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"Strafe" von Ferdinand von Schirach "Bluttaten interessieren mich überhaupt nicht"

In seinem ersten Leben war Ferdinand von Schirach Strafverteidiger. Heute ist er Bestsellerautor - und zeigt in seinem neuesten Erzählband "Strafe", dass auch Durchschnittsmenschen zu Verbrechern werden.

Stand: 06.03.2018

Polizeisperre in Sulbach (November 2017) | Bild: picture-alliance/dpa / KEYSTONE

Die Erzählbände Ferdinand von Schirachs sind in 41 Ländern erschienen - zwei Jahre lang standen sie in Taiwan auf Platz eins. Nach "Verbrechen" und "Schuld" erscheint nun der dritte Band, "Strafe". Der Autor kennt juristische Fälle von zwei Seiten, als Strafverteidiger und als Schriftsteller, und daraus ergibt sich höchste Spannung. Cornelia Zetzsche hat mit Ferdinand von Schirach gesprochen.

Cornelia Zetzsche: Ihre Bücher sind Bestseller, Ihre Erzählkunst ist ein Teil des Erfolgsrezepts, der Fokus auf menschliche Abgründe vermutlich ein anderer. Brauchen wir Menschen den Grusel, die Konfrontation mit dem Abgründigen, dem Schrecklichen?

Ferdinand von Schirach: Ja, ich bin mir nicht so sicher, ob das den Reiz der Geschichten ausmacht. Es ist vielleicht so, dass wir  gerne Kriminalromane lesen oder den Tatort sehen, weil der Gangster zu unserem Stellvertreter wird: Er darf Dinge tun, die wir selbst nicht tun dürften. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Restaurant und werden von dem Kellner blöd behandelt. Normalerweise reißen wir uns dann zusammen und am Ende geben wir ihm auch noch Trinkgeld. Und Tony Soprano würde ihn sofort ohrfeigen oder Al Pacino in "Scarface" würde ihn erschießen.

Ferdinand von Schirach

Das andere ist – und das trifft vielleicht meine Bücher eher – so ein Übergang zwischen unserer ganz geordneten Welt und dem Chaos. Also: Eine Wiese im Sommer, Strohblumen, Hafer, Gras, der Bach, vielleicht sind Ferien, der Geruch des Sommers und plötzlich kommt ein furchtbarer Abgrund, unvermittelt, das Grauen, etwas ist hundert Meter tief, zersplitterte Knochen liegen dort, eine abgeschlagene Hand ein Kopf ohne Augen, und dann geht es wieder weiter mit der ruhigen Sommerwiese. Dieser Gegensatz macht es vielleicht aus. Anders gesagt: Ich glaube, dass unser Leben sehr filigran ist und alles eng beieinander liegt und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb das Dunkle in uns allen ist und diese Geschichten das hervorholen.

Ein weiterer Erfolgsgrund könnte auch sein, dass Sie auf der Basis realer Fälle, verfremdet, aber doch auf der Basis realer Fälle erzählen, dass es einen sehr authentischen Charakter hat, und die Leser wollen ja immer wahre Geschichten.

Die Geschichten sind wahr, das stimmt. Aber sie sind es nicht, weil sie die Wirklichkeit wiedergeben, sondern sie sind es in einem anderen, in einem tieferen Sinn. Ich stehe als Anwalt unter Schweigepflicht und dagegen zu verstoßen, wäre für mich eine Straftat. Die Geschichten sind nicht eins zu eins eine Wiedergabe der Wirklichkeit. Sie müssen sich das so vorstellen, vielleicht wie in einer alten Druckerei, Sie erinnern sich, da gibt es so schöne Setzkästen aus Holz und in denen ist dreißig Mal das A und zehnmal das E. Als Strafverteidiger habe ich in fünfundzwanzig Jahren eben viele Menschen kennengelernt und viele Situation erlebt und die setze ich in den Geschichten neu zusammen. Sie geben nicht die Wirklichkeit wieder, aber die einzelnen Teile sind vollkommen wahr.

Ihr Personal, das sind auf den ersten Blick Durchschnittsmenschen, Eheleute, Nachbarn, eine junge Mutter, ein Freund, eine Witwe, aber hinter diesem normalen Alltag lauern Abgründe, auch ungewöhnliche Sexualpraktiken, physische, seelische Grausamkeit, Mord. Das heißt, jeder von uns könnte zum Verbrecher werden?

Ja, das glaube ich, und das ist auch meine Erfahrung. Das Problem ist, dass wir das nicht glauben. Wir glauben am Anfang immer, dass der Verbrecher etwas ganz anderes ist, eine Art Alien. Vor kurzem fragte eine Studie, wie viele Menschen sich schon einmal ernsthaft überlegt hätten, also nicht nur so dahingesagt, sondern ernsthaft überlegt hätten jemanden umzubringen. Es waren tatsächlich fünfzig Prozent. Wir sind alle nicht so weit entfernt vom Verbrechen, dass wir das verachten oder dass wir uns darüber erheben.

Die Beispiele, die Sie schildern, haben zwar extreme Wirkung, aber die Ursachen sind ganz leise. Die Grundstimmung ihrer Fallstudien, ihre Gerichtsfälle, sind Verzweiflung, Einsamkeit, existenzielle Not. "Die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit, und alles andere auch", heißt es in der letzten Geschichte. Das ist das Programm? Die Fremdheit, die Einsamkeit?

Ich glaube, dass die meisten Menschen tatsächlich einsam sind, auch wenn sie in einer Partnerschaft leben, auch wenn sie einen Beruf haben, in dem sie jeden Tag in ein Büro gehen und Kollegen treffen und so weiter. Diese Einsamkeit lässt sich nicht gut auflösen. Sie ist eine Grundstimmung in den meisten Menschen, also in mir zumindest. Deswegen klingen meine Geschichten so, wie sie geschrieben sind.

Interessant ist, dass kein Verbrechen in dem Band vom Erzähler beurteilt, gewertet wird, schon gar nicht negativ. Dabei ist es doch, denke oder dachte ich mir beim Lesen, ein Desaster, was Menschen anderen Menschen antun.

Ja, aber das Urteil ist nicht klug. Das Interessante ist, sich das anzuschauen.

Sie erzählen mit großer Distanz, fast im Protokollstil, auf ein Minimum reduziert, mit größter Genauigkeit, nicht selten mit einer Pointe. Wie haben Sie diesen Stil entwickelt?

Das ist sehr freundlich, dass Sie das so sagen, aber ich habe das gar nicht entwickelt, sondern ich habe das einfach so geschrieben. Und ich glaube schon, dass man ein bisschen schreibt, wie man ist, und ich bin sehr distanziert. Ich war mal in einem Schreibseminar eingeladen, dort fragte mich eine junge Frau, wie man beschreibt, dass jemand atmet. Wenn Sie beschreiben wollen dass jemand atmet, dann schreiben Sie entweder gar nichts – denn wenn er nicht mehr atmet, ist er tot – oder Sie schreiben: "Er atmete", mehr nicht. Das ist tatsächlich vielleicht in jedem Beruf so: Es ist ja gleichgültig, ob wir Tischler oder Ärzte oder Schriftsteller sind, wir wollen diese eine Sache richtig machen, und dafür entwickelt man, wie Sie sagen, einen Stil oder der Stil ist da, und genau so arbeitet man dann.

Gleich in der ersten Geschichte ihres Bandes "Strafe" mit dem Titel "Die Schöffinnen" bleibt das Trauma der Schöffin, die Gewalterfahrung in der Kindheit, unausgesprochen. Das ist ganz typisch für ihre Erzählweise: Sie schildern ja weniger die grausame Tat als die Rekonstruktion des Falles. Hat das einfach damit zu tun, dass Sie als Strafverteidiger diese Erfahrung so gemacht haben oder hat es auch zu tun mit dieser Erzählhaltung der Distanz?

Mit beidem glaube ich. In einem Krimi geht es ja oft um eine möglichst umfangreiche Schilderung der Tat und eine möglichst komplizierte Tat. Aber ob jemand mit einem Messer oder mit einem Schal oder mit einer Pistolenkugel getötet wird, ist vollkommen uninteressant. Das Interessante ist der Mensch dahinter, um diesen Menschen drehen sich die Geschichten. Es gibt auch keine Frage, wer es war in meinen Büchern, das steht ja immer schon fest. Die Spannung entsteht daraus, wie es ist dazu gekommen ist. Mich interessieren Bluttaten überhaupt nicht.

"Strafe", Ihr neuer Erzählband, enthält zwölf Geschichten von seelischer und physischer Grausamkeit. Eine Schöffin muss urteilen und leidet selbst unter der Gewalterfahrungen der Kindheit. Ein Mann wird gewalttätig für eine Puppe, seine Lebensgefährtin. Ehefrauen töten aus Verzweiflung, aus Rache, als Akt der Befreiung. Das alles erzählt mit großer Authentizität, nicht nur weil juristische Vokabeln darin auftauchen, sondern weil Sie aus dem juristischen Alltag schöpfen. Wann wird denn ein Fall für Sie zu einem literarischen Motiv, das Sie dann entsprechend verwenden und verfremden?

Das kann ich so nicht sagen. Das sind ja – wie ich vorhin sagte – nicht einzelne Fälle, sondern zusammengesetzte. Mich interessiert an einer Geschichte auf der einen Seite das ganz Normale dieser Geschichte und gleichzeitig das Außergewöhnliche, das Abgleiten in eine dunklere Sphäre.

Haben Sie manchmal Unbehagen, aus persönlichen Geschichten so einen literarischen Erfolg zu machen?

Nein gar nicht. Es sind ja Szenen aus verschiedenen Mandaten und kleine Gespräche mit verschiedenen Mandanten oder mit Richtern oder Staatsanwälten. Aus diesen vielen Splittern setzte ich eine neue Geschichte zusammen. Damit wird niemand verletzt und niemand vorgeführt. Ich fände es schrecklich und würde so etwas niemals machen und darf es natürlich auch nicht, eine Geschichte, die genau so passiert ist, wiederzugeben. Das kommt gar nicht infrage.

"Strafe" von Ferndinand von Schirach ist beim Luchterhand Literaturverlag erschienen.