Bayern 2


3

Politologin Florence Gaucy "Der Protest eskaliert auch, weil die Regierung drei Wochen lang nicht reagiert hat"

Was als Demonstration gegen Benzinpreise begann, wurde am Wochenende zu den schwersten Ausschreitungen, die Frankreich seit langem gesehen hat. Die Politologin Dr. Florence Gaucy von der LMU München erklärt, wie es zur Eskalation der Gewalt bei den "Gelbwesten-Protesten" kam.

Von: Uwe Pagels

Stand: 04.12.2018

ARCHIV - 24.11.2018, Frankreich, Paris: Ein Demonstrant mit einer gelben Weste schwenkt die französische Flagge neben einer brennenden Barrikade auf der Prachtstraße Champs Elysee mit dem Arc de Triomphe im Hintergrund. Die französische Polizei setzte Tränengas- und Wasserwerfer ein, um die gegen die  Steuererhöhungen für Benzin und Diesel  Demonstrierenden in Paris zu zerstreuen. Tausende Demonstranten hatten sich in der Hauptstadt versammelt und Straßenblockaden errichtet. (zu dpa "Französische Regierung: Kein Kurswechsel nach «Gelbwesten»-Protest " am 26.11.2018) Foto: Michel Euler/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Michel Euler

RadioWelt: Frau Gaucy, die Proteste in Frankreich begannen vor ein paar Wochen friedlich, Sie waren da selber noch dabei, woher kommen auf einmal diese Gewalt und dieser Hass?

Florence Gaucy: Es sind andere Protestgruppen dazugekommen. Anfangs waren das ganz normale Bürger auf der Straße, friedliche Papas und Mamas mit ihren Kindern, friedliche Steuerzahler. Nicht vergleichbar mit dem, was man jetzt am Wochenende in Paris gesehen hat.

RadioWelt: Was sind das jetzt für Leute?

Florence Gaucy: Da sind jetzt die "Profi-Randalierer" dabei, die gibt es immer, in den Großstädten vielleicht noch mehr als in der Provinz. Außerdem kommt dazu, dass die Regierung drei Wochen nicht reagiert hatte – allein deswegen eskaliert sicherlich auch der Protest.

RadioWelt: Sind die höheren Preise, die jetzt angekündigt sind, also für Energie, für Sprit und Benzin wirklich der Grund für die Proteste? Oder ist es auch die Lust daran, Emmanuel Macron zu demontieren?

Florence Gaucy: Für einige Randgruppen könnte man das vermutlich sagen. Aber Auslöser ist weiterhin der Benzinpreis, das darf man nicht klein reden. Die Leute, die man zuerst mit den Gelbwesten gesehen hatte, sind einfache Leute, die auf dem Land leben, weit weg von den Großstädten, weit weg von Paris. Die müssen mit einem sehr geringen Einkommen auskommen, haben wenig Aussichten auf große Renten und geben wirklich circa zehn Prozent des Familienbudgets für Benzin aus.

RadioWelt: Die Opposition sagt, Emmanuel Macron verstehe das Volk nicht mehr. Es gab eine Krisensitzung am Sonntag und danach kam nicht viel. Haben Sie das Gefühl, er hat die Verbindung zu seinen Wählern verloren?

Proteste in Frankreich

Flaurence Gaucy:  Das sagen viele, auch in der Opposition. Ob ihm aber wirklich diese Arroganz unterstellt werden kann, weiß ich nicht. Es sind nicht seine Wähler, die bei den Gelbwesten demonstrieren. 80 Prozent der Franzosen unterstützen die Bewegung der Gelbwesten auch heute noch. Wenn man das vergleicht mit den Zahlen der Wähler bei der Präsidentschaftswahl 2017, dann sieht man: Im ersten Wahlgang haben circa 20 Prozent der Wähler für Macron gestimmt, 80 Prozent nicht. Und die Wähler Macrons aus dem zweiten Wahlgang waren eigentlich "Nicht-Wähler" von Madame LePen. Die wollten gegen den Front National wählen und nicht unbedingt für Macron.

RadioWelt: Müssen wir eine Bewegung wie in den USA befürchten – nach einem liberalen Präsidenten Obama ein nicht extremer, aber drastisch anderer Präsident?

Flaurence Gaucy: Der Vergleich mit den USA greift womöglich nur zum Teil. Diese Unterscheidung in ländlich und städtisch gibt es zwar auch wie in den USA, in Frankreich deckt sie sich aber nur partiell mit der soziologischen Unterscheidung "reich gegen arm". Es gibt in der Provinz in Frankreich eine Wirtschaftselite und eine kulturpolitische Elite. Sie ist der Kreis, den Macron im Moment nicht mehr anspricht. Von dort könnte die Opposition kommen. Dass Herr Melanchant – weit links – oder Madame LePen – weit rechts – völlig abwesend sind momentan bei den "Gelben Westen" fällt auf und zeigt auch, dass vielleicht auch sie ratlos geworden sind.

RadioWelt: Nun sind weitere Proteste  angekündigt worden, auch am nächsten Wochenende. Ist das der Anfang vom Ende von Macron?

Flaurence Gaucy: Je nachdem, wann und vor allem wie er zu den Franzosen sprechen wird. Es gab ein paar bescheidene Versuche. Er muss jetzt seine bisherigen Aussagen revidieren, zu sagen, dass diese Leute, die auf der Straße sind, nicht reformfähig sind, sich nicht ändern wollen – das hilft nicht weiter. Das ist sogar kontraproduktiv. Diese Leute wünschen sich Reformen und diese Leute möchten auch Veränderungen, sie möchtenauch  an den positiven Seiten der Globalisierung teilhaben. Sie müssen einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, aber im Moment können sie das nicht.


3