Bayern 2


0

Wenn Gefäße und Nerven leiden Folgen von Diabetes Typ 2

Spätfolgen von Diabetes abmildern, gar verhindern, das ist das Ziel einer zeitgemäßen Diabetestherapie. Was kann helfen, Amputationen, Dialyse, Erblindung, Herzkrankheiten oder einen Schlaganfall zu vermeiden? Noch sind nicht alle Zusammenhänge der Krankheit so klar, als dass es auf diese Frage ein Patentrezept gäbe.

Von: Katharina Hübel

Stand: 05.02.2019

Der diabetische Fuß eines Patienten wird behandelt: roter Verband um die große Zehe. | Bild: picture-alliance/dpa

Blutzucker kann die Gefäßinnenwände, das sog. Endothel, angreifen und zerstören. Oxidative Endprodukte führen dazu, dass die Gefäße nicht mehr glatt sind und das Blut nicht mehr ungehindert durchfließen kann. Die Gefäßinnenwand wird rau, Cholesterin wird eingelagert und es kann dazu kommen, dass Gefäße sogar verschlossen werden.

Neuropathien

Die Forschung ist noch nicht so ganz sicher, warum Diabetes die Nerven schädigt. Man weiß aber auf jeden Fall, dass gerade die peripheren Nerven als erstes zugrunde gehen. Diese Nerven sind - wie ein Elektrokabel mit Isolierung - umhüllt von der sogenannten Schwann'schen Scheide (Stützgewebe aus Schwann-Zellen). Diese Isolierung kann durch die Blutzuckerspitzen zerstört werden und dann andere Impulse empfangen oder leiten als sie eigentlich sollte. Im schlimmsten Fall folgen Neuropathien, die sich z.B. so äußern:

  • Brennen
  • Schmerzen
  • Kribbeln
  • Gefühllosigkeit
  • offene Wunden

Niere

Ist ein Diabetiker "gut eingestellt", sollte er auf Dauer auch keine Nierenprobleme bekommen. Dafür muss der HbA1c-Wert im Zielbereich sein, ebenso der Cholesterinwert und Blutdruck, außerdem darf der Patient nicht rauchen. Es gibt aber viele schlecht eingestellte Diabetiker. In der Folge sind 70 Prozent der neuen Dialysepatienten Diabetiker. Die Niere ist eine Art Filter. Und dieser Filter wird sowohl durch zu hohen Blutdruck als auch durch zu hohen Blutzucker beschädigt. Nikotin trägt ebenfalls zu diesem Prozess bei.

Amputationen

Man hat 1989 in der so genannten St.-Vincent-Deklaration europaweit erklärt, die Amputationszahlen bei Diabetikern halbieren zu wollen.

"Das haben wir leider überhaupt nicht geschafft, im Gegenteil, es sind mehr geworden. Natürlich auch deswegen, weil man damals noch nicht dachte, dass die Zahl der Diabetiker so steil ansteigen wird. Aber auch deswegen, weil die Versorgung der Diabetiker, was die Füße angeht, noch sehr im Argen ist. Deswegen haben wir in Bayern auch das 'Fußnetz Bayern' gegründet, um die Versorgung der Patienten mit diabetischen Füßen zu verbessern."

Dr. Arthur Grünerbel, Gründer des Fußnetz Bayern

Laut Gesundheitsbericht Diabetes 2018 gibt es alle 13,4 Minuten eine diabetesbedingte Operation. Die Zahl der sogenannten Major-Amputationen, bei denen am Oberschenkel oder Knie angesetzt wird, ist heuer erstmals leicht rückläufig.

"Dennoch haben wir insgesamt viel zu viele Amputationen. Das liegt bei uns in Deutschland einfach daran, dass die Menschen nicht so Bescheid wissen – weder über das Krankheitsbild an sich, noch wissen Sie darüber Bescheid, wo sie mit einem diabetischen Fuß medizinische Hilfe bekommen. Dabei gibt es Diabetes-Schwerpunktpraxen mit so genannten Diabetesfuß-Ambulanzen."

Dr. Arthur Grünerbel, Gründer des Fußnetz Bayern

Die EuroDiale-Studie von 2011 hat gezeigt, dass England die geringste Zahl an Amputationen hat. Dort kamen Diabetespatienten mit Fußwunden innerhalb von neun Tagen in eine fachgerechte Behandlung. In Deutschland gab es die höchste Zahl der Amputationen, weil es in Deutschland im Durchschnitt neun Monate gedauert hatte, bis der Patient mit seiner Fußwunde in eine spezialisierte Einrichtung gekommen ist. Spezialisierte Einrichtungen sind in Deutschland noch nicht in großer Zahl vorhanden, "weil das momentan ein Hobby der Diabetologen darstellt, die sich der Fußversorgung verschrieben haben, aber eine spezialisierte Honorierung dieser Versorgung fehlt auch noch", so Arthur Grünerbel vom Fußnetz Bayern.

Fußwunden

Fußwunden kommen beim Diabetiker in erster Linie dadurch zustande, dass der Zuckerwert längere Zeit schlecht eingestellt war, oder der Diabetes gar nicht bemerkt wurde. Die peripheren Nerven nehmen Schaden, sodass der Patient nicht mehr so genau spürt, wie er den Fuß auf den Boden setzt. Das verändert das Gangbild; der Patient bekommt schneller Druckstellen unter den Mittelfußknöchelchen oder Verhornungen, die dann möglicherweise einreißen oder einbluten können. Solche Wunden sind Eintrittspforten für Bakterien. Schließlich entsteht eine Wundinfektion am Fuß, die man gut behandeln könnte, wenn man sie rechtzeitig erkennen würde. Wird die Behandlung der Wunde verschleppt, und ist dann noch die Durchblutung mangelhaft, ist das sehr gefährlich für den Fuß. Am Anfang steht jedoch eigentlich immer die Neuropathie, der Nervenschaden. Das ist die Ursache, die Betroffene solche Wunden nicht ernst nehmen lassen: Sie spüren keinen Schmerz.

Eine Übersicht über Diabetes-Schwerpunktpraxen mit so genannten Diabetesfußambulanzen hat das 'Fußnetz Bayern' zusammengestellt.

Sterblichkeit

"Früher war es auf jeden Fall so, dass die Diagnose Typ-2-Diabetes die Lebenserwartung um zehn Jahre verringert hat. Heute muss man differenzieren: Kümmere ich mich intensiv um meinen Diabetes, dann kann ich dieselbe Lebenserwartung haben wie ohne die Krankheit?"

Dr. Arthur Grünerbel, Vorsitzender der Fachkommission Diabetes Bayern

Je mehr man sich wenigstens die ersten fünf bis zehn Jahren um die Krankheit kümmere, desto weniger Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko gebe es, so der Diabetologe Arthur Grünerbel.


0