Bayern 2


10

Georg Queri Schriftsteller, Journalist, Volkskundler

Er war trinkfest und gesellig, schaute dem Volk "aufs Maul" und brachte zu Papier, was ihm in den Wirtshäusern und auf Bauernmärkten zu Ohren kam. Ein akustisches Portrait zum 100. Todestag von Georg Queri am 21. November 2019.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 16.11.2019 | Archiv

Georg Queri gilt in der bayerischen Literaturgeschichte als der Mann fürs Derbe, Deftige und Grobe. Nicht ganz zu Unrecht. Mit "Kraftbayrisch", seinem 1912 erschienenen Wörterbuch der erotischen und skatologischen Redensarten der Altbayern, erzürnte der 1879 in Frieding bei Andechs geborene Wirtssohn nicht nur sensible Gemüter und geistliche Herren, er rief auch die Zensurbehörden auf den Plan. Dabei waren seine volkskundlichen Arbeiten, etwa über das Haberfeldtreiben, sehr gut recherchiert.

"Da drobn aufm Bergl,
wo's donnert und blitzt
da scheissn drei Bauern,
dass der Dreck aufferspritzt."

(Aus: Georg Queri, 'Kraftbayrisch')

"Kraftbayrisch" rief viele Kritiker auf den Plan

Georg Kerschensteiner, Oberstudienrat und Stadtschulrat von München

"... ein recht ordinäres Lexikon ur-münchner Witze. ... plumpste Auswüchse städtischer Stammtischgesellschaften."
So urteilte Josef Ruederer, der Münchner Schriftsteller und literarische Intim-Feind von Ludwig Thoma - und somit auch von Georg Queri.

"Dilettantisch!" ... meinte Georg Kerschensteiner, Oberstudienrat und Stadtschulrat von München.

"Eckelhaft!" ... schrieb Dr. Otto Crusius. Universitätsprofessor für Klassische Philologie.

"Pornographische Spekulation!" ... wetterte der erzkonservative Gymnasialprofessor und Essayist Josef Hofmiller.

Verfahren wegen "Vergehens gegen die Sittlichkeit"

Nur einer, nämlich Hans Schnorr von Carolsfeld, Direktor der Hof- und Staatsbibliothek in München, erkannte in Queris Werk einen gewissen "Wert für die Sprachgeschichte".

Dieses milde Urteil wurde freilich unterschlagen. Die Polizei schickte nur die vier negativen Gutachten an die Staatsanwaltschaft und beantragte die Beschlagnahme von "Kraftbayrisch". Die wurde dann auch reichsweit angeordnet. Dazu kam ein Verfahren wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit. Queris Starnberger Wohnung wurde einer Hausdurchsuchung unterzogen. Viel gravierender jedoch war, dass ein endgültiges Verbot seines Buches für ihn als Schriftsteller existenzbedrohend gewesen wäre.

Queri und sein Verleger Piper beauftragten daher zwei namhafte Rechtsanwälte. Ludwig Strauß III und Max Bernstein waren Koryphäen ihres Fachs. Sie verlangten eine mündliche Verhandlung. Dafür waren weitere Gutachten erforderlich - und zwar positive!

Ganghofer verglich "Kraftbayrisch" sogar mit dem Kamasutra

Der Schriftsteller Ludwig Albert Ganghofer

Ludwig Thoma ließ sich nicht lange bitten und bestätigte seinem Freund Queri, ein "volkskundlich außerordentlich wertvolles Buch" geschrieben zu haben.

Auch der Grandseigneur des Münchner Naturalismus, der 66-jährige Schriftsteller Michael Georg Conrad, protestierte in einem Zeitungsartikel gegen die Beschlagnahme.

Bestseller-Autor Ludwig Ganghofer verglich in seinem schriftlichen Gutachten "Kraftbayrisch" sogar mit dem indischen Kamasutra.

Aufhebung des Beschlagnahmebeschlusses

Zu guter Letzt erschienen Queris renommierte Fürsprecher sogar alle persönlich vor Gericht. Den Ausschlag aber gab schließlich ein 24 Jahre alter promovierter Germanist namens Otto Maußer.

Dieser Otto Maußer war Mitarbeiter am Bayerisch-Österreichischen Wörterbuch an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er hielt "Kraftbayrisch" für besonders wertvoll und mahnte deshalb: "Die Aufrechterhaltung der Konfiskation mit ihren Folgen wäre gleichbedeutend mit der Zerstörung wissenschaftlicher Werte".

Davon ließ sich das Gericht überzeugen. Es hob den Beschlagnahmebeschluss auf. Und Queris Existenz als Schriftsteller war gerettet.

Ein trinkfester und lebenslustiger bayerischer Exot

Queri schaute nicht nur seinen Landsleuten "aufs Maul", sondern durchstöberte auch die Akten der Archive. Als trinkfester und lebenslustiger bayerischer Exot war er in der Münchner Boheme und in den Wirtschaften der Stadt ein gern gesehener Stammgast. Aber das Leben des Georg Queri hat auch eine tragische Seite, wie Thomas Grasberger in seinem Hörstück über den bayerischen Schriftsteller, Journalisten und Volkskundler zeigt. Ein akustisches Portrait zum 100. Todestag von Georg Queri am 21. November 2019.

Buchtipp:

Kraftbayrisch: Ein Wörterbuch der erotischen und skatologischen Redensarten der Altbayern
(edition monacensia)

  • Autor: Georg Queri
  • Herausgeber: Michael Stephan
  • Taschenbuch: 264 Seiten
  • Verlag: Buch&Media; Auflage: 2 (22. März 2010)
  • ISBN-10: 386906028X
  • ISBN-13: 978-3869060286

Hörbücher:

Kraftbayrisch. Georg Queri und seine Zeit, Folge 1

  • Autor/Herausgeber: Michael Stephan
  • Sprecher/Autor: Bernhard Butz
  • Audio CD: 1
  • Verlag: Dölling & Galitz Verlag; Auflage: 1 (1. November 2006)
  • ISBN-10: 3937904409
  • ISBN-13: 978-3937904405


Erotik. Georg Queri und seine Zeit, Folge 2

  • Autor/Herausgeber: Michael Stephan
  • Sprecher/Autor: Bernhard Butz
  • Audio CD: 1
  • Verlag: Dölling & Galitz Verlag; Auflage: 1., Aufl. (September 2007)
  • ISBN-10: 3937904468
  • ISBN-13: 978-3937904467


Haberfeldtreiben. Aus Georg Queri: "Bauernerotik und Bauernfehme in Oberbayern".
Georg Queri und seine Zeit, Folge 3

  • Autor/Herausgeber: Michael Stephan
  • Sprecher/Autor: Bernhard Butz
  • Audio CD: 1
  • Verlag: Dölling & Galitz Verlag; Auflage: 1 (September 2007)
  • ISBN-10: 3937904476
  • ISBN-13: 978-3937904474


Weltliche Gesänge. Georg Queri und seine Zeit, Folge 4: Georg Queri und seine Zeit 4

  • Autor/Herausgeber: Michael Stephan
  • Sprecher/Autor: Bernhard Butz
  • Audio CD: 1
  • Verlag: Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1., Aufl. (15. Januar 2008)
  • ISBN-10: 3937904484
  • ISBN-13: 978-3937904481

10