Bayern 2


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Finten, Fallen, Fake-News Jägerlatein auf Bayerisch

Der Bayer erfindet gerne Märchentiere, baut Luftschlösser und erzählt phantastische Geschichten in lupenreinem Jägerlatein. Thomas Kernert, bayerischer Journalist mit großem Latinum, gibt Einblicke in die andere, die alternative, die konstruierte Wahrheit.

Von: Thomas Kernert

Stand: 27.01.2018 | Archiv

"Die Wahrheit ist etwas Großes, Ewiges und Allumfassendes.
Eine regionale Angelegenheit ist sie jedenfalls nicht.
Große Wahrheiten lauten:
Eins plus eins ist zwei.
Aller guten Dinge sind drei.
Jeden Morgen geht die Sonne auf.
Trotzdem hauen sie niemanden vom Hocker.
Sie sind halt.
Und das ist oft ziemlich langweilig!
'Ungeschminkt' eben."

(Thomas Kernert)

"Was ist Wahrheit?"

Junger Wolpertinger mit Bier und Brezen

... fragte einst Pontius Pilatus und ging ins Wirtshaus. In Letzterem sitzt der Bayer oft stundenlang und hat sich und anderen viel zu sagen. Vor allem, wenn das Bier süffig und die Stimmung heiter bis ausgelassen ist. Dann kann es schon mal passieren, dass die Wahrheit ein Wolpertinger ist, der im Märchenwald und nicht auf der Goldwaage zu Hause ist.

Die Wahrheit hat keinen erotischen Reiz

Ein Schild mit der Aufschrift "Wahrheit", Teil der Skulptur "Looking for New Directions" des Künstlers Ben Vautier (2017)

Mit anderen Worten: Wer immer die Wahrheit sagt, mag redlich sein, Phantasie hat er keine. Wer immer die Wahrheit sagt, mag edel sein, meist aber auch furchtbar langweilig. Wer immer die Wahrheit sagt, mag lange Beine haben, große Bewunderung erntet er kaum. Auch wenn es die Herren Pfarrer, Richter und Steuerfahnder nicht gerne hören, es stimmt: Die Wahrheit hat keinen erotischen Reiz; selbst dann nicht, wenn sie alle Hüllen fallen lässt! Stets ist sie lediglich ein getreues Abbild der Wirklichkeit und damit "secondhand". Wer braucht ein Replikat, ein Echo, die aufgewärmte Suppe von vorgestern?? –

Niemand! – Am wenigsten der um sich und eine möglichst strahlende Außenwirkung bemühte Voralpenlandbewohner. Also erfindet er Märchentiere, baut Luftschlösser und erzählt phantastische Geschichten in lupenreinem Jägerlatein

König Ludwig II. – Märchen, Lüge, Glanz und Flitter

Restaurierter Pfauenthron König Ludwigs II. im maurischen Kiosk in der Nähe von Schloss Linderhof bei Ettal.

Einer, der Kunst und Lüge, Märchen und Talmi, Glanz und Flitter mit besonders großem Geschick zu kombinieren wusste, war der bayerischste aller bayerischen Könige: Ludwig II. Dass ohne ihn der Freistaat heute in der Welt der Luftschlösser, Seifenblasen und rosaroten Lutschbonbons nur eine Fußnote wäre, dürfte unbestritten sein. Zwei Temperamente trafen sich in ihm, die ihn zu einem genialen Traumtänzer und Falschspieler reifen ließen: Diskretion und Draufgängertum.

Ludwig verkündete seine Lügen nicht worldwide im Internet und auch nicht in pathetischem Marmor über der Donau thronend à la Walhalla, sondern auf einer kleinen Insel im Chiemsee oder einem Hügel im hintersten Allgäu. Ludwig baute nicht für das Publikum, den Staat oder irgendeine offizielle Angelegenheit, sondern für sich und sein zutiefst verletztes Selbst. Was er dabei freilich auf die Beine bzw. Inseln bzw. Hügel stellte, besaß Wucht und Gewicht.

Man kann zur Ästhetik der Zuckerbäckerei stehen wie man will, Neuschwanstein lässt aus fast allen Perspektiven keinen anderen Kommentar zu als:

"Mileckstamarsch!"


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