  die Suche nach den letzten Gottscheern, von denen manche ihren alten südbairischen Dialekt heute mühsam auf Sprachschulen erlernen.

"Notgedrungen wurde Slowenisch für die wenigen verbliebenen Gottscheaberer bald zur Verkehrs- und Alltagssprache. Denn das Gottscheerische war in der Isolation der Sprachinsel weitgehend auf einer spätmittelalterlichen Stufe stehen geblieben. Für die rasanten Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf allen Gebieten fehlte schon allein ein adäquater Wortschatz. Und Hochdeutsch hatten die meisten Gottscheaberer nie gelernt. Also griffen sie logischerweise auf das moderne Slowenisch der Bevölkerungsmehrheit zurück."

(Ulrich Zwack)


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