Bayern 2


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Geburt Anfang des 19. Jahrhunderts So katastrophal waren die Verhältnisse in der Münchner Gebäranstalt

Mittellos, unverheiratet, schwanger: Die Magd Anna Wagner, die 1839 in der Gebäranstalt um Aufnahme bat, war eine der vielen Frauen, die nicht wussten, wo ihr Kind sonst zu Welt kommen sollte. Doch die Zustände in der Einrichtung waren alles andere als sozial.

Von: Carola Zinner

Stand: 15.08.2019 | Archiv

"Die Strafen auf das schwere Laster der Leichtfertigkeit und Schwängerung unter ledigen Personen sind, wie die tägliche Erfahrung leider bezeigt und lehren thut, nicht sehr wirksam gewesen, und die Betroffenen sind dahero mit mehrem Ernst und Schärfe als bis dato geschehen, inskünftig zu bestrafen!"

(Zeitgenössisches Pamphlet)

Heiraten durfte nur, wer genügend Geld für einen Hausstand besaß

Geburtshilfe um 1800

Zwischen 1835 und 1850 kam fast die Hälfte aller Kinder im Raum München unehelich zur Welt. Denn hier galt wie in vielen Regionen Bayerns: Heiraten durfte nur, wer genügend Geld für einen Hausstand besaß. Das Fehlen des Trauscheins hatte für werdende Mütter üble Folgen: Fand sie nicht Schutz und Rückhalt in der Familie, wussten sie oft nicht einmal, wo sie ihr Kind zur Welt bringen sollten.

Zwar war vorehelicher Geschlechtsverkehr kein strafbares Delikt mehr, doch Spott und Schande mussten ledige Mütter immer noch fürchten.

Die "Münchner Frauengebäranstalt"

Die "Münchner Frauengebäranstalt" in der Sonnenstraße

Eine Anlaufstelle für ledige Schwangere war die "Münchner Frauengebäranstalt". Einige Wochen vor der errechneten Geburt konnten sie um Aufnahme bitten und dann dort, betreut von Hebammen und Ärzten, ihr Kind zur Welt bringen. Mit etwas Glück wurden sie darüber hinaus nach dem Wochenbett als Ammen an wohlhabende Familien vermittelt.

Schlimme Verhältnisse in der Münchner Gebäranstalt

Ehemaliges Postscheckamt in der Münchner Sonnenstraße - früher als "Münchner Frauengebäranstalt" bekannt

Die Verhältnisse in der "sozialen" Einrichtung waren alles andere als menschenfreundlich: die hygienischen Zustände waren katastrophal, der allmächtige Verwalter wirtschaftete in die eigene Tasche. Die Frauen, die keine andere Möglichkeit hatten, als in der Gebäranstalt ihr Kind zu bekommen, mussten sich (und das war eine der Prämissen, unter denen sie aufgenommen wurden) für den "geburtshilflichen Unterricht" zur Verfügung stellen: Sie dienten als "Lehrmaterial" für den Geburtshilfe-Unterricht angehender Ärzte. Und diese infizierten die jungen Mütter nicht selten mit dem hochgefährlichen Kindbettfieber.

In der Münchner Gebäranstalt sanken die Sterbeziffern regelmäßig in den Ferien und stiegen während des Semesters wieder an, wenn die Mediziner ausgebildet wurden.

Im Frühjahr 1838 kamen schließlich 20 von 23 Wöchnerinnen durch Kindbettfieber ums Leben. Das Haus wurde daraufhin für drei Monate geschlossen und gründlich gereinigt. Die Hoffnung, die Seuche dadurch zu bekämpfen, war allerdings vergebens - ein Jahr später brach sie erneut aus.

Die wahre Geschichte der Dienstmagd Anna Wagner

Die Sendung folgt dem Weg der Dienstmagd Anna Wagner, die am 19. Februar 1839 "behufs ihrer bevorstehenden Entbindung" in der Münchner Gebäranstalt in der Sonnenstraße aufgenommen wurde und dort ihr Kind zur Welt brachte. In einer alles andere als "guten alten Zeit".


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