Bayern 2


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Bayern genießen Feucht - Bayern genießen im Mai

Jetzt geht sie an, die feuchteste Zeit des Jahres. Im langjährigen Mittel ist in Bayern kein Monat feuchter als der Mai – mit Ausnahme vom Juni. Wir wollen dem jetzt in unseren Breiten beginnenden Sommermonsun seine guten, genussreichen Seiten abgewinnen.

Stand: 05.05.2021 | Archiv

Hier unsere Genuss-Themen aus den bayerischen Regionen rund ums Motto "Feucht"

Oberbayern: Gleich gewichtet. Die Vier-Säfte-Lehre des Galen. Von Daniela Olivares
Niederbayern: Tief drunten. Das Schulerloch im Altmühltal. Von Gerald Huber
Oberpfalz: Trockener Humor. Die Oberpfälzer Kabarettistin Eva Karl Faltermeier. Von Thomas Muggenthaler
Oberfranken: Guter Wuchs. Die Wässerwiesen im Wiesenttal. Von Sandra Jozipovic
Mittelfranken: Pure Natur. Das Schwarzenbrucker Moor. Von Tanja Oppelt
Unterfranken: Großer Maßstab. Europas modernste Pilzzuchtanlage in Eßleben. Von Achim Winkelmann
Schwaben: Feuchte Kästen. Humidore aus Augsburg. Von Barbara Leinfelder

Das Schwarzenbrucker Moor

Das Schwarzenbrucker Moor

Unser Wort feucht hat im Althochdeutschen einmal funchti geheißen und soviel bedeutet wie Sumpf, Schlamm. Das englische punk für moderndes faules Holz und selbstverständlich der Fango, italienisch für Schlamm, Schlick, sind damit verwandt. Auch die Fichte hängt damit zusammen. Sie braucht Feuchtigkeit. Nicht umsonst heißt bairisch Feichtn Fichte und Feuchtigkeit gleichermaßen. Auch die mittelfränkische Marktgemeinde Feucht bei Nürnberg hängt mit der Fichte zusammen. Auf lateinisch heißt feucht humidus. Ein Wort, das man schon früh mit humus, der Erde in Zusammenhang gebracht hat. Schließlich ist die Erde auch meistens feucht. Der Humus der Erdboden ist unten,zu unseren Füßen. Humilis heißt deswegen auch klein, niedrig, bodennah. Am Boden, am und im Grund ist auch das Wasser, die Feuchtigkeit. Und weil Gott den Menschen aus Lehm, also feuchter Erde, geformt hat, ist er ein homo geworden ein Mensch, humanus, humidus, menschlich, feucht. Man sieht schon, wie sehr unsere Sprache die Grundbedingungen unseres Lebens spiegelt: Feuchtigkeit, Wasser ist nicht nur im Grund, es ist auch die Grundlage - aus ihm kommt alles, und letztlich trägt die Feuchtigkeit auch wieder dazu bei, dass alles zugrunde geht, verwest. Fehlt die Feuchtigkeit, halten Heu und Holz, Fisch und Fleisch und deswegen auch menschliche Körper ewig. Mumien halt. Im feuchten Moor dagegen wird das ewige Werden und Vergehen augenfällig. Ein Moor ist, wenn man so will, ein lebender Leichnam. Was dort wächst geht dort auch wieder unter - und ersteht aufs Neue. Aus dem Niedermoor, dem Moos, wird allmählich ein Hochmoor, ein Filz und so geht's immer weiter. Besonders viele Moose und Filze gibt's im Alpenvorland, wo das Wasser in Massen von den Bergen herunterkommt. Im wasserarmen Franken dagegen sind Moore eher selten. Aber geben tuts welche. Das Schwarzenbrucker Moor in Gsteinach ganz in der Nähe von Feucht im Nürnberger Land zum Beispiel. Den Moor-Rundweg können Sie am besten am Sportgelände des TSV Ochenbruck anfangen. Aber neben dem Moor gibt's da noch was anderes, was man in Mittelfranken so nicht vermuten würde: eine Klamm, die Schwarzachklamm. Auch von Ochenbruck aus zu erkunden.

Galens Vier-Säfte-Lehre

Vier Säfte Lehre

Wie das Leben genau entstanden ist, wie also aus unbelebter Materie, lebende, sich selbst organisierende Materie werden kann, wie diese sogenannte chemische Evolution funktioniert hat, ist bis heute nicht geklärt. Man vermutet, dass alles in einer sogenannten Ursuppe, einem Urschleim oder -schlamm angefangen hat. Wasser war das universelle Lösungsmittel, das die verschiedensten Substanzen zusammengebracht hat. Ohne dieses Wasser sind wir Lebewesen bis heute nicht denkbar. Bis zu 70 Prozent des menschlichen Körpers bestehen aus Wasser. Dass Flüssigkeiten, die sogenannten Säfte in unserm Inneren eine ganz bedeutende Rolle spielen, das hat sich vermutlich schon den Heilern und Medizinmännern der Altsteinzeit erschlossen. Uraltes Erfahrungswissen wurde jahrtausendelang von Mund zu Ohr tradiert. Sehr spät erst, im fünften Jahrhundert vor Christus, wird die Lehre von den Leibessäften oder Leibesfeuchten erstmals auf eine neue, kritisch-wissenschaftliche Basis gestellt und aufgeschrieben. Als ihr Begründer gilt Polybos, der Schwiegersohn des berühmten Arztes Hippokrates. Er lehrte, dass die richtige Mischung der Körpersäfte den gesunden Menschen ausmacht. Geraten die Säfte aus dem Gleichgewicht, wird man krank. Der Arzt Galenos von Pergamon hat im zweiten Jahrhundert nach Christus diese antiken Lehren zusammengefasst und daraus eine therapeutische Methode entwickelt, die bis ins 19. Jahrhundert im Zentrum der abendländischen Medizin stand: Die sogenannte Humoralpathologie. Im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt kann man sehen, wie sich die Menschen jahrhundertelang das Zustandekommen von Gesundheit beziehungsweise Krankheit vorgestellt haben. Heute spielt die Humoralpathologie immer noch eine große Rolle. In der Waldorfpädagogik zum Beispiel und natürlich in der Naturheilkunde. Da unter anderem auch in ihrer fernöstlichen Form: Das Ayurveda ist im Prinzip der indische Zwilling der Galenischen Lehre. Woran man sieht, dass die alten Kulturen des Ostens und des Westens viel mehr miteinander zu tun hatten, als wir heute glauben.

Humor

Wichtig ist: Die vier Säfte des Körpers bestimmen nicht nur über Gesundheit und Krankheit, sie entscheiden eben auch über die Temperamente: Ob cholerisch oder phlegmatisch, melancholisch oder sanguinisch - von welcher Körperflüssigkeit von welchem Húmor er bestimmt wird, das bestimmt auch den Humòr des Menschen. Húmor - Humòr. Dass das eine auf der ersten, das andere auf der zweiten Silbe betont wird, ist lediglich dem Umstand geschuldet, dass unser Wort Humor in der Bedeutung Sinn oder Begabung dafür, den Widrigkeiten und Widerwärtigkeiten der Welt mit Heiterkeit zu begegnen, dem französischen humeur angeglichen ist. Der jahrhundertealte Hanswurscht oder Kasperl besitzt alle vier Temperamente in gleichem Maß: Als himmelhochjauchzender Sanguiniker und zutodebetrübter Melancholiker, als allesverschlafender Phlegmatiker und krokodilverdreschender Choleriker. Wer den Kasperl beobachtet und sich in dessen Tun selbst entdeckt, der muss unwillkürlich lachen. Was das eigentlich ist, das Lachen, ob es nur den Menschen vorbehalten ist, oder obs auch die Tiere können, das allerdings weiß man bis heute nicht. Sicher aber ist, dass Witz und Lachen zu den subversivsten Eigenschaften des Menschen zählen, eine Fähigkeit, die ihn überhaupt erst mit der Welt zurechtkommen lässt. Was Schlaglichter auf den Zustand unserer Gesellschaft wirft, in der der Kasperl das Krokodil aus Tierschutzgründen nicht mehr totschlagen darf, sondern es in den Zoo bringen muss und Komödianten am liebsten bloß noch harmlose Spassetteln machen sollen. Wer aber, wie im aktuellen #Allesdichtmachen-Fall gleich einen Rückzieher macht, wenn er Widerstand kriegt, der ist kein wahrer Komödiant. Ein echter Komödiant setzt immer noch eins drauf. Fast zwanghaft. Wie der Kasperl. Witz ist anarchisch und deswegen immer politisch. Er ist die einzige Möglichkeit in ausweglosen, zwanghaften Situationen Freiheit zu erleben. Nicht umsonst hat er grad dann Konjunktur, wenn Diktatoren regieren oder andere Machthaber, die fest im Sattel sitzen und über die Köpfe der Menschen hinwegentscheiden. Der Witz braucht die Macht, an der er sich reibt, wider deren Stachel er löckt. Und es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum gerade aus dem bayerischen Sprachraum immer wieder bedeutende Spassmacher, Komödianten, Humoristen und Kabarettisten kommen.

Im Schulerloch

Becherstalagmit in der Tropfsteinhöhle Schulerloch

Wir leben in trockenen Zeiten - nicht bloß, was die eher schlechten Chancen für Witz und Humor angeht. Nein, auch ganz konkret. Der Mensch in seinem Haltbarkeitswahn hat seine komplette Umgebung mittlerweile regelrecht ausgedörrt. Bestes Beispiel: Unsere Wohnungen. Warm und trocken, recht und schön. Aber immer mehr Leute leiden an Hautreizungen, die durch zuviel Trockenheit hervorgerufen werden. Keine Frage: Auch zuviel Feuchtigkeit ist schädlich. Es gilt halt das rechte Maß zu finden, den Ausgleich der Säfte, wie in der Humoralpathologie. Wie gesagt, das haben schon die Heiler und Medizinmänner der Altsteinzeit gewusst. Nicht umsonst haben die ersten Menschen bei uns, unter anderem die Neandertaler vor weit über hunderttausend Jahren, als Wohnorte Höhlen an warmen Südhängen bevorzugt. Solche wie das Schulerloch im Altmühltal bei Essing im Landkreis Kelheim. Das Schulerloch, so benannt nach den Schulern, wie man die Schamanen und Druiden der Vorzeit im 18. Jahrhundert genannt hat, führt 420 Meter tief in den Fels hinein. Eine Tropfsteinhöhle und auch sonst feucht. Immer wenn das Wetter gerade umschlägt, wie zum Beispiel im Sommer nach einem Regenschauer, dann drückt die warme, feuchte Luft in den Eingang der Höhle. Mitten am Tag wird es dann richtig neblig und düster, aber das dauert nicht lang. Kann auch recht einladend sein, dieses feuchte Klima, zumindest für Fledermäuse. Die mögen die konstante Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Dauerhaft 9 Grad, kein Frost; auch nicht im strengsten Winter. Wer die Höhle betritt, muss sich halt immer warm anziehen. Für die Atemwege aber ist die Luft recht gesund. Und zum Staunen gibt's auch eine Menge. Unter anderem den einzigen bekannten Becherstalagmiten weltweit. Ein Wasserbecken, geformt von Wassertropfen, die seit Jahrtausenden von einem Stalagtiten drüber tropfen.

Fränkische Wässerwiesen

Alles Leben braucht Feuchtigkeit, Wasser. Unsere ganze Nahrungskette ist drauf aufgebaut. Das wussten schon den allerersten Bauern vor rund 10 - 12000 Jahren in Mesopotamien, das wie der griechische Name sagt, mitten zwischen zwei Flüssen liegt - Euphrat und Tigris, im Jordantal oder am Nil. Überall dort trifft reichlich Wasser auf fruchtbare Erde und gleichbleibende Wärme - ideale Bedingungen für Pflanzenwachstum. Es kommt nur darauf an, alle drei Voraussetzungen im richtigen Maß zusammenzubringen. Darauf ist der Mensch vor gut 5000 Jahren gekommen, er hat Bewässerungslösungen entwickelt. Damit konnte er die Fruchtbarkeit der Böden deutlich steigern. Weil solche aufwendigen Bauten aber gleichzeitig wesentlich mehr Zusammenarbeit bedeuteten, förderte der Bau von Bewässerungsanlagen auch die Entwicklung größerer Siedlungen, die ersten Städte entstanden. Die wuchsen dann nicht zuletzt deshalb gewaltig an, weil viel Sonne plus viel Wasser mehrere Ernten im Jahr ermöglicht und damit wiederum wesentlich mehr Leute ernährt. Im Gegensatz zu reinen Regenbaugebieten entstand damit das, was wirtschaftliche Prosperität bis heute ausmacht: Nutzung natürlicher Ressourcen plus Aufbau von Infrastruktur. Etwas ganz Ähnliches lässt sich in Bayern ablesen. Der regenreiche Süden Bayerns ist eher ein Land der Streusiedlung. Erst im Spätmittelalter entwickelten hier die Herzöge eine Stadtlandschaft. Die trockenen Landstriche im mittelfränkischen Becken oder in Oberfranken brachten hingegen schon früh nicht nur große Städte wie die Reichsstadt Nürnberg, sondern auch eine Vielzahl von kleineren Städten und Märkten mit Handwerk und Handel hervor. Möglich gemacht unter anderem durch die sogenannten Wässerwiesen eine jahrhundertealte Bewässerungstechnik, die zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland zählt.

Champignonzucht

Championzuchtanlage in Eßleben

Funchti haben wir gesagt, ist das althochdeutsche Wort, aus dem sich unser neuhochdeutsches feucht entwickelt hat. Zu diesem funchti findet sich aber findet sich auch noch lateinische Verwandtschaft: fungus, der Schwamm, der Pilz. Unter allen Lebewesen, die alle Feuchtigkeit brauchen, gibt es keines das so grundlegend auf Feuchtigkeit angewiesen ist wie Pilze und Schwammerl. Während Tiere und Menschen immerhin zu zwischen 50 und 70 Prozent aus Wasser bestehen, erreichen Pilze hier 90 Prozent und mehr. Freilich - es gibt zum Beispiel die Gurke, deren Frucht zu sage und schreibe 97 Prozent aus Wasser besteht. Dabei aber handelt es sich um eine Pflanze. Und Pilze sind keine Pflanzen, sondern bilden ein eigenes Reich zwischen Pflanzen und Tieren, wobei sie den Tieren näherstehen als den Pflanzen. Pilze nämlich betreiben keine Photosynthese, sondern müssen fressen; das heißt, sie ernähren sich aus organischen Substanzen, sprich von Pflanzen und Tieren. Und dazu brauchen sie viel Wärme und Feuchtigkeit. Wahrscheinlich der Grund dafür, warum die lateinischen fungi, die griechischen spongoi und das deutsche feucht auf die gleiche uralte indoeuropäische Wortwurzel zurückgehen. Wobei: mag mit dem Mai auch der Sommermonsun angehen - so recht anfangen tut die Schwammerlzeit zumindest in Mitteleuropa jetzt noch nicht. Zumindest was die Waldpilze angeht. Champignons aus dem Gartenbau dagegen gibt's das ganze Jahr. Das französische champignon bedeutet schlicht Speisepilz. Denn ihre Kultur begann tatsächlich im 17. Jahrhundert in Paris unter Ludwig XIV. Im 20. Jahrhundert erlebten sie dann einen gewaltigen Aufschwung bei uns in alten Bergwerksstollen und Luftschutzanlagen. Mittlerweile ist die einst rare Köstlichkeit nahezu eine Allerweltserscheinung. Im unterfränkischen Eßleben zum Beispiel wurde vor sechs Jahren eine der modernsten Zuchtanlagen Europas gebaut. Ein Rezept für Champions in Rahm finden Sie hier.

Humidore aus Augsburg

Zigarren-Humidor von Domingo

Wer schon gesehen hat, welche Sprünge Kühe machen, wenn sie nach langen Wintermonaten endlich wieder hinaus auf die Weide dürfen, der weiß, dass auch Tiere Gefühle haben - und Geschmack, versteht sich. Denn frisches saftiges Gras schmeckt ihnen natürlich besser als trockenes dürres Heu. Wie überhaupt ganz trockene Nahrungsmittel selten ein Genuss sind. Zwieback - naja, wers mag. Trockenes Brot soll Kinderbacken rot machen - hat man zwar früher gesagt. Aber der Satz war mit Sicherheit aus der Not geboren. Bröseltrocken, bresltrucka, wie man in Altbayern sagt, bringt man gar nichts hinunter. Das gilt im Übrigen auch - wenn wir jetzt einmal das Feld der Lebensmittel verlassen - auch für Genussmittel wie den Tabak. Jeder weiß, dass Brennholz, je trockener es ist, desto weniger raucht. Beim Tabakgenuss aber ist ja gerade der Rauch wichtig, weshalb Tabak unbedingt feucht sein muss. Das gilt ganz besonders für Zigarren, deren Tabakqualität ja die Luftfeuchtigkeit der Tropen voraussetzt. Große Zigarrengeschäfte besitzen dafür begehbare Klimakammern. Will der Genießer daheim immer eine kleine Auswahl vorrätig haben, empfiehlt sich die Anschaffung eines Behältnisses, die wegen seiner Feuchtigkeitsfunktion Humidor genannt wird. Mit sowas lässt sich das Zigarrenrauchen noch aufwendiger zelebrieren als eh schon üblich - und das Ritual ist ja mit Sicherheit der wichtigste Bestandteil dieser Form des Tabakgenusses. Dem Aufwand sind dabei nach oben keine Grenzen gesetzt. Ein Gitarrenbauer aus Augsburg baut Humidore jetzt ganz ähnlich wie seine kostbaren Instrumente…

Zum Schluss

Fäule, Feuchtigkeit und Humor bringen immer wieder Leben hervor. Der etwas holprige aber nichtsdestoweniger berühmt gewordene Reim stammt von Joachim Ringelnatz. Und wir haben ja tatsächlich gesehen, zu was moorige Fäule und die Säfte des Körpers imstande sind. Und - auch wenn Sie in letzter Zeit zu der Erkenntnis gekommen sein sollten, dass da vielleicht was faul ist im Staate Dänemark - letztlich läufts halt immer drauf hinaus, möglichst viel mit Humor zu nehmen, weil man sonst den ganzen Wahnsinn, der uns täglich umgibt vielleicht wirklich nimmer packt. Und wenns noch ein bisserl feuchter sein muss - was solls?! Waldmeisterbowle kann ich empfehlen jetzt im Mai. Ansonsten genießen Sie den Frühling!


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