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Gopnik-Style Wie die Mode der russischen Armen zu High Fashion wurde

Trainingsanzug, Adiletten, Russenhocke - das ist Gopnik-Style. Schuld am Siegeszug des Modetrends von russischen Plattenbauten auf die Laufstege der Welt sind: ein Sportartikelhersteller, zwei osteuropäische Designer - und Olympia 1980.

Von: Christian Orth

Stand: 30.07.2018

Gopnik – allein das russische Wort für den Trend ist schon abfällig. Es ist nicht abschließend geklärt, woher es stammt. Ob vom Straßenraub (russisch "Gop-Stop"), von den Armenhäusern der Oktoberrevolution 1917 oder vom Schlafen auf der Straße. Als Gopniki bezeichnete man in der Sowjetzeit die gesellschaftliche Unterschicht. Gopniki sind arm und neigen durch ihre Perspektivlosigkeit zur Kriminalität. Ihr Alltag spielt sich vor grauem Beton ab, in riesigen Plattenbauten. Hier sitzen sie in der Hocke, trinken billigen Wodka, kauen Sonnenblumenkerne. Reden wenig, pöbeln viel. Wie kam es, dass gerade ihr Style zur High Fashion wurde? Die Chronologie eines Siegeszugs:

1980: Als Trainingsanzüge Luxus waren

Einen Gopnik erkennt man relativ schnell an seinem Adidas-Trainingsanzug. Denn: Gopniki sind von den drei weißen Streifen nahezu besessen. Der Hintergrund: Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau kleidete Adidas die Nationalmannschaft der Sowjetunion ein. In Zeiten des eisernen Vorhangs war es allerdings nicht so leicht, sich mal schnell einen Tracksuit aus Herzogenaurach liefern zu lassen. Der Trainingsanzug war also nur für Russen mit Geld und Status erschwinglich. Adidas-Anzüge wurden damit für viele Russen zum Statussymbol. Ein richtiger Gopnik ist heute von Kopf (Adidas-Schiebermütze) bis Fuß (Adiletten mit Tennissocken) in die Klamotten der Herzogenauracher getaucht.

2014: Zwei osteuropäische Designer machen den Style zur High Fashion

Zwei Namen spielen hier eine besondere Rolle: Gosha Rubchinskiy und Demna Gvaslia. Ihre Mode zählt inzwischen auch auf den europäischen Laufstegen zum angesagtesten, was es gibt. Demna Gvasalia, Georgier mit deutschem Pass, ist inzwischen Chef-Designer der französischen Luxus-Marke Balenciaga. Außerdem hat er 2014 das Label Vetements gegründet, das den Normcore (also das bewusste Tragen von durchschnittlicher Kleidung) auf die Spitze treibt. In diesem Frühjahr kooperierte Vetements mit DHL, ein Kleid in DHL-Optik kostet dann über 400 Euro. Inzwischen zählt auch er zu einem der einflussreichsten Designer überhaupt.

Rubchinskiy, selbst im Moskauer Plattenbau aufgewachsen, hatte zur WM in Russland den Auftrag, eine neue Kollektion herauszubringen. Auftraggeber: natürlich Adidas. Inzwischen gibt es Rubchinskiy-Facebook-Gruppen, die als Umschlagplätze für seine limitierten Produkte dienen. Der europäische Ableger der Rubchinskiy-Facebook-Fangruppe hat mehr als 30.000 Mitglieder.

2016: Der erste Gopnik-Ausläufer kommt nach Deutschland: Die Russenhocke

Beine anwinkeln, der Hintern knapp über dem Boden, die Füße bleiben auf den Fersen, die Arme hängen lässig über den Knien. Die Russenhocke ist wohl der größte Exportschlager der Gopniki. In den sozialen Netzwerken gehört sie spätestens seit 2016 wie das Duck-Face zum Standard-Repertoire des Foto-Posings. Auf Instagram gibt es sogar Accounts, die sich ganz dem slawischen Squatten verschrieben haben. Und es hat auch einen ganz einfachen Vorteil: Setzt man sich auf den Boden, wird der Trainingsanzug dreckig. In der Hocke passiert das nicht, ausruhen kann man sich trotzdem.

2017: Die Deutschrapszene etabliert den Style in Deutschland

Nur im Trainingsanzug auf der Bühne: Deutschrapper Trettmann beim PULS Open Air

Auch wenn richtige Gopniki lieber Hardbass hören, ist der Style hierzulande besonders in der Techno- und der Hip-Hop-Szene zu finden. Im Deutschrap wird der Look auch lyrisch verarbeitet, Trettmann singt nicht umsonst: "In meinem Tracksuit mit drei Streifen, gekommen, um zu bleiben". Schließlich bricht der tägliche Trainingsanzug auch alle Konventionen, ist also eine Form von rebellischem Statement. Die Financial Times fragte vor ein paar Monaten: "Why is fashion so ugly?" Westliche Hipster antworten mit Gopnik-Look, denn wenig bricht so sehr mit ihrer gutbürgerlichen Herkunft wie der Look der sowjetischen Unterschicht der 1980er Jahre. Trainingsanzug, Bauchtasche und Schnauzer trägt eigentlich nur der etwas verlebte Nachbar Juri? Umso besser.

2018: Gopnik trifft den Zeitgeist: antiquiert, anti-gender, anti-modisch

Kaum eine Zeit ist gerade so angesagt wie die 1980er und 1990er Jahre - da passt der Look der Gopniki perfekt in den Zeitgeist. Die besten Gopnik-Stücke bekommt man sowieso vom Dachboden der Eltern oder vom Flohmarkt, am besten noch gefälscht. Auch vier Streifen gelten nicht als Tabu, sondern fast schon als Auszeichnung. Gopnik-Style kann jeder tragen. Ob Mann, Frau oder irgendetwas dazwischen – ein Trainingsanzug kennt ebenso wenig Geschlechterstereotype wie Oversize-Pullies und Logo-Shirts. Praktisch ist der Look, weil sowohl die berühmte Russenhocke wie auch das Tanzen im Jogginganzug leichter klappen als in der Skinny-Jeans.


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