Bayern 2


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Bildungsfahrt „Ghettokids“ auf dem Reiterhof

Kein Einkaufszentrum, kein Handynetz - das ist für die Jugendlichen aus dem Hasenbergl, einem so genannten "sozialen Brennpunkt" in München, nicht die einzige Herausforderung bei ihrem ersten Mal auf dem Reiterhof.

Von: Anna-Elena Knerich

Stand: 28.07.2019

Morgen geht es wieder nach Hause. Aber „Ghettokid“ Patric hat noch ein Ziel: Einmal galoppieren. Gerade bereitet sich der 15-jährige auf dem Fuchsenhof in der Oberpfalz auf seine letzte Reitstunde vor. In seinen kniehohen Gummistiefeln und seinem rosa Polohemd schnappt er sich einen Helm, holt sein Pferd „Figo“ aus dem Stall und beginnt es sorgfältig zu striegeln.

Ein Bild, das sich Susanne Korbmacher, Gründerin des Vereins "ghettokids - Soziale Projekte e.V." bis vor Kurzem nicht hätte vorstellen können. Im Winter noch war sie sich sicher: Mit ihren Jugendlichen aus dem Hasenbergl, einem so genannten "sozialen Brennpunkt" in München, würde sie nicht auf einen Reiterhof fahren. Zu chaotisch, zu viel Unruhe.

"ghettokids - Soziale Projekte e.V." kümmert sich um Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen

Im Endeffekt ist die Bildungsfahrt dann doch zu Stande gekommen und die Lehrerin ist überrascht, wie toll die Jugendlichen mit den Pferden umgehen.

Die Lehrerin Susanne Korbmacher hat den Verein "Ghettokids" gegründet.

Susanne Korbmacher, hauptberuflich Studienrätin im Förderschulwesen, hat vor knapp 20 Jahren den Verein „ghettokids- soziale Projekte e.V.“ gegründet. Dieser kümmert sich um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Sie selbst ist Lehrerin und hat bei ihrer Arbeit gesehen, dass eine deutlich anwachsende Anzahl von Jugendlichen auf Grund ihrer individuellen Fehlentwicklung in sozialen und/oder emotionalen Bereichen zu Problemgruppen heranwachsen. Beispielsweise Kinder aus Familien mit vielen Geschwistern, Migrationswurzeln oder alleinerziehende Elternteile.

Deshalb hat Susanne Korbmacher den Verein gegründet und organisiert diesen seitdem ehrenamtlich. Projekte für die Jugendlichen wie Theater- und Musikgruppen, Ausflüge und Bildungsfahrten organisiert sie neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin und kennt die Jugendlichen auch aus dem Klassenzimmer.

Rauskommen aus dem Hasenbergl - das ist wichtig

Diese Jugendlichen haben eine höhere Gewaltbereitschaft, rutschen schneller in die Kriminalität ab, schaffen ihre Schule nicht. Bildungsfahrten, zum Beispiel auf einem Reiterhof, sollen den Jugendlichen helfen wieder neue Perspektiven zu bekommen.

"Solche Fahrten sind ganz, ganz wichtig, weil man die Kids von einer völlig anderen Seite kennenlernt: Wenn man die Kinder unterrichtet, ist das etwas völlig Anderes, als wenn man zusammen lebt."

Susanne Korbmacher, ghettokids-Initiatorin

Ihr Ziel: Die Jugendlichen aus dem Hasenbergl – Münchens so genanntem „sozialen Brennpunkt“ – sollen lernen Verantwortung zu übernehmen, Regeln einzuhalten und Mut und Selbstvertrauen zu haben. Keiner muss reiten, der nicht möchte aber jeder hilft zumindest morgens beim Striegeln und Stallausmisten mit.

Keine Geschäfte, keine gute Internetverbindung – ein Problem für die Jugendlichen

Die "Ghettokids" bereiten sich auf die Reitstunde vor.

Respekt zeigen und bekommen – darum geht es in der Gruppe immer wieder. In den sechs Tagen Reiterferien geht es nicht nur harmonisch zu. Anfangs wird zum Beispiel viel gemotzt, dass es keine Geschäfte in unmittelbarer Nähe gebe und die Internetverbindung so schlecht sei.

Aber auch wenn das den Jugendlichen nicht gefällt, für Susanne Korbmacher ist es ein Segen. Denn hier auf dem abgeschiedenen Fuchsenhof können ihre "Ghettokids" viel weniger Dummheiten machen.

Patrics neues Ziel: Ein Praktikum auf dem Reiterhof

Der 15-jährige Patric sitzt inzwischen hochkonzentriert auf seinem dunkelbraunen Pferd "Figo" und dreht in der Reithalle seine Runden an der Longe. Sein Ziel ist immer noch zu galoppieren.

Patric bei seiner letzten Reitstunde.

Patric reitet erst Schritt, dann Trab - Reitlehrer William ist begeistert von Patrics Fortschritten. Galoppiert wird aber in der letzten Reitstunde nicht. Statt enttäuscht zu sein, schmiedet Patric neue Pläne, wie er bald galoppieren könnte.

"Ich würde vielleicht hier zwei Wochen Praktikum machen. In den Ferien habe ich jetzt nicht so viel zu tun, also ich wär da schon bereit dazu."

Patric, Jugendlicher aus dem Hasenbergl

Und Susanne Korbmacher? Die strahlt über Patrics neue Motivation und dass die Jugendlichen im Alltag mitnehmen, was sie hier auf dem Hof gelernt haben.

"Ich bin ganz begeistert und erfüllt, wie das hier angenommen wurde, und dass sich einige Jugendliche sehr verändert haben: Sie sind ruhiger geworden, sie stehen freiwillig früh auf, erledigen ihre Aufgaben – das sind ja nicht nur Reitstunden hier, sondern sie helfen ja auch mit auf dem Hof."

Susanne Korbmacher, ghettokids-Initiatorin

Mittlerweile hat Patric inzwischen die erste Bewerbung seines Lebens abgeschickt und darf im August zwei Wochen Praktikum auf dem Fuchsenhof machen. Dann klappt’s vielleicht auch mit dem Galoppieren.


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