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Genitalverstümmelung Immer mehr beschnittene Frauen in Deutschland

Weibliche Genitalverstümmelung ist auch in Deutschland ein Problem: Rund 58.000 Frauen sind beschnitten. Obwohl sie traumatisiert sind, möchten viele auch ihre Töchter dem Ritual unterziehen.

Von: Isabelle Hartmann

Stand: 06.02.2018

Messer für die weibliche Beschneidung in Äthiopien | Bild: dpa picture alliance/UNICEF/HOLT

Es geschieht auf der ganzen Welt, circa 8000 mal täglich: Mit einer Rasierklinge, einem Messer, Glasscherben oder einem scharfen Stein werden die Geschlechtsorgane von Frauen entfernt oder beschädigt. Im schlimmsten Fall werden die Klitoris und die kleinen Schamlippen beseitigt, und dann die großen Schamlippen bis zu einer zahnstocherkleinen Öffnung zusammengenäht. Wer das überlebt, hat oft sein Leben lang mit starken physischen und psychischen Schmerzen zu kämpfen. Am 6. Februar, dem Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, wird öffentlich gegen das grausame Ritual demonstriert. Praktiziert wird es in großen Teilen Afrikas, aber auch im Irak, Jemen, Indonesien oder Malaysia - und das völlig unabhängig, welcher Religion die Frauen angehören.

Tausende Mädchen sind gefährdet

2017 lebten etwa 58.000 Frauen mit Genitalverstümmelung und mindestens 13.000 gefährdete Mädchen in Deutschland. Das sind dreimal so viele wie vor knapp 20 Jahren, hat die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hochgerechnet. Der Grund: Im Laufe der Jahre sind viele betroffene Frauen nach Deutschland gekommen. Ihre Töchter sind die, die es zu schützen gilt. Viele Frauen, die selbst unter der Beschneidung leiden, fühlen sich gezwungen auch ihre Töchter der Tradition zu unterziehen.

Harte gesetzliche Strafen

Um Mädchen und Frauen vor diesem täglichen und zugleich lebenslangen physischen und psychischen Leid zu schützen, gab es vor wenigen Jahren eine Gesetzesverschärfung. Wer weibliche Genitalverstümmelung vornimmt, dem drohen jetzt bis zu 15 Jahren Haft. Wer es zulässt, dass es geschieht, kann bis zu drei Jahren hinter Gittern verurteilt werden. Liegt der Verdacht nahe, dass ein Kind verstümmelt werden könnte, kann das Jugendamt es seiner Familie entziehen. Es ist die Wahl zwischen zwei Übeln: dem Herausreißen des Kindes aus seiner Familie oder der Verstümmelung des Körpers.

Aufklärung hilft

Fadumo Korm ist Aktivistin im Kampf gegen die weibliche Beschneidung in Deutschland. Als siebenjähriges Mädchen musste sie in Somalia das schmerzhafte Ritual erleiden. Heute ist sie Vorsitzende von NALA e.V., einem Verein, der betroffenen Mädchen und Frauen helfen und über das Thema aufklären möchte.

"Sie müssen einmal dabei sein, wie eine Frau, die sich mit dem deutschen Recht nicht auskennt, strahlt, wenn man sagt: Keiner kann dich zwingen deine Tochter zu beschneiden. Die deutschen Gesetze sagen definitiv 'nein'. Manche weinen vor Glück, weil sie wissen, wenn die Familie aus Somalia, Eritrea, oder sonstwo, fragt: 'Hast du dein Kind beschnitten?', können sie antworten: 'Nein, nein, ich komme ins Gefängnis wenn ich mein Kind beschneide. Wollt ihr, dass mein Kind in eine fremde Familie kommt?' Da ist die Familie in Afrika eingeschüchtert."

Fadumo Korn, NALA e.V.

Gang zur Toilette, Periode, Geschlechtsverkehr - alles wird zur Qual

Die weibliche Beschneidung ist eine Menschenrechtsverletzung - den Mädchen wird ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit genommen. Die Frauen leiden ein Leben lang an den Folgen des Eingriffs. Man könne die Situation der betroffenen und gefährdeten Mädchen und Frauen verbessern, so die Vorsitzende vom Verein NALA e.V.. Es solle deutlich mehr Beratungsstellen geben, finanziell gefördert. Auch Fachfrauen aus dem jeweiligen Kulturkreis sollten vermehrt ausgebildet werden, sowie Ärzte speziell geschult. Wenn ein Mädchen schon beschnitten wurde, gilt es abzuwägen, ob es eine medizinische oder psychologische Behandlung brauche und diese solle notfalls durchgesetzt werden.


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