Bayern 2


32

Familiensaga Der Gorilla Fritz

Im Nürnberger Zoo war der Gorilla Fritz, auch "Alter Fritz" genannt, eine Legende. Mit seinen 55 Jahren war er der älteste Gorillamann Europas. Am 20. August 2018 ist der charismatische Zoobewohner verstorben. Seine bewegte Lebensgeschichte kannten jedoch nur wenige.

Von: Jenny von Sperber

Stand: 13.07.2018

Mit seinen 180 Kilo war Gorilla Fritz Chef in einem kleinen Nürnberger Harem von vier Frauen, und mit 55 Jahren der älteste Silberrücken Europas: ein charismatischer Boss.

Gorilla Fritz: stiller Zeitzeuge mit großem Einfluss

Fritz war viel mehr als nur ein Patriarch mit einem kleinen Harem in einem mittelgroßen Zoo. Er war ein stiller Zeitzeuge, der im Laufe seines langen Lebens zu einer Persönlichkeit der Zoogeschichte wurde. Es war ein fremdbestimmtes Leben hinter Panzerglas - und doch mit großem Einfluss auf die Menschen um ihn herum, die Menschen auf der anderen Seite der Scheibe.

Über Fritz' Kindheit lässt sich nur spekulieren.

Fritz stammte aus dem Dschungel in Kamerun, das weiß man aus den Zuchtbüchern. In den frühen Sechziger-Jahren wuchs er - vermutlich - in einer stabilen Gorilla-Gruppe auf, mit einer liebevollen Mutter, mit Tanten und Geschwistern, sowie mit einem charakterstarken und eindrucksvollen Vater - einem Silberrücken von natürlicher Autorität, so wie es Fritz am Ende selbst war. Darauf lies sein Verhalten im Erwachsenenalter schließen. Denn nicht Instinkte sagen dem Gorilla, wie er sich in der Gruppe verhalten soll. Auch Gorillakinder lernen durch Abschauen und Nachmachen.

"Du kannst Gorillas nicht lebend fangen."

Gorillababies sind damals sehr wertvoll und damit lukrativ für Fährtensammler und Jäger. Aber gerade bei Gorillas ist die Jagd auf die Jungen ein grausames Massaker an ganzen Familien.

"Du kannst Gorillas nicht lebend fangen. Wenn Du ein Junges willst, musst Du die gesamte Familie erschießen. Die Kinder sind ja nicht alleine, es gibt einen Silberrücken, der auf sie aufpasst. Und mehrere Frauen. Die musst Du alle umbringen, um das Baby zu kriegen."

Guillaume Le Flohic, Leiter einer Gorilla-Auffangstation in Kamerun

In den Sechziger-Jahren nutzten die Jäger noch Speere und Macheten, nicht etwa Schusswaffen.

Glück im Unglück

Solche traumatischen Erlebnisse verlassen einen Gorilla vermutlich sein Leben lang nicht, denn sie erinnern sich. Der kleine Fritz hatte Glück im Unglück: Wahrscheinlich war jemand bei ihm, dem er vertraute. Sonst hätte er das, was er erlebt hatte und auch das, was noch auf ihn zukam, nicht überlebt.

Zu Mittag: Hammelfleisch und Weißbier

Per Schiff kam Fritz nach Europa, Reiseziel: München, Tierpark Hellabrunn. Dort verbrachte er viereinhalb Jahre, bis er sieben war. Die Tierhaltung in dieser Zeit lässt uns aus heutiger Sicht mit dem Kopf schütteln. Zoos Anfang der Sechziger-Jahre waren vollkommen andere Orte, als die heutigen Tiergärten. Man wollte den Besuchern zeigen, was es für sonderbare Wesen auf unserer Welt gibt – je kurioser desto besser. Wie es diesen Wesen dabei ging, war zweitrangig. Statt mit Blättern und Gemüse wurden die ersten Gorillas in Europa mit Würsten, Käse, belegten Broten, Hammelfleisch und Weißbier gefüttert. Menschenaffen wurden damals auch noch trainiert, mussten in Shows auftreten, Puppenwägen herumschieben, zum essen am Tisch sitzen und als gutes Beispiel für Kinder herhalten. Auch Fritz musste wohl solche wenig sinnvollen Tricks lernen. Denn: Bis zu seinem Tod hielt er sich wie ein Mensch beim niesen die Hand vor den Mund.

Von München nach Nürnberg - der "alte Fritz"

In der Pubertät, mit sieben, zog Fritz schließlich nach Nürnberg um. Schon 15 Monate nach seiner Ankunft wurde er zum ersten Mal Vater. Sohn Schorschla war eine Sensation. Insgesamt hatte "der alte Fritz", wie der Silberrücken liebevoll genannt wurde, über 30 Nachkommen: sechs eigene Kinder, sechs Enkelkinder, zehn Urenkel und neun Ururenkel.

Wie lange noch?

Im Früh-Sommer 2018 lag Fritz dann auf einmal zusammengekrümmt auf dem Boden und kam nicht mehr hoch. Am Affenhaus hieng ein Schild: Der Gorilla Fritz ist krank. Die Mitarbeiter bangten, ob nun bald, wie sie sagten, der "Tag X" komme: der letzte Tag des Gorillas. Aber dann richtete sich der alte Silberrücken noch einmal auf. Leider nicht mehr für lange Zeit. Wenige Wochen später ist der "Tag X" nun wirklich gekommen und der alte Fritz hat sich vom Nürnberger Zoo verabschiedet.


32