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BuchFavorit "Georgien. Eine literarische Reise"

Im Auftrag des Goethe-Instituts haben sechs deutschsprachige und sechs georgische Autorinnen und Autoren das kleine Land zwischen Großem Kaukasus und Schwarzem Meer in sehr persönlichen Texten beschrieben.

Von: Heinz Gorr

Stand: 09.10.2018

Buchcover "Georgien. Eine literarische Reise" von Fatma Aydemir | Bild: Frankfurter Verlagsanstalt, Montage: BR

Sechs Paare loszuschicken in dieses ferne, nahe Land Georgien war eine ausgezeichnete Idee und erweist sich für die literarische Kartographie als ideale Konstellation. Denn dieses schillernde Dutzend spiegelt in seinen deutschen und georgischen, männlichen und weiblichen Charakteren wie in der stilistischen Vielfalt seiner Texte die Mentalitäten des Sujets wider.

Wenn beispielsweise die Berlinerin Lucy Fricke, die es hasst zu wandern, sich zu einem Trip in die entlegene Gebirgsregion Tuschetien entschließt, erwartet man gespannt ihren Bericht über Georgiens Nordosten, den man ausschließlich im Sommer erreichen kann:

"Sehr schnell werde ich verstehen, dass ich, wenn ich auch nicht wandern kann, so doch über gewisse Fähigkeiten verfüge, mit denen man in Georgien offenbar ziemlich weit kommt: essen, rauchen, trinken und über das Unglück lachen."

L. Fricke in 'Don't smoke on the horse - Eine zu kurze Reise durch Tuschetien'

Der unerschrocken-coolen Fricke hat die Kuratorin Nino Haratischwili den preisgekrönten Autor, Essayisten und Fotografen Archil Kikodze zur Seite gestellt. Er kennt die Tuschen und deren Leben in nahezu archaischer Kargheit, Kikodze weiß, dass dort die Chronologie, wann genau sich was ereignet hat, nicht allzuviel zählt:

"Dafür sind Berglegenden und -dramen ganz konkret verortet. Der Geografie kommt Bedeutung zu, wie auch dem Menschen und seinem Namen. Nicht umsonst bezeichneten die Tuschen und andere kaukasische Bergvölker ihre Helden mit dem Begriff 'Namhafte'"

. Archil Kikodze in 'Tuschetien - Berg und Gedächtnis'

Ein weiteres Gespann erkundet die östliche Weinprovinz Kachetien oder das im äußersten Südwesten bis ans Schwarze Meer reichende Adscharien: Volker Schmidt, der österreichische Autor, Regisseur und Dramatiker rätselt über die augenfälligen Kontraste, die überall greifbaren Widersprüche:

"nirgendwo anders auf der welt habe ich bisher so nah beieinander die modernsten architektonischen würfe neben heruntergekommenen plattenbauten oder in sich zusammenfallenden häusern aus vergangenen jahrhunderten gesehen. technisch höchst ausgebaute schnellstraßen gehen unvermittelt in schmale steinige pisten über, die man nur mit schrittgeschwindigkeit befahren kann. diese rasende widersprüchlichkeit ist hier selbstverständlich. aber was ist dazwischen?"

Volker Schmidt in 'Adscharien und der Westen'

Erfreulich ist bei dieser Kompilation "Georgien. Eine literarische Reise" die stilistische Bandbreite. So gießt etwa der Berliner Stephan Reich, Jahrgang 1984, seine Impressionen in lyrische Formen mit dem Titel "Swanetien, 7 Gedichte". In dieser historischen Region im Großen Kaukasus hat Reich unter anderem die wichtige Stadt Mestia besucht und macht sich seine Gedanken über den wachsenden Tourismus:

"III.
in mestia ist krieg
auf der tanzfläche

eine fremde armee
kam das gebirge hochgeritten, ihre uniformen
von jack wolfskin

nun ertönt der schlachtruf
dreistimmig, der schlachtplan
eine zweisprachige speisekarte

& einer lädt seine panduri durch, zielt, feuert
akkorde in die menge

ihre drei saiten, wie das swanische salz,
ein zur qualität umgedeuteter mangel"

Stephan Reich in 'Swanetien, 7 Gedichte'

Reichs Partnerin ist die vor 50 Jahren geborene Anna Kordsaia-Samadaschwili, die als Autorin, Übersetzerin und Kulturjournalistin in der Hauptstadt Tbilissi arbeitet, aber familiäre Wurzeln in Swanetien hat. Von ihren polyglotten Kindertagen erzählte sie mir im Sommer:

"Ich bin ein sowjetisches Kind. Ich bin '68 in der Sowjetunion geboren, deswegen spreche ich viele Sprachen, früher sprach ich mehr. Deswegen habe ich im Prinzip zwei Sprachen auf einmal gelernt und ich machte keinen Unterschied, ist das jetzt Georgisch oder Russisch, denn zu Hause gab's Georgisch und auf der Straße gab es Armenisch, Kurdisch, Russisch, Griechisch undsoweiter undsofort. Drei davon hab ich vergessen, das blieb."

Anna Kordsaia-Samadaschwili

Hier widmet sich Anna Kordsaia-Samadaschwili aber noch einer anderen, vergessenen Sprache, dem Swanischen, untrennbar verbunden mit ihrem geliebten Großvater, dessen Tagebuchaufzeichnungen sie erst nach seinem Tod fand:

"...dicke Hefte voller dünner, kettenartig aneinandergereihter Buchstaben. Großvater schrieb auf Swanisch, und obwohl Vater mir etwas übersetzte und Swanisch zu lesen für mich eine Qual war, prahle ich damit, dass ich Swanisch kann, und überhaupt, dass ich ein swanisches Mädchen bin. Ich bin sehr stolz darauf, Ominde Kordsaias Enkelin zu sein, und dass er, unter vielen anderen großartigen Dingen, die Straße in Swanetien gebaut hat."

Anna Kordsaia-Samadaschwili in 'Die Straße'

Noch ein Satz zu den Illustrationen: Julia Nowikowas kolorierte Zeichnungen und über Doppelseiten führende, schwarz-weiß verfremdete Fotonegativstreifen prägen diesen Band und fügen sich mit ihrer unaufdringlichen Optik kongenial in die Reihen der erfrischenden Texte.

Am Ende wird die Leserin, der Leser umgehend den Terminkalender wälzen, um erstmals oder erneut eine Reise nach Georgien zu planen, denn dazu bekommt man ebenso Lust, wie auf weitere Lektüren, der in dem schönen Band erwähnten und zitierten Werke.

Georgien. Eine literarische Reise 

Mit einem Vorwort von Nino Haratischwili, illustriert von Julia B. Nowikowa
Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld und Sybilla Heinze
Frankfurter Verlagsanstalt 2018     


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