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Frauenbewegung(en) Wo ist #metoo im Feminismus einzuordnen?

Gibt es heute eine gemeinsame Frauenbewegung oder viele einzelne Bewegungen? Wie sieht Feminismus 2018 aus? Was hat die #metoo-Bewegung bewirkt? Wie stark ist Sexismus noch verbreitet? Eine Diskussion.

Stand: 06.03.2018

Bunte Plakate auf Demonstration zum Internationalen Weltfrauentag | Bild: picture-alliance/dpa

Rein statistisch gesehen ist es ziemlich wahrscheinlich, dass eine in Deutschland lebende Frau Erfahrungen mit Gewalt oder sexueller Gewalt hat: 40 Prozent der Frauen haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt, 25 Prozent kennen Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner.

Heute wird oft nicht mehr von "dem Feminismus" gesprochen, sondern von "den Feminismen". Ein etwas aus der Mode geratenes Wort ist das Wort Frauenbewegung. Zieht die Frauenbewegung an einem Strang bei der Debatte #metoo?

"Das Tolle an #metoo ist, dass es nicht ideologisch oder im engeren Sinne politisch vereinnahmt wird. Die Debatte überschreitet bestimmte Programmatiken wie 'der Feminismus', 'die Identität', 'die Kultur'. Das ist das große Plus von #metoo."

Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender-Studies an der LMU München

Gibt es eine Frauenbewegung?

Nein, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Nicole Lassal

"Ich würde in Frage stellen, ob es 'die Frauenbewegung' gibt. Ich glaube, die hat es nie gegeben - das war schon in der Zeit der ersten Frauenbewegung zu sehen. Noch nicht einmal beim Thema Frauenwahlrecht konnten sich damals alle ihre Teile vereinen. Das ist der Ausdruck von gesellschaftlicher Pluralität. Und so können wir das auch heute wieder sehen bei der #metoo-Bewegung, dass es da unterschiedliche Strömungen gibt und Einstellungen und Haltungen." Nicole Lassal, Gleichstellungsbeauftragte für Frauen der Landeshauptstadt München

Ja, sagt die Aktivistin Laura Meschede

"Ich würde schon sagen, dass es eine Frauenbewegung gegeben hat und dass es eine Frauenbewegung gibt. Natürlich gab es immer unterschiedliche Strömungen. Aber der Punkt, an dem man in einem aktiven politischen Kampf versucht, gegen die Unterdrückung der Frau vorzugehen, habe ich eine Frauenbewegung. Eine Bewegung gibt es auf jeden Fall und  ist das auch bitter notwendig." Laura Meschede, Aktivistin beim Slutwalk München

Debatten zum Thema Schwangerschaftsabbruch früher und heute

"Weg mit 219a" fordern Frauen und Männer in diesen Tagen: Es geht um eine mögliche Änderung des §219a im Strafgesetzbuch. Dort steht, wer Angebote öffentlich macht, die zu "Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs" führen, macht sich strafbar. Deswegen wurde im November letzten Jahres die Gießener Ärztin Dr. Kristina Hänel zu einer Geldstrafe von 6.000 EUR verpflichtet. Sie hatte auf ihrer Praxiswebsite Informationen zu Abtreibung gegen Kostenübernahme bereitgestellt.

Seit Ende Februar gibt es im Bundestag eine heftige Debatte über eine Änderung oder gar Abschaffung von Artikel 219a. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch - also das Recht auf ein "mein Bauch gehört mir" - war schon ein Dauerbrennerthema in der Frauenbewegung der 70er Jahre. Sehr bekannt ist die Stern-Geschichte "Wir haben abgetrieben", die damals Alice Schwarzer initiiert hatte, im Juni 1971.

Schwangerschaftsabbruch in der Frauenbewegung

Unterstützungsmöglichkeiten für Frauen

"Aus meiner Sicht gehört es für die betroffene Frau dazu, sich auch darüber zu informieren, was die Medizin ihr bieten kann - über Ärzte oder Behandlungsmethoden. Wir müssen uns immer noch der Frage stellen: Haben wir genügend Unterstützungsmöglichkeiten für Frauen - in der Entscheidung für Kind oder gegen das Kind? Sodass sie auch die Entscheidung für das Kind treffen können, ohne Angst zu haben um ihre Existenz. Da haben wir noch einiges zu tun." Nicole Lassal, Gleichstellungsbeauftragte für Frauen der Landeshauptstadt München

Das Recht, über den eigenen Körper zu verfügen

"Eine zentrale Frage ist, wer das Recht hat, über den eigenen Körper zu verfügen. Diese Debatte um Abtreibung ist immer auch ein Symptom, auch historisch verbunden gewesen mit anderen politischen Dynamiken und Strömungen – sie stand nie nur allein für sich. Extrem moralisch ist die Frage ja auch, aber auch moralisierend, weit über den Sachverhalt hinaus. Deswegen reden wir darüber und das finde ich gut." Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender-Studies an der LMU München

Der Weltfrauentag - noch zeitgemäß?

Der 8. März 2018 ist der Internationale Frauentag. Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Der erste Frauentag wurde dann am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. Er hat also eine lange Tradition. In vielen Ländern ist er ein gesetzlicher Feiertag. In der Volksrepublik China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei. Trotzdem gibt es viele Leute, die sagen, wir sollten den Frauentag abschaffen, weil eigentlich jeder Tag Frauentag sein sollte.

Braucht es den Internationalen Frauentag?

Ja, als Kundgebung

"Natürlich brauchen wir solche Tage – wenn jeder Tag ein Tag ist, an dem man sich einsetzen sollte gegen die Unterdrückung durch das Patriarchat, ist es doch gut, einen spezifischen Tag zu bestimmen, an dem alle Leute zusammen kommen können, um da ihre Meinung kundzutun." Laura Meschede, Aktivistin beim Slutwalk München

Ja, als Aufhänger

"Der Tag ist ein guter Anlass, um international zu schauen, das tue ich dann auch, in Lateinamerika ist ein großer Streik angekündigt von Frauen und Männern, und insofern braucht es so einen Tag, um einen Aufhänger zu haben, aber auch nicht mehr." Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender-Studies an der LMU München

Ja, als Feiertag

"Solange wir in der Geschlechtergleichstellung immer noch nicht so weit sind, dass wir sagen können, wir haben sie erreicht, brauchen wir den Tag auf jeden Fall, und danach nehmen wir ihn als Feiertag." Nicole Lassal, Gleichstellungsbeauftragte für Frauen der Landeshauptstadt München


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madhu dagmar frantzen, Donnerstag, 08.März, 11:21 Uhr

1. ´frauentag´- international

Ja, wir brauchen Tage, an denen wir besonders erinnern, wie sehr Menschenrechte weltweit und auch gleich vor der Tür für Frauen plattgemacht werden.
Und wir bräuchten 'Männertage' ebenso, an denen das 'andere Geschlecht' ebenfalls ein besonderes Augenmerk und Bewusstsein auf Machtmissbrauch ausrichtet.
Alle Täter, fast alle werden ja von Mamas zur Welt gebracht - wie mit erzogen. Je älter ich werde und so oft als Frau betroffen von Missbrauch werde ich mehr gewahr, dass an dem Aufkommen von immer mehr Machismus auch 'Mamas' beteiligt sind und dass es - wenn es sehr schief läuft im interpersonellen Kontakt zwischen den Geschlechtern ein systemisches und gesamtgesellschaftliches Problem darstellt.
DIE Solidarität und Frische die die Frauenbewegung in den siebzigern hervorbrachte wird aus meiner Sicht durch die Art wie die #METOO bewegung heutzutage digital abläuft NICHT widergespiegelt. LEIDER.

[unvollständigen Halbsatz entfernt - die Redaktion]

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