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Ferien, Frühstück, Familienanschluss Die Casas Particulares in Kuba

Während AirB’n’B mittlerweile zur schnellen Mieteinnahme dient, lernt man auf Kuba tatsächlich noch das Land durch seine Leute kennen: In den Casas Particulares wohnt man mit seinem Gastgeber zusammen.

Stand: 03.05.2018

Leticia, die Dame des Hauses, schrubbt dreckige Kinderschuhe. Sie lächelt: "Da wunderst du dich wohl?" Aber das tue ich nicht: Wer Gast in einer Casa Particular ist, der nimmt am Familienleben teil. Besonders bei Leuten wie Leticia, Alex und ihrem achtjährigen Sohn. Der jungen Mutter scheint es geradezu angeboren, Gastgeberin zu sein: "Ich war immer schon so. Für uns ist es gut, wenn es den Gästen gut geht. Wenn wir nicht so gastfreundlich wären, gefällt es dem Urlaubern nicht."

Darum liest mir Leticia den Durst nach zwei Stunden Stadtspaziergang von den Augen ab und bietet mir frischen Papayasaft an. Darum kann ich mich in dem alten Kolonialpalast so bewegen als wäre ich hier zuhause. Eine enge Wendeltreppe führt auf die Terrasse auf dem Dach, im Wohnzimmer wippt der Schaukelstuhl, ohne den es in einer kubanischen Casa nicht geht.

Mitten in der Lebensgeschichte der Gastgeber

"Wir haben den Platz, denn wir leben hier nur zu dritt - und klar, wir brauchen das Geld. Vor fünf Jahren hatten wir die Möglichkeit das Haus herzurichten und durch die Vermietung unseren Lebensstandard zu verbessern", erklärt Leticia. Und so lande ich als Fremder sehr schnell bei der Lebensgeschichte der Menschen, bei denen ich für zwei, drei Tage bleibe.

Mal ist es der Taxifahrer, der einen hinbringt, mal eine Empfehlung aus einer anderen Casa. Aber am liebsten überlasse ich es dem Zufall, wenn ich, was oft am besten ist, einfach vorbeistolpere am Zeichen mit dem stilisierten blauen Dach, das ein Haus mit Privatunterkunft in Kuba kennzeichnet. Diese Casa von Leticia steht, mit schattigem Säulenvorbau, an einem der stimmungsvollen Plätze von Holguin, der großen Kolonialstadt im Osten der Insel. "Wir konnten unser Haus herrichten, weil mein Mann auf Mission in Venezuela war. Und von dem Geld, das er von dem Land erhalten hat, haben wir das Bad eingebaut und das Zimmer eingerichtet. Es ist teuer, ein altes Haus in Stand zu setzen."

Wer arbeitet, dem hilft Gott, sagt man auf Kuba

Wie aufs Stichwort geht die Haustür auf, zusammen mit ein paar Fetzen Straßenlärm kommt Alex, der Ehemann ins Haus, das innen wie eine Oase der Ruhe ist. Jeden Morgen muss Alex die aktuellen Gäste offiziell anmelden. "Ich komme gerade vom Meldeamt und davor war ich arbeiten. Wer arbeitet, dem hilft Gott in Kuba – naja, ich glaube nicht dran, aber so lautet die Redensart, oder?"

Umgerechnet rund 50 Euro im Monat verdient Alex als Arzt am Kreiskrankenhaus. Er zählt damit zu den Spitzenverdienern im staatlichen System und damit ist klar, was die Redensart sagen will: Die staatlichen Löhne sind gering. Alex erklärt: "Wir haben beide einen Hochschulabschluss: Ich bin Intensivmediziner und arbeite im Krankenhaus, meine Frau ist Betriebswirtschaftlerin und hat jahrelang in der Bank gearbeitet. Jetzt bringt sie ihre Arbeitskraft in unser neues Geschäft ein."

Die Zimmervermietung bringt mehr als die Arbeit als Arzt

25 Euro kostet eine Übernachtung und auch wenn man die Steuer von rund 80 Euro pro Monat abzieht, lässt sich leicht ausrechnen, dass die Einnahmen durch die Zimmervermietung den Monatslohn schnell um ein Mehrfaches übertreffen. Auch bei seinem Auslandseinsatz als Arzt in Venezuela hat Alex überdurchschnittlich gut verdient. Tausende Kubaner vor allem aus dem Medizinsektor melden sich deshalb gern für eine "Mission", wie die Entsendung heißt. Für die Auslandsarbeiter bedeutet das gutes Geld und für das Land Kuba Devisen und Öl im Austausch gegen kubanische Arbeitskraft.

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"Die Hälfte des Hauses war einmal die Privatpraxis meines Onkels, mit Labor und allem drum und dran. Das war unter der vorigen Regierung. Er war ein typischer Allgemeinmediziner, so wie es viele im Land gab", erklärt Alex. Mit der Revolution 1959 wurde auch das Gesundheitswesen verstaatlicht und es gab keine Privatpraxen mehr. Viele der Ärzte wanderten aus nach Florida. Alex ist trotzdem in die Fußstapfen seiner Vorfahren getreten: "Ich habe einen ziemlich guten Lebenslauf. 25 Jahre praktizierender Arzt,, Ausbilder, aber ich kann keine Privatpraxis aufmachen. Ich arbeite für den Staat. Mir gefällt mein Land… sehr gut." Soweit und nicht weiter. Aber der Unterton ist vielsagend.

Die Gegenwart der sozialistischen Gesellschaft

Nicht nur der Alltag, sondern auch Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Gesellschaft spiegeln sich in der Lebensgeschichte der Menschen. Mit ihrem Haus öffnen sie den Reisenden auch diesen besonderen Eindruck ins Leben. Und mit jedem Haus, in dem man unterkommt, erweitert sich dieser Bilderbogen eines Landes, das es geschafft hat, mit seinem eigenen Modell auf dem amerikanischen Kontinent und gegenüber dem Nachbarn USA zu bestehen und das inzwischen eine ganze Reihe von Krisen überlebt hat.

Rosa Maria ist mit ihrem Haus im nahegelegenen Küstenort Gibara schon ein paar Jahre länger im Geschäft. In großer Seelenruhe zieht sie an ihrer Zigarette und trinkt Kaffee, während zwei von ihr angestellte Frauen aus dem Ort im Patio, dem Innenhof, werkeln. Sie putzen, waschen und bringen die drei Gästezimmer in Ordnung. Rosa: "2002 habe ich mit der Vermietung angefangen. Immer mit Höhen und Tiefen. Damals durftest du nichts dazu bauen; jedes Mal, wenn es deswegen Probleme gab, haben sie dir das Haus zugesperrt oder du musstest Strafe zahlen."

Eine Art Zwischenwelt

Es hat eine zeitlang gedauert, bis sich der Staat mit dem Privatgeschäft anfreunden konnte. "Jetzt ist es besser, aber immer schreiben sie dir ihre Parameter vor: nur dieses, nur bis dahin", erklärt Rosa. Ausgerechnet Fisch und Meeresfrüchte, die bei den Gästen besonders beliebt sind, zählen auf der Insel auch zu einer Grauzone: "Ich darf weder Langusten noch Garnelen anbieten und auch keinen Fisch. Aber es ist wie mit allem: Tauche unter!" Und dann taucht schon das Richtige auf! Über die Jahre und Jahrzehnte haben sich die Menschen hier daran gewöhnt, mit dem Mangel zu leben und irgendwie das Benötigte zu ergattern. Man kennt immer einen, der jemanden kennt, der jemanden kennt...

Am Puls von Land und Leuten

So bilden die Casas Particulares eine Art Zwischenwelt zwischen der stramm sozialistisch organisierten Gesellschaft und dem freien Gastgewerbe, das die Reisenden aus Europa gewohnt sind. Geduld ist eine Lebenstugend und wer hier unterwegs ist, lernt, dass eben nicht alles zu jeder Zeit verfügbar ist, so wie wir es gewohnt sind in der Selbstbedienungs-Überfülle der westlichen Gesellschaften oder der großen All-Inclusive-Hotels der Strandorte, wo der internationale Standard gilt. Wer auf eigene Faust im Land von Casa zu Casa unterwegs ist, der wird dafür immer wieder überrascht und hat wirklich die Finger am Puls von Land und Leuten, die warmherzig und offen sind, wie kaum irgendwo auf der Welt.

Die Beiträge der Sendung

  • Ferien, Frühstück und Familienanschluss - Die Casas Particulares auf Kuba
  • Sei ein Frosch - Der Nationalpark Alejandro de Humboldt
  • Grüne Revolution auf Kuba - Wie Las Terrazas zum Öko-Dorf wurde

Die Songs der Sendung

  • Orquesta Akokan – Cuidado Con El Tumbador
  • Ibeyi – Me Voy feat. Mala Rodriguez
  • Buena Vista Social Club – Lacrimas Negras feat. Omara Portuondo

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Moderation: Bärbel Wossagk


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