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Fachkräfte-Schwund in Afrika Wie Ghana gegen die Abwanderung seiner Ärzte kämpft

Ghana bildet an seinen Unis eigentlich genügend Ärzte aus. Aber rund die Hälfte von ihnen verlässt das Land. Politiker, NGOs und verbliebene Ärzte stellt das vor eine schier unlösbare Aufgabe. Doch es gibt vielversprechende Ideen.

Von: Moritz Pompl

Stand: 30.03.2018

Enoch Agbeleseshie, kurz "Doktor Enoch", ist einer der Ärzte, die es irgendwie richten sollen: Er ist Allgemeinarzt am "Busch"-Krankenhaus Worawora und als einer von zwei Ärzten für rund 100.000 Menschen zuständig. Spezialisten gibt es an seinem Krankenhaus nicht - die nächsten arbeiten Stunden von hier entfernt. Und Krankenwagen für den Transport dorthin sind nicht vorhanden. Das ist in Enochs Kleinstadt Worawora im Osten Ghanas schon manchen Patienten zum Verhängnis geworden. Er erinnert sich an einen dieser Fälle, in denen er einfach nichts machen konnte.

"Ich war neu an meinem Krankenhaus, und wir hatten einen Notfall: Eine Frau, die nach der Geburt nicht mehr aufgehört hat, zu bluten. Mit meinem jetzigen Wissen hätte ich sie wohl gerettet. Aber sie ist gestorben."

Doktor Enoch Agbeleseshie, Worawora District Hospital

Doktor Enoch untersucht eine schwangeren Frau mittels Ultraschall

Das Problem: Ghana laufen - wie vielen Afrikanischen Staaten - die Fachkräfte davon. Insbesondere Mediziner treibt es auf der Suche nach besseren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten erst vom Land in die großen Städte und von dort häufig ins Ausland. Im ghanaischen Gesundheitsministerium glaubt man zwar, dass die schlimmsten Zeiten des "Braindrains", also der Fachkräfte-Abwanderung ins Ausland, vorbei sind. Dennoch sind es nach Schätzungen der Behörde immer noch rund die Hälfte der Mediziner, die nach dem Studium weggehen. Das sorgt vielerorts in Ghana dafür, dass die Gesundheitsversorgung nahezu kollabiert.

Per Crashkurs zum Spezialisten?

Um die Lücke irgendwie zu schließen, sollen die wenigen verbliebenen Ärzte wie Doktor Enoch Aufgaben übernehmen, die normalerweise Spezialisten vorbehalten sind: In einem dreiwöchigen Crashkurs lernt Enoch alles über komplizierte Gebärmutter-Entfernungen, damit er sie schon selbst bald übernehmen und so ein Mindestmaß an Gesundheitsversorgung auf dem Land sicherstellen kann.

Mit eigener NGO auf die Insel

Und damit nicht genug: Neben seiner Arbeit im Krankenhaus opfert der 37-jährige Enoch seine Freizeit, um auf einer entlegenen Insel im Volta-See Fischersfamilien medizinisch zu versorgen. Der See ist 16 Mal so groß wie der Bodensee und die Überfahrt wegen alter Baumriesen im Wasser gefährlich.

Enoch (rechts) und sein Team kurz vor der Abfahrt auf die Insel im Volta-See

Aber Enoch nimmt das Risiko in Kauf, damit die Menschen auf der Insel überhaupt eine ärztliche Versorgung haben. Vor kurzem hat er eine NGO gegründet: VIMO, Volta Island Medical Outreach. Mit seinen Berufskollegen, die es so massenhaft ins Ausland zieht, hadert Enoch.

"Natürlich ist die Ausbildung im Ausland besser. Aber was Ghana wirklich braucht, ist mehr Basis-Versorgung und nicht hochspezialisierte Ärzte. Wir haben hier immer noch Schwangere, die sterben. Wir haben Kinder, die an Malaria sterben. Man muss kein Spezialist sein, um Malaria zu behandeln. Es braucht nur einen Arzt vor Ort. Und Geld ist nicht alles! Irgendjemand muss einfach für sie da sein."

Doktor Enoch Agbeleseshie, Worawora District Hospital

Auch eine deutsche NGO kämpft gegen den "Braindrain"

Die "Ärzte für Afrika" bei einer urologischen Operation im Krankenhaus Battor

Derweil versucht auch eine deutsche Nichtregierungsorganisation, die "Ärzte für Afrika", in Ghana eine medizinische Basis-Versorgung aufrechtzuerhalten. Mehrmals im Jahr kommen Ärzte der Organisation nach Ghana, um zu operieren. Während ihres letzten Einsatzes hatten Saskia Morgenstern und Wolfgang Kramer von den "Ärzten für Afrika" aber ein spezielles Anliegen: Mit einem Lehrprogramm für einheimische Ärzte wollen sie zukünftig gegen die Abwanderung kämpfen. Dafür haben sie nun vielversprechende Gespräche mit der Uniklinik in Ghanas Hauptstadt Accra geführt.

Ghanas Politik versucht indes, mit weiteren Maßnahmen gegen den Verlust von Medizinern vorzugehen. Ärzte sollen zukünftig mehr verdienen, auch wenn sie schon jetzt zu den Gut-Verdienern gehören. Landärzte sollen zusätzlich belohnt werden.

"Ärzte für Afrika" in der Uniklinik Accra

Zudem will der Staat die Unis ausbauen, damit noch mehr junge Menschen Medizin studieren können. Und möglichst alle Krankenhäuser, auch die auf dem Land, sollen technisch gut ausgestattet werden. Ob diese Pläne aufgehen, ist aber fraglich, weil die Staatskassen klamm sind.



Der BR hat die Akteure nun vor Ort bei ihrer Arbeit begleitet.

Das Projekt wurde vom European Journalism Centre über das Global Health Journalism Grant Programme gefördert.

Links zum Thema:
NGO "Ärzte für Afrika": http://www.die-aerzte-fuer-afrika.de/
Ghana Health Service: http://www.ghanahealthservice.org/


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