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Das Selbstwertgefühl im sozialen Umfeld Gibt es richtiges oder falsches Selbstwertgefühl?

So wie es ja auch keine richtige oder falsche Körpergröße gibt, sieht Prof. Reinhart Schüppel auch kein richtiges oder falsches Selbstwertgefühl.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 10.03.2019

Eine junge Frau macht ein Selfie von sich. | Bild: picture-alliance/dpa

Vielmehr gilt es, das richtige Umfeld zu finden.

Ein Betrieb mit guter Stimmung und konstruktiver Arbeitsatmosphäre, eine gut funktionierende, hilfsbereite Nachbarschaft: In jedem sozialen Kontext finden Menschen mit verschiedenstem Selbstwertgefühl im Idealfall gut zusammen und ergänzen sich bestenfalls - ob zurückhaltend oder aufgeweckt.

"Es gibt ja eigentlich zu jedem Individuum einen Platz, der den Neigungen und den Fähigkeiten entspricht. Und viele Menschen - erstaunlich viele Menschen - finden ja auch in ihrem Leben genau diesen Platz."

Prof. Reinhart Schüppel

Der Wunsch nach Konstanz

Im normalen Alltag kommen Menschen so mit ihrem unterschiedlichen Selbstwertgefühl zurecht. Dafür sorgt im Hintergrund auch das psychologische Phänomen der Konstanz.

"Im Kern leben wir davon, dass jeder so ist wie er ist. Es würde jede Familie auseinanderfallen, wenn heute Abend alle heimkämen, und jeder wäre plötzlich anders. Ich habe den Eindruck, das ist so eine Art 'Energiesparmodell'. Sie können in manchen Familien auf fünf Minuten genau vorhersagen, was als nächstes passiert. Das bedeutet aber auf der anderen Seite, dass ich alles vermeide, was mein Bild von mir und den anderen durcheinanderbringt."

Prof. Reinhart Schüppel

Automatische Annahmen

Aus diesem Bedürfnis nach Konstanz neigt jeder Einzelne dazu, das zu tun und auch nur das zu sehen, was sein Konzept der Welt bestätigt – und eben auch seinem Selbstwertgefühl entspricht. Am Beispiel des Alltags einer Klinik wie der Johannesbadklinik würde das heißen:

"Wenn ein Patient mit geringem Selbstwertgefühl bei uns in der Rehaklinik das Gefühl hat, dass wir Patienten nur Schwierigkeiten bereiten wollen, dann findet er jeden Tag etwas, was wir - aus dieser Sicht - nur tun, um Ärger auszulösen ('böse' oder 'gelangweilte' Blicke, Beharren auf Pünktlichkeit etc.). Wenn jemand mit gutem Selbstwertgefühl aber sagt, Menschen werden in der Klinik auf Augenhöhe behandelt, dann findet er genau dafür Beispiele - er freut sich, dass er einen Termin bei mir kriegt, freut sich über ein Lächeln. Und denkt sich 'Mensch, das passt!', wenn ich ihm einen schönen Abend wünsche."

Prof. Reinhart Schüppel

Automatische Annahmen und Gedanken bestätigen so immer weiter das geringe Selbstwertgefühl des einen und das hohe Selbstwertgefühl des anderen Menschen. Es ist eine Spirale in die eine wie in die andere Richtung.


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