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Die "Weiße Rose" Was aus ihren Gestapo-Verfolgern wurde

Ulrich Chaussy hat untersucht, wie die Mitglieder der "Weißen Rose" von Beamten der Münchner Gestapo-Leitzentrale überführt und diese Widerstandsgruppe zerschlagen wurde. Eine Sendung zum 75. Todestag der Geschwister Scholl, die am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden.

Von: Ulrich Chaussy

Stand: 17.02.2018 | Archiv

"Aufruf an alle Deutsche!

Der Krieg geht seinem sicheren Ende entgegen. Wie im Jahre 1918 versucht die deutsche Regierung alle Aufmerksamkeit auf die wachsende U-Boot-Gefahr zu lenken, während im Osten die Armeen unaufhörlich zurückströmen, im Westen die Invasion erwartet wird. Die Rüstung Amerikas hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, aber heute schon übertrifft sie alles in der Geschichte seither Dagewesene.

Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt näher und näher!

Was aber tut das deutsche Volk? Es sieht nicht und es hört nicht. Blindlings folgt es seinen Verführern ins Verderben. Sieg um jeden Preis! haben sie auf ihre Fahne geschrieben. Ich kämpfe bis zum letzten Mann, sagt Hitler – indes ist der Krieg bereits verloren. (...)"

(Quelle: Fünftes Flugblatt der 'Weißen Rose', nach einem Entwurf von Hans Scholl und Alexander Schmorell mit Korrekturen von Kurt Huber, Januar 1943)

Freie Meinungsäußerung wurde lebensgefährlich

München, 1942. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl, gespielt von Lena Stolze und Wulf Kessler, werden von der Gestapo verhaftet.

Die Geheime Staatspolizei GeStaPo war in Deutschland zwischen 1933 und 1945 der Inbegriff  des nationalsozialistischen Terrors. Hitlers Regime baute fest auf die lähmende Angst, die die Gestapo durch ihre Verfolgung von Andersdenkenden und Oppositionellen bei der Mehrheit der Deutschen auslöste. Die Gestapo stand für den NS-Überwachungsstaat, in dem es keine Parteien außer der NSDAP, keine freie Meinungsäußerung, schon gar keine freie Presse gab, in dem schon eine bloß gesprächsweise geäußerte abweichende Meinung unter schwerster Strafandrohung stand. Es war die Gestapo, die den Blutrichtern und Henkern der NS-Zeit die Widerstandskämpfer zur Aburteilung auslieferte, die den Mut hatten, trotz aller Risiken aktiv zu werden – wie etwa die "Weiße Rose".

"Sophie Scholl – die letzten Tage"

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy

Ulrich Chaussy  hat untersucht, wie die Mitglieder der "Weißen Rose" von Beamten der Münchner Gestapo-Leitzentrale überführt und diese Widerstandsgruppe zerschlagen wurde. Bei der Recherche für den Kinofilm "Sophie Scholl – die letzten Tage" stieß er auf  bizarre Geschichten. Die Verfolger von einst wurden nach dem Krieg nicht nur so gut wie gar nicht zur Verantwortung gezogen, einige ermittelten sogar fast bruchlos weiter gegen "Staatsfeinde" – jetzt in den Diensten der Amerikaner.

Gestapo-Ermittler Robert Mohr

Es gibt interessante Aktenfunde und Gespräche mit Zeitzeugen, unter ihnen der Sohn des Gestapo-Ermittlers Robert Mohr, des Vernehmungsbeamten von Sophie Scholl; es gibt Dokumente aus den Spruchkammerverfahren von Gestapo-Beamten, auch Korrespondenz von Robert Scholl, dem Vater von Hans und Sophie, mit Robert Mohr sowie Vernehmungsprotokolle des amerikanischen Geheimdienstes CIC mit dem Vernehmer von Hans Scholl, Anton Mahler, der nach dem Krieg in die Dienste der Amerikaner trat.

"Wer ist dieser Robert Mohr? Wie hat man sich diesen Gestapo-Mann vorzustellen? – Das war die dringlichste Frage, die Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Regisseur Marc Rothemund hatten, als sie mich für Auskünfte und Recherchen bei der Vorbereitung ihres Films 'Sophie Scholl – die letzten Tage' engagierten."

(Ulrich Chaussy)

Gestapo-Verhörprotokolle der Scholls

Regisseur Marc Rothemund

Marc Rothemund war auf die in jüngerer Zeit aufgetauchten Gestapo-Verhörprotokolle der Scholls aus den Februartagen 1943 aufmerksam geworden. Die Rote Armee hatte sie bei Kriegsende im Archiv des Berliner "Volksgerichtshofes" gefunden, der es nicht wie die Münchner Gestapo geschafft hatte, seine Aktenbestände zu vernichten. Die Russen überstellten die Akten der DDR. Dort verschwanden sie jahrzehntelang in einem Archiv der Staatssicherheit, in dem sie nach der Wende Anfang der 90er Jahre gefunden wurden.

"Filmregisseur Marc Rothemund war gebannt von den Protokollen. Ein tagelanges Rededuell auf 35 Schreibmaschinenseiten kondensiert. Wie Sophie Scholl zunächst die Naive gibt und mit Raffinesse leugnet. Und schließlich, als sie gesteht, klar ihre Überzeugung bekennt. Ein Charakter mit Kontur, eine gute Vorlage für die filmische Inszenierung dieses Verhörs.

Doch Sophie Scholls Gegenüber? Ein unbeschriebenes Blatt. Robert Mohr, Gestapo-Kriminalobersekretär. Ihn fassbarer zu machen, stand am Anfang dieser sonderbaren Recherche. Je näher man der Person kommt, je mehr man erfährt, desto mehr entgleitet einem das, was man einen Charakter nennen könnte ..."

(Ulrich Chaussy)

Filmtipp:

Szene aus dem Film "Sophie Scholl - die letzten Tage" mit Julia Jentsch als Sophie Scholl

"Sophie Scholl – die letzten Tage"

  • Darsteller: Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Johanna Gastdorf, André M. Hennicke
  • Komponist: Reinhold Heil, Johnny Klimek
  • Künstler: Roland Winke, Natascha Curtius-Noss, Christoph Müller, Prof. Jochen Kölsch, Nessie Nesslauer, Bettina Reitz, Jana Karen, Jo N. Schäfer, Patrick Brandt, Hans Funck, Martin Langer, Sven Burgemeister, Tschangis Chahrokh, Ulrich Herrmann, Hubert Spreti, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Marc Rothemund, Prof. Dr. Fred Reinersdorfer
  • Format: Dolby, PAL, Surround Sound
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
  • Region: Region 2
  • Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1
  • Anzahl Disks: 1
  • Studio: Warner Home Video - DVD
  • Erscheinungstermin: 2. Oktober 2008
  • Produktionsjahr: 2005
  • Spieldauer: 112 Minuten
  • ASIN: B001DX9G26

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