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"Good Bye, Lenin!" Regisseur Wolfgang Becker: "Hab nicht geglaubt, dass die Mauer so schnell fällt"

"Good Bye, Lenin!" - ein Film über einen jungen Mann, der seiner Mutter vorspielt, dass die DDR weiterlebt. Regisseur war der aus Nordrhein-Westfalen stammende Wolfgang Becker. Wie gut konnte er als Westdeutscher aufs Lebensgefühl der DDR eingehen? In Berlin hat er den Mauerfall 1989 aus nächster Nähe erlebt.

Stand: 07.11.2019

Wolfgang Becker wurde 1954 in Nordrhein-Westfalen geboren, das Studium hat ihn dann nach Westberlin verschlagen. "Schmetterlinge", sein Abschlussfilm an der DFFB-Filmhochschule, bekam 1988 den Studenten-Oscar "Student Film Award". In "Good Bye, Lenin!" mit Katrin Sass und Daniel Brühl in den Hauptrollen lässt Becker die DDR ein kleines bisschen weiterleben. Mehr als 6 Millionen Zuschauer haben den Film im Kino gesehen.

radioWelt: Als Sie mit "Good Bye, Lenin!" damals angefangen haben, hatten Sie da Bedenken, diesen Stoff in Angriff zu nehmen, so als Wessi?

"Good Bye, Lenin!": Alex (Daniel Brühl) tut so, als lebe die DDR weiter.

Wolfgang Becker: Nein. Bedenken hatte ich nicht. Aber mir war klar, dass ich mit meiner West-Sozialisation vieles vom Alltagsleben der DDR nicht wusste, deswegen habe ich ja auch viele DDR-Schauspieler besetzt und Leute im Team. Die Hälfte des Teams war mit Ex-DDR-Bürgern besetzt. Und ich habe mich auch sehr sehr gut vorbereitet. Insofern waren alle überrascht, dass ich mich in der Alltagskultur der DDR ganz gut auskannte.

Der Film spielt ja auch mit Ostalgie, mit dem Verschwinden von früher ganz alltäglichen ostdeutschen Dingen: Spreewaldgurke, Rotkäppchensekt oder Aktuelle Kamera. Viele Ostdeutsche hatten nach der Wende das Gefühl, ihre eigene Vergangenheit wäre ein Stück ausgelöscht worden. Können Sie das nachvollziehen?

Das kann ich total nachvollziehen. Man muss sich das mal für sich selbst vorstellen, dass man quasi über Nacht nichts mehr von dem wiederfindet, wenn man einfach nur in den Supermarkt geht. Was einfach das alltägliche Leben betrifft: Alle Ämter sind anders, alle Formulare, die man ausfüllen muss, also all diese alltäglichen Dinge sind auf einmal anders und viel Gewohntes und Liebgewonnenes ist weg, das kann ich total verstehen.

Wie haben Sie 1989 den Mauerfall erlebt?

Ich fuhr mit dem Auto die AVUS [Anm. Stadtautobahn im Südenwesten von Berlin] hoch und mache das Autoradio an und höhere plötzlich auf allen Sendern Glockengeläut. Bis sich dann rausstellt, das ist die Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus. Und dann kam auch in den Nachrichten, angeblich sei die Mauer gefallen oder irgendetwas ist vorgefallen. Ich bin dann nach Hause gefahren, hab die Tagesschau geguckt um 20 Uhr, da war noch kein Bericht da. Und dann habe ich gedacht, ich fahre jetzt einfach mal zum Grenzübergang und bin dann zum Checkpoint Charlie gefahren. Eigentlich der falsche Grenzübergang, aber das war ja der, für den die Alliierten zuständig waren. und ich war da. Ich stand da mit ein paar Leuten, das war so halb neun herum. Und um 23 Uhr waren Tausende von Menschen da. Ich habe wirklich miterlebt, wie ein System innerhalb von zweieinhalb Stunden zusammengebrochen ist. Das war eine der interessantesten Erfahrung, weil ich habe nämlich auch nicht geglaubt, dass die Mauer so schnell fällt oder überhauptet fällt.

War ihnen damals gleich klar: Das war’s jetzt mit der DDR?

Ich glaube in dem Moment, als ich da gestanden habe, nicht – diese Gedanken kamen ein paar Tage drauf. Aber in dem Moment, als ich da gestanden habe, am Checkpoint Charlie, und diese Tausenden von Leuten gesehen hab, die mit ihren Pässen gewunken haben, als da dieser Schlagbaum hoch ging, die alle rüber kamen und so – ganz Westberlin war voll von Leuten, die über den Ku‘damm gelaufen sind, die ganzen Kneipen waren voll, die BVG hat Sonderbusse eingesetzt. Da habe ich nicht drüber nachgedacht, was mit der DDR passiert. Ich hab Folgendes gemacht: Ich bin den anderen Weg gegangen. Ich bin nämlich mit ein paar Leuten nach Ostberlin rüber gelaufen, ohne kontrolliert zu werden, und bin da von einem Straßenbahnfahrer, der mit einer leeren Straßenbahn unterwegs war, mitgenommen worden, der uns quasi da im Bereich Museumsinsel rumgefahren hat. Und ich hab dann eigentlich die Wiedervereinigung, also den Fall der Mauer, erst auf der anderen Seite erlebt und bin dann erst spät in der Nacht wieder nach Westberlin gegangen. Die Gedanken, was mit der DDR wird, ob sie zu Ende ist, ob es vielleicht eine sogenannte dritte Lösung gibt, also eine demokratische DDR, eine anders definierte DDR – das war ja lange Zeit im Gespräch – da hab ich erst Tage später drüber nachgedacht.


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