Bayern 2


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Alltag in der Renaissance Die Fuggerzeitungen 1568 bis 1605

News aus der Welt der Renaissance. Das Augsburger Handelshaus der Fugger ließ sich im 16. Jahrhundert von Mitarbeitern und Freunden Nachrichten aus aller Welt schicken. Die Themen der handschriftlichen Meldungen drehten sich meist um Politik, Wirtschaft und Krieg. Eine Zeitung, als es noch keine Zeitungen gab.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 31.05.2020 | Archiv

Es sind höchst bewegte Zeiten. Im 16. Jahrhundert schreiben die Fuggerzeitungen, was in Europa passiert. Der Kontinent wird von zahlreichen Kriegen und Konflikten heimgesucht. Meist geht es um Macht und Gold. Oder um Glaubensfragen. Wie in Frankreich, wo die Protestanten verfolgt werden.

"Paris, 18. Oktober. Vorgestern ist ein neues Edikt publiziert worden, dass alle Hugenotten in Frankreich bei Leibesstrafe und Verlust von Hab und Gut binnen fünfzehn Tagen aus dem Land ziehen sollen."

– Aus der Fuggerzeitung 1585

Die Fugger, seit 1367 in Augsburg ansässig, waren um 1500 unter Jakob Fugger dem Reichen zu den erfolgreichsten Bankiers ihrer Zeit aufgestiegen. Drei Generationen später hatten sie einen umfangreichen Grund- und Herrschaftsbesitz erworben. Aus den Kaufleuten waren Adelige geworden, die einflussreiche Positionen in Kirche und Reich besetzten. Philipp Eduard Fugger, geboren 1546, und sein drei Jahre jüngerer Bruder Octavian Secundus verkörperten schließlich den Geist Renaissance und stellten die absolute privilegierte Bildungs- und Geldelite jener Zeit dar.

Die Fugger-Brüder und ihre Zeitung

Auch Kulturförderung gehört zur Lebensart. Ebenso eine schier unstillbare Neugierde. Denn die Welt ist voller spannender Geschichten. Und die Fugger wollen sie erfahrendie Neuigkeiten von überall.

"Lissabon, 1. September. Die Spanier erobern die Stadt. Dass ich Euch seit langem nicht geschrieben habe, ist die Schuld des Kriegswesens und Unfriedens, die wir hier gehabt. Es hat nämlich am 25. August der Herzog von Alba Lissabon mit dem Schwert erobert."

– Aus der Fuggerzeitung 1580

Heutzutage geht eine Meldung in wenigen Sekunden um den Globus. Vor 500 Jahren dauerte es oft Wochen, bis man erfuhr, was los war auf der Welt. Die Nachrichten kamen handschriftlich. Obwohl Johannes Gutenberg schon 1450 den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hatte, blieben die handgeschriebenen „Zeitungen“ das gängige Medium. Sie waren nämlich um einiges billiger als das Gedruckte.

News aus der Welt der Renaissance

Philipp Eduard Fugger (1546-1618) und sein Bruder Octavian Secundus Fugger (1549-1600)

Das Wort „Zeitung“ nahm erst im 17. Jahrhundert seine heutige Bedeutung an. Davor verstand man darunter nur eine einzelne „Nachricht“. Solche Nachrichten – auf Blätter geschrieben und verschickt – waren als mediale Frühform sozusagen die „Zeitung vor der Zeitung“. Zu den bedeutendsten Sammlungen im deutschsprachigen Raum gehören die sogenannten Fuggerzeitungen der Jahre 1568 bis 1605. Fast vier Jahrzehnte lang akribisch eingeholt und zusammengestellt von den beiden Augsburger Brüdern Octavian Secundus und Philipp Eduard Fugger.

Journalisten, als es noch keine Journalisten gab

Im 16. Jahrhundert wurde das Nachrichtenschreiben immer professioneller. Novellanten hießen die Nachrichtenschreiber, die zuerst in Italien einen eigenen Berufsstand gründeten. Bei der Obrigkeit waren solche Berufsjournalisten nicht gern gesehen, sie galten als unglaubwürdig und wurden der Spionage verdächtigt. Aber die Nachfrage nach Neuigkeiten wurde immer größer. Und so recherchierten die Novellanten selbst oder stellten vorhandene Informationen zusammen, schrieben sie mit der Hand auf Zettel, vervielfältigten diese und schickten die News jede Woche per Post an ihre Abonnenten. Zum Beispiel an die Fugger-Brüder in Augsburg.

Nach ihrem Tod verkauften die Nachfahren die über 16.000 handschriftlichen Fuggerzeitungen zur Tilgung von Schulden an den Kaiser in Wien. Heute hat die dortige Nationalbibliothek den Archivschatz digitalisiert. und ins Internet gestellt. Eine spannende Quelle – für alle, die Freude daran haben, Handschriften des 16. Jahrhunderts zu entziffern.

Der Autor Thomas Grasberger berichtet über diese Vorform der modernen Zeitung in der Frühen Neuzeit in der Sendung "Neues von Überall. Die Fuggerzeitungen 1568 bis 1605." Mit einem Klick in das Bild oben können Sie die ganze Sendung anhören.


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