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Militäroffensive in Syrien Allein die Androhung von Krieg verdoppelt die Fehlgeburtenrate

Eine schusssichere Weste, ein Helm und eine Gasmaske - auch das gehört zur Ausstattung von Gerhard Trabert. Als Arzt behandelt er Menschen in Kriegsgebieten. Auch flüchtende Menschen in Syrien. Mit der türkischen Militäroffensive ist dort die medizinische Versorgung zum Erliegen gekommen.

Von: Simon Plentinger

Stand: 15.10.2019

14.10.2019, Syrien, Tell Abiad: Soldaten der türkisch unterstützten syrischen Nationalarmee sprechen mit Anwohnern. In ihrem erbitterten Kampf gegen türkische Truppen erhalten die Kurdenmilizen in Nordsyrien Unterstützung der Regierung von Präsident Baschar al-Assad. Foto: Anas Alkharboutli/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Anas Alkharboutli

Simon Plentinger: Seit dem Beginn der Militäroffensive der Türkei in Syrien wird auch die medizinische Versorgung in der Grenzregion immer schlechter. Einer, der sich dort und damit bestens auskennt, ist der Arzt und Autor Gerhard Trabert. Er ist auch Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland und hat in den letzten Jahren immer wieder auch in Syrien gearbeitet. Das letzte Mal noch vor wenigen Wochen.

Wie ist die Lage in der Region Rojava, so heißt das autonome Kurdengebiet in Syrien, wenn gerade nicht Krieg herrscht?

Gerhard Trabert: Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, manchmal wird das nicht so vermittelt, was dort schon alles geschaffen wurde. Mir ist es immer wichtig zu betonen: Dort hat man eine basisdemokratische Gesellschaftsordnung eingeführt, also ein friedliches Miteinander verschiedener Ethnien, verschiedener Religionen. Die Rolle der Frau ist dort ganz bedeutsam, emanzipatorisch, in die einzelnen Entscheidungsstrukturen integriert. Man hat nach dem Kampf gegen den IS - das ist auch etwas, was mich sehr wütend macht - dort von Erdogan unterstellt bekommen, sie seien Terroristen. Sie sind keine Terroristen. Sie haben gegen den Terror gekämpft, gegen den IS. Über 10.000 Kämpfer sind gestorben. Über 20.000 wurden verwundet, und sie haben den IS bekämpft und besiegt und diese Demokratie geschaffen. Und überall wurde gebaut, wird Neues geschaffen. Die Zerstörung ist noch sichtbar. Ich war jetzt mehrmals in Kobane, es werden neue Wohnblocks gebaut. Es werden Akademien für die Ausbildung hergerichtet. Es wird ein Waisenhaus dort geschaffen. Und auch die medizinische Versorgung ist immer besser, wobei es auch da gerade durch das Embargo noch große Versorgungslücken gibt. Aber alles ist dort jetzt auf dem Weg zu einer Normalität. Und all das wird jetzt zerstört, zerbombt. Und die Menschen leiden unheimlich darunter.

Wie ist denn die Stimmung vor Ort?

Gerhard Trabert war als Arzt in Syrien im Einsatz. Eine schusssichere Weste, ein Helm und eine Gasmaske gehörte zu seiner Standardausrüstung.

Gerhard Trabert: Die Stimmung war schon sehr angstbesetzt. Ich glaube, man kann sich das gar nicht vorstellen. Ich hab's ja am eigenen Leib erlebt - und das ist schon eine ganz besondere Erfahrung - wenn Sie in so einer Kriegsregion sind, man mit so einem Angriff rechnet und man dann vor die Tür geht morgens und schaut: Es ist bewölkt, es sind Wolken da, also kein Luftangriff, keine Drohnen! Und ich gebe zu: Das hat natürlich auch was mit mir gemacht. Ich hatte auch Angst, denn bei so einer Militärinvasion durch die Türkei - das ist ja auch etwas, was immer wieder verlogen vermittelt wird - gibt es kein gezieltes Vorgehen. Das sieht man auch jetzt: Es wird alles zerbombt, durch Artilleriefeuer zerstört, und dann unterscheidet man nicht - sind dort Frauen, Kinder, oder sind da Soldaten? Alles wird zerstört! Ein Chirurg, der in der Afrin-Region nach der Militärinvasion der Türkei gearbeitet hat, den durfte ich dort kennenlernen. Und der hat mir erzählt: Er kann als Chirurg nicht mehr arbeiten, weil er musste so viele Kinder behandeln, Amputationen durchführen, tote Menschen auf seinem OP-Tisch einfach akzeptieren. Er kann nicht mehr arbeiten. Und als wir uns getrennt haben, und es wirklich so prekär war und wir beide nicht wussten, sehen wir uns wieder, hat der mir seine Gebetskette geschenkt und gesagt: Das ist das, was ich dir geben kann. Und diese Kette trage ich immer bei mir.

Wie ist die Situation dort?

Gerhard Trabert: Ich bin in ständigem Kontakt. Die Infrastruktur der Gesundheitsversorgung ist zerstört im Krankenhaus, das wir unterstützt haben mit einem Inkubator, einem Brutkasten. Weil nämlich die Angst vor dem Krieg auch dazu führt, dass die Fehlgeburtenrate sich in der Region verdoppelt hat. Das heißt, selbst die Androhung tötet schon Leben. Diabetes-Patienten, Zuckerpatienten kriegen kein Insulin mehr. Wenn jemand einen Infekt hat, eine richtige Versorgung mit Antibiotika oder auch eine chirurgische Versorgung - all das ist jetzt zerstört. Es gibt dort unheimlich viele Menschen, die an die Dialyse müssen, weil sie Nierenerkrankungen haben. Das funktioniert alles nicht mehr. Es gibt jetzt einfach auch sehr viele Menschen, die sterben werden, weil diese Infrastruktur zerstört wurde. Und die Menschen haben große Angst. Sie haben Angst - natürlich um ihre Kinder, um ihre Zukunft, um all das, was sie geschaffen haben, dass das alles zerstört wird. Ich bekomme täglich Bilder zugeschickt, die kann man im Prinzip nicht zeigen, an sich müsste man sie zeigen, von toten Kindern, zerfetzt, so brutal muss man das sagen, durch diese türkische Invasion. Über diese Auswirkungen, über diese Brutalität, über diesen völkerrechtswidrigen Akt der militärischen Aggression wird meines Erachtens zu wenig berichtet.

Ist es im Moment zu gefährlich, um weiter zu helfen?

Es steigt Rauch auf über der syrischen Stadt Ras al-Ain, die zuvor durch türkischen Streitkräfte bombardiert wurde.

Gerhard Trabert: Das ist wirklich ein Problem für mich. Ich habe auch Familie, ich habe vier Kinder. Natürlich habe ich auch da eine Verantwortung. Aber ich habe gerade vor zwei Stunden an eine Kontaktperson eine WhatsApp-Nachricht geschickt, ob es denn momentan eine Möglichkeit gibt, in die Region zu kommen, um eventuell als Arzt in einem Flüchtlingslager - denn dort ist die medizinische Versorgung auch vollkommen zum Erliegen gekommen, weil all diese Versorgungsstrukturen jetzt abgezogen wurden - um die Menschen an der Frontlinie medizinisch zu behandeln. Ob es da eine Möglichkeit gibt, ich weiß es nicht. Ich gebe zu, natürlich habe ich auch meine Bedenken. Ich habe auch Angst, das ist ja wirklich ein Kriegsgebiet. Ich bin vor zwei Jahren im Irak gewesen, in der Endphase des Krieges gegen den IS. Und das ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man dort hinkommt. Und als ich dort war, habe ich als erstes eine schusssichere Weste bekommen, einen Helm und eine Gasmaske. Und dann muss man mal tief Luft holen. Da schlagen so zwei Herzen in meiner Brust. Irgendwie würde ich gerne auch aus Solidarität und um den Menschen zu helfen dorthin. Aber es ist natürlich jetzt sehr gefährlich.

Das ganze Gespräch mit Gerhard Trabert gibt es hier zum Nachhören.


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