Bayern 2


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Wer will noch nach Deutschland? Flüchtlingskontrollen an der italienisch-österreichischen Grenze am Brenner

Seit 1. August ist das neue bayerische Landesamt für Asyl und Rückführungen in Betrieb. Genau wie die neugeschaffenen Ankerzentren soll es zu schnelleren Abschiebungen beitragen. Aber wie ist die Situation der Flüchtlinge wirklich? Man sagt immer, dass die wichtigste Route für Flüchtlinge immer noch die Brennerroute ist. Aber stimmt das wirklich? Sommernotizbuch-Reporter Nicola Pifferi hat sich die Situation am Brenner angeschaut.

Von: Nicola Pifferi

Stand: 07.08.2018

Zwei Soldaten in italienischer Uniform kommen auf uns zu. Sofort: Mikrofon verbergen und möglichst unauffällig verhalten. Offiziell darf die Marokkanerin Zayneb Essabar nämlich gar nicht mit mir sprechen. Sie ist für Volontarius, einer Flüchtlingshilfsorganisation tätig; mit ihr stehe ich am Bahnhof von Brenner, der Gemeinde oben an der italienisch-österreichischen Grenze auf dem Brennerpass. Ein Europa ohne Grenzen gibt es hier am Brenner nicht mehr: all die Züge, die nach Norden und Süden fahren, werden schon seit Jahren kontrolliert. Gesucht wird nach Flüchtlingen. Dementsprechend sieht der Bahnhof am Brenner auch nicht aus wie ein normaler Bahnhof.

Zayneb Essabar am Gleis

Hier sind mehr Polizisten und Soldaten unterwegs als Touristen. Zwei Züge kommen an und fahren wieder ab. Bislang sind keine Flüchtlinge ausgestiegen. Versuchen denn Migranten überhaupt noch den Brenner zu überqueren? "Im Moment fast keine" sagt Zayneb. Bis Mitte 2017 war das anders. Grund für die Veränderung: Mundpropaganda, dass die Flucht über den Brenner wegen die Kontrollen nicht funktioniert, vermutet Luca Critelli vom Land Südtirol. Hinzu kommt noch der zweite große Faktor, dass die Zahl der Flüchtlinge insgesamt zurückgeht.

Immer weniger Flüchtlinge kommen nach Italien

Von Januar bis Juli 2017 kamen laut UNO in Italien knapp 95.000 Migranten an, in diesem Jahr sind es nur noch rund 18.000. Das sind über 80% weniger Flüchtlinge.

Anküfte der Flüchtlinge pro Monat am Brenner in Italien

Laut den Zahlen sollte sich das auch in den Zügen bemerkbar machen. Um mir die Situation genauer anzuschauen, fahre ich mit dem Eurocity von Bozen durch Österreich nach München. Und tatsächlich: Mir begegnen definitiv keine Flüchtlinge.

Dafür: drei Grenzkontrollen durch die Polizei. Zuerst kommt die italienische Polizei am Brennerbahnhof, dann die österreichische Polizei nach der Grenze. Am Ende noch die deutsche Polizei in Rosenheim. Mit einer Polizistin kann ich reden, auch wenn sie kein Interview geben darf: sie sagt, sie habe nie jemanden in diesen Zügen erwischt in den letzten Monaten.

"Wenn am Brenner wieder kontrolliert wird, dann ist das der Tod für Europa"

Zurück am Brenner. Ich habe einen Termin beim Bürgermeister Franz Kompatscher, den ich am Bahnhof treffe.

"Ich muss ehrlich sagen: Wir sehen kaum mehr Flüchtlinge. Und gegen Grenzkontrolle spreche ich mich dezidiert aus, denn ich glaub in Europa brauchen wir das nicht mehr, dann müssen die Außengrenzen kontrolliert werden, aber keinesfalls die Brennergrenze, habe ich immer gesagt. Wenn dort kontrolliert wird, wenn man die alte Grenzkontrolle wieder einführt, dann ist das der Tod von Europa."

Franz Kompatscher

Zusammengefasst: Fast keine Flüchtlinge versuchen die Brennergrenze zu überqueren. Allerdings gibt es immer noch Kontrollen. Aber warum nutzen Migranten diese Route nicht mehr? Ist es nur, weil die Zahl der Ankünfte in Italien zurückgegangen ist? Oder wegen der Mundpropaganda, von der mir Luca Critelli vom Land Südtirol erzählt hat?

Nein, es gibt noch etwas: Die Flüchtlinge, die in Italien sind, wollen nicht immer in den Norden, nach Deutschland, Österreich oder in die Niederlande, weil sie fürchten, dass sie schlecht behandelt werden. Somit bleiben viele in Südtirol.

Nicht alle wollen nach Deutschland

Mit zweien treffe ich mich in der Nähe des Bozener Bahnhofs in einer alten Tankstelle aus der faschistischen Zeit. Dort befindet sich die Landesinformationsstelle für Migration. Einer von ihnen ist James.

"Mein Traum war es, nach Europa zu kommen. Als ich nach Italien kam, wollte ich nach Deutschland, aber ich habe dort viele Freunde und habe sie gefragt: Wie ist Deutschland? Aber mir wurde nicht wirklich geraten, dorthin zu gehen. Aber weißt du, wenn du kein Dokument hast und nach Deutschland gehst und dort Asyl suchst, werden sie dich schlecht behandeln."

James

James kommt aus Nigeria. Losgezogen ist er von dort im Juni 2016. Fast ein Jahr später, im März 2017, ist er in Italien angekommen. Jetzt ist er seit Ende Juni in Bozen, hier sucht er eine Arbeit. Wenn er keine kriegt, wird seine Aufenthaltsgenehmigung ablaufen. Dabei will er doch unbedingt in Italien arbeiten.

Auch Zeeshan Mohammed lebt gerade in Bozen. Er kommt aus Pakistan und wurde dort aus religiösen Gründen verfolgt. Im Januar 2015 ist er geflüchtet. Nach 12 Monaten landete er in Italien. Auch er will hier bleiben, und nicht nach Deutschland.

"Ich habe es nicht versucht, weil ich gehört habe, dass es sehr schwierig ist, dorthin zu kommen. Und der Prozess ist sehr lang."

Zeeshan Mohammed

Zeeshan aus Pakistan und James aus Nigeria sind Beispiele dafür, dass sich die Situation in Südtirol grundlegend geändert hat. Das merken sie auch hier in der Landesinformationsstelle für Migration. Vorher wollten alle in den Norden. Die Mitarbeiter der Informationsstelle erklären, dass Südtirol früher für die meisten nur ein Transitland war. Heute ist es nicht mehr so. Viele, die in Bozen sind, wollen bleiben.


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