Bayern 2


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Freie Stadt und freie Bürger Die Zeit für Bayern zur Bayerischen Landesausstellung "Stadt befreit"

Bayern war nie in erster Linie Agrarland. Seit dem Mittelalter haben Bayern, so überraschend es klingen mag, vor allem seine Städte und Märkte geprägt. Mit Handel, Industrie und Bürgerstolz.

Von: Doris Bimmer und Lorenz Storch

Stand: 03.06.2020 | Archiv

ARCHIV - 28.04.2020, Bayern, Friedberg: Die Aufnahme unbekannten Datums zeigt die Außenansicht des Wittelsbacher Schlosses in Friedberg. In dem Schloss soll in den nächsten Wochen die Bayerische Landesausstellung 2020 eröffnet werden. Foto: E. Diehl/Stadt Friedberg/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/E. Diehl

Städte kennen die Ritter und Adligen bereits durch ihre Kreuzzüge. Rom und Jerusalem gelten als der Idealtypus. Sie dienen den Wittelsbacher Herzögen als Vorbild. Die Stadtgründungen werden ein wichtiger Teil der bayerischen Territorialpolitik, um die Macht, um das eigene Gebiet abzusichern. Zu Hilfe kommt ihnen die Gunst der Stunde: Das Klima erwärmt sich, die Böden bringen höhere Erträge, sie können mehr Menschen ernähren. Die Bevölkerung wächst wegen der verbesserten Versorgungslage explosionsartig. In dieser Zeit beginnen nun auch die Wittelsbacher um die bestehenden Burgen und Klöster herum ihre Städte zu bauen.

"Man darf sich das jetzt nicht so vorstellen, von den Rahmenbedingungen, dass ein großer Generalplan bestand. So etwas kennt man im Mittelalter gar nicht. Man hat gewusst, Städte bringen was, Städte sind wirtschaftlich interessant, Städte können den Handel befördern, Städte bringen auch Steuern. Das ist jetzt nichts, was die Wittelsbacher erfunden haben, das ist eine allgemeine europäische Entwicklung, die von Italien, von Frankreich ausgehend, gewissermaßen von Westen nach Osten sich bewegt, und die Wittelsbacher, als sie neu dieses Herzogtum bekamen, sind genau in diese Zeit reingekommen."

Peter Wolf, Haus der Bayerischen Geschichte

Die bayerischen Herzöge tun viel dafür, dass ihre Städte für die Neubürger attraktiv werden. Die Einwohner bekommen und erkämpfen sich nach und nach immer mehr Rechte. Gleichzeitig sorgen die Wittelsbacher für die damalige Zeit für verhältnismäßig stabile politische Verhältnisse in ihrem Territorium. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen:

"Es war natürlich auch viel praktischer für den Landesherrn, wenn man sich in der Stadt selbst verwaltete. Es ist insgesamt eine Entwicklung, in der Abgabenlasten immer mehr in Richtung Geldwirtschaft gedrängt werden. Das heißt, man muss nicht mehr persönliche Fron leisten, sondern kann das dem Herrn jeweils auszahlen. Das Besondere ist aber, dass die Städte kommunale Institutionen schufen, wo sich tatsächlich die Bürger zusammenfanden und über ihr eigenes Schicksal viel selbständiger bestimmen konnten, als die Menschen am Land."

Peter Wolf, Haus der Bayerischen Geschichte

Das Recht über das eigene Schicksal zu bestimmen, das ist in dieser Zeit gleichbedeutend mit dem Recht auf persönliche Freiheit. Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Wer ein Jahr und einen Tag in der Stadt lebt, verliert die Abhängigkeit von seinem Grundherrn. Diese historische Praxis haben Juristen im 19. Jahrhundert in dem Rechtsgrundsatz "Stadtluft macht frei" zusammengefasst.

"Er kommt aus der Begeisterung bürgerlicher Juristen und Historiker, die sich, ja, begeistert zeigten, angesichts dieser Möglichkeiten der Freiheit, die sie gewissermaßen als Muster für die Demokratisierung ihres Landes sahen. Und die Stadt war da ihr Ideal, die mittelalterliche Stadt, wo die Freiheit herkam und deshalb ist der Satz 'Stadtluft macht frei' auch durchaus richtig."

Peter Wolf, Haus der Bayerischen Geschichte

"Stadt". Das Wort hängt zusammen mit der "Stätte" und dem "Staat" und bezeichnet zunächst einmal einen bestimmten Ort, einen Ort, in dem der Fürst oder Landesherr - egal ob ein Herzog oder Bischof oder ein Kaiser "Stat-ion" und "Staat" machen kann. Weil sein Hofstaat entsprechend versorgt wird. Dafür benötigt dieser Ort einen Markt, wo die Güter, die der Hofstaat braucht, umgeschlagen werden und es braucht Menschen, Händler, Handwerker und Dienstleister, die so einen Hofstaat versorgen. Diese Menschen brauchen aber auch ein gewisses Maß an Autonomie, eigenverantwortlicher Handlungsmöglichkeit, um ihrer Rolle gerecht werden zu können. Freiheiten also, die im Lauf der Zeit immer größer geworden sind.

Mittelfranken, an der Grenze zu Baden-Württemberg. Hier, an einer Wörnitzfurt, ist vor mehr als 1000 Jahren eine Siedlung gegründet worden, die später zur Stadt Dinkelsbühl wurde. Die Stadtmauer ist komplett erhalten: !6 Türme, vier Tore - gewaltiges Mauerwerk aus Sandstein und über den Toren die stolzen Wappen: das Stadtwappen der Stadt Dinkelsbühl daneben das Wappen der freien Reichsstadt.

"Die Stadt ist im Grunde nichts Anderes als eine Großburg. Die Bewohner der Stadt heißen ja auch bezeichnenderweise nicht Städter, sondern Bürger. Ein befestigter Platz und des bequeme für den Fürsten war oder für den Stadtgründer ganz allgemein: Nicht er musste diese Befestigung erstellen, sondern das war Sache der Bewohner."

Günter Dippold, Historiker

Die Stadtmauer, ab 1372 erbaut, war der Stolz der Bürger von Dinkelsbühl. Sie zeigten mit dem Großbauwerk auch ihren Reichtum. "Steinreich" - der Ausdruck stammt aus dieser Zeit - denn Steinbauwerke waren im Mittelalter etwas Besonderes.

"Das ist ja etwas, was heute völlig verwischt. Aber wenn wir die Kerne der alten Dörfer, wo sie noch intakt sind, und die Stadtkerne anschauen, dann sehen wir diesen Unterschied schon überdeutlich, wenn man es mal zu sehen gelernt hat. Auch dass zum Beispiel innerhalb der Stadt zumindest die wichtigsten Plätze und Straßen gepflastert sind. Der Name Steinweg, den wir ja in verschiedenen Städten haben. Jetzt hier in der Region in Bamberg, in Coburg, der es ja bezeichnend, dass waren eben gepflasterte Straßen, wie wir sie in Dörfern höchst selten finden. Na also, es gibt schon solche äußeren Merkmale, die einem deutlich machen - die Mauer die dichte Bebauung, die Pflasterung - ich bin jetzt in einer Stadt und eben nicht in einem Dorf."

Günter Dippold, Historiker

Die Reichsstädte waren im Mittelalter die vielleicht selbstbewusstesten Städte - "Freie" Reichsstädte eben.

"Die Reichsstädte haben über sich eigentlich niemanden, weil sie eigentlich unmittelbar die dem Reich angehören. Natürlich haben sie schon noch einen Kaiser dann über sich. Aber eigentlich sind sie als unmittelbar Reichsangehörige, zumindest keinem Landesherrn unterstehend."

Christoph Hammer, Oberbürgermeister Dinkelsbühl

Das hat die freien Reichsstädte Frankens und Schwabens von den Fürstenstädten Altbayerns unterschieden. Sie hatten es leichter. Den Kampf um Freiheit aber haben alle Stadtbürger überall geführt - und führen ihn bis heute. Dinkelsbühl hatte mit der Säkularisation 1802 alle alten Freiheiten verloren und wurde zur bayerischen Landstadt. Doch die Dinkelsbühler gaben nicht auf. 1998 wurde die 12.000-Einwohner-Stadt zur "Großen Kreisstadt" befördert. Dinkelsbühl ist seither die kleinste Große Kreisstadt im Freistaat.

"Und damit haben wir natürlich sehr viele Privilegien, die man ja früher als Reichsstadt selbstverständlich hatte, wieder zurückerhalten. Das Wichtigste ist natürlich, dass wir Untere Baugenehmigungsbehörde sind und Untere Denkmalschutzbehörde. Gerade in einer Stadt wie Dinkelsbühl ganz wichtig. Baurecht gestaltet ja, in der Erhaltung der Altstadt, aber auch die Entwicklung dieser Stadt. Ich glaube, ich hätte hier nicht kandidiert - so schön, wie die Stadt ist - wenn sie das Prädikat der Großen Kreisstadt nicht hätte, denn immer bei jeder Baugenehmigung vom Landratsamt abhängig zu sein, ist von einem Verständnis eines selbstbewussten Bürgermeisters und eines Bürgermeisters, der in einer ehemaligen Reichsstadt arbeitet, schon schwierig."

Christoph Hammer, Oberbürgermeister Dinkelsbühl

Egal ob altbayerische Fürsten- oder neubayerische Reichsstadt: In allen Städten leben Bürger, die es seit Jahrhunderten gewöhnt sind, eigene, autonome Wege zu gehen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Die Haltung, alles Heil von oben zu erwarten und deswegen zuerst gleich einmal die Hand aufzuhalten, ist ihnen fremd und zuwider. Eifersüchtig eigenständig. Nur wenns gar nicht mehr geht, beansprucht er Hilfe von der nächstgrößeren Einheit. Subsidiarität ist das Denken von unten nach oben. Sehr demokratisch. Gegen jeden Untertanengeist, der es erlaubt und im Grund auch erwartet, dass von oben nach unten durchregiert wird. Als von Berlin und anderen heute großmächtigen Ortschaften im Norden und Osten Deutschlands noch lang keine Rede war, da war Bayern längst ein Land voller Städte. Das ist wichtig zu wissen, weil es manchmal den Unterschied von politischen Mentalitäten erklärt.


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